Reconversion

Ruinen bewahren und Neues schaffen. Thom Andersen schweift durch die architektonischen Welten von Eduardo Souto Moura.

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Nicht selten handeln Thom Andersens Filme von Architektur, wenn auch keineswegs von kanonischen Bauwerken. Sein Kompilationsfilm Los Angeles Plays Itself (2003) etwa setzt sich aus Ausschnitten von Spielfilmen, die in L.A. gedreht wurden, zusammen und zeigt, wie in der Parallelwelt des Kinos eine virtuelle, anders geordnete Stadt entsteht. In seinem letzten Film Get Out of the Car (2010) widmete sich der Regisseur dagegen Schildern, Graffiti und Wandmalereien als Relikten in einem menschenleeren, apokalyptisch anmutenden Los Angeles. Wenn Andersen nun mit Reconversion (Reconversão) nach Portugal reist, um sich den Bauwerken, mehr aber noch der Bauideologie von Eduardo Souto Moura zu nähern, beschäftigt er sich damit nicht nur zum ersten Mail mit einer Umgebung außerhalb seiner Heimatstadt, sondern auch mit einem international bekannten Architekten.

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Ein bestimmendes Element im Schaffen Souto Mouras sind Ruinen. Oft sind es die Beschränkungen alter Mauern, von denen die Struktur des Neubaus bestimmt wird. Dabei zeigt sich der Architekt nicht an der romantischen Aura von Ruinen interessiert. Vielmehr begreift er sie als Rohmaterial und verwandelt sie die durch die Kombination mit eigenen Entwürfen zu etwas Neuem. Es finden sich viele spannende und zeitgemäße Ansätze im Schaffen Souto Mouras. Faktoren wie die unmittelbare Umgebung oder die Veränderung im Laufe der Zeit werden dabei immer mitgedacht. So wird die Natur von seinen Bauwerken nicht bezwungen, sondern werden, im Gegenteil, die Gebäude in die Landschaft integriert. Bei manchen totalen Einstellungen des Films muss man zweimal hinsehen, um zwischen Wiesen, Hügeln und Granitmauern den modernistischen Neubau zu entdecken. Von dieser Eigenheit des Architekten hat Reconversion auch seinen Titel, der eine Rückverwandlung beschreibt, also eine Vorgehensweise, bei der mit dem Bewusstsein für die Vergangenheit etwas Neues geschaffen wird.

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Reconversion ist ein Essayfilm, der einem auf den ersten Blick etwas konventionell erscheinenden Aufbau folgt: Das Werk eines bekannten zeitgenössischen Architekten wird porträtiert, indem Aufnahmen seiner wichtigsten Bauwerke zu sehen sind und von Zitaten Souto Mouras aus dem Off ergänzt werden. Doch Andersen gelingt es durch seine assoziative Herangehensweise trotzdem, dem Porträt eine sehr spezifische Form zu verleihen. Immer wieder führt es ihn weg vom eigentlichen Gegenstand. Einmal schweift er angesichts der vielen Importgüter in einem Haus ab zu einem portugiesischen Punksong, ein anderes Mal besucht er ein eher unbedeutendes Bauwerk nur aus dem Grund, weil ihn ein Durchgang und die angrenzenden Parkgaragen an seine Heimatstadt L.A. erinnern. Andersen schafft immer wieder Platz, um die eigene Person mit einzubringen. Das ist durchaus angebracht, weil es sich hier um den Blick eines Ausländers handelt, wird aber auch von einem seltsamen Verfremdungseffekt begleitet, weil Andersens Text nicht von ihm selbst, sondern von Encke King, der auch Los Angeles Plays Itself seine Stimme lieh, gesprochen wird.

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Vergleicht man Reconversion mit den aktuellen Architekturfilmen anderer Experimentalfilmer, zeichnet sich die besondere Qualität von Andersens Ansatz noch stärker ab. Er hält seine Einstellungen zum Beipiel nicht so lange, damit der Zuschauer in ihnen versinken kann, wie es James Benning (One Way Boogie Woogie 2012) tut, sondern nur, bis die entsprechende Information übermittelt ist. Und er misst die Bauwerke auch nicht mit eigenwillig fragmentierten Einstellungen aus, um die Gebäude für sich sprechen zu lassen, wie es Heinz Emigholz (Perret in Frankreich und Algerien) macht, sondern greift auf Voice-over und ein seltsam bilinguales Gespräch mit dem Architekten zurück. Reconversion reduziert den Freiraum des Zuschauers auf ein Minimum und bietet ihm dafür eine nicht ganz lineare, aber umso unterhaltsamere Führung durch das Werk eines Architekten. Interessant dabei ist auch, wie die politische Realität der Vergangenheit und Gegenwart einbezogen wird. So wie Souto Moura sich alte Mauern aneignet, tun es auch die gegen die Regierung gerichteten Graffiti, die der Film an manchen Stellen ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt.

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Am stärksten grenzt sich Andersen jedoch von seinen Kollegen ab, weil er den Großteil von Reconversion mit nur zwei Bildern in der Sekunde gedreht hat und den dokumentarischen Aufnahmen damit ihren Naturalismus austreibt. Es dauert eine Weile, bis man sich an dieses Stilmittel gewöhnt hat, das zunächst wie ein bemühtes Experiment mit der neu gekauften Digitalkamera wirkt. Doch die holprig animierten Einzelbilder erweisen der Architektur letztlich ihren Dienst. Jegliche Bewegung, von Menschen bis zu im Wind zappelnden Büschen, wirkt plötzlich nicht mehr flüssig, sondern verschwimmt mit ihren ruckartigen Bewegungen fast bis zur Unkenntlichkeit. Als Resultat schweift der Blick unweigerlich zu den statischen Bildelementen: der Architektur Souto Mouras.

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Blick man zurück in Andersens Filmografie, bis hin zu seinem Porträt des mit Serienaufnahmen experimentierenden und damit als Pionier des Laufbildes geltenden Fotografen Eadweard Muybridge (Eadweard Muybridge, Zoopraxographer, 1975), eröffnet sich noch eine weitere Parallele. Denn so wie Souto Moura die Materialität alter Mauern bewahrt, um etwas Neues zu schaffen, so entsteht Andersens digital gedrehter Film, indem er sich einer Methode aus einer Zeit bedient, in der die Bilder erst holprig laufen konnten. Ganz seinem programmatischen Titel entsprechend, verwandelt Reconversion das Medium zurück zu seinen Anfängen.

Trailer zu „Reconversion“


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