[REC]

Zombies im Mietshaus: Aus Spanien findet einer der besten Splatterfilme der letzten Jahre seinen Weg auf deutsche Leinwände.

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Der Regisseur Jaume Balagueró machte sich in den letzten Jahren einen Namen durch zwei exzellent inszenierte altmodische Geisterfilme (Darkness, 2002; Frágiles, 2005). In seinem neuen Werk [Rec], einer Kollaboration mit Paco Plaza, der unter Genreliebhabern ebenfalls kein unbeschriebenes Blatt ist, tauchen erstmals in Balagueros Filmografie Zombies auf.

Das Subgenre des Zombiefilms besitzt nicht dieselbe Zeichenökonomie wie die meisten anderen Spielarten des Horrorkinos. Im klassischen Gruselfilm bleibt der Schrecken oft off-screen, am Rande der Darstellbarkeit. Schließlich inszenieren diese Filme Grenzüberschreitungen zwischen Sichtbarem und nicht Sichtbarem, Psychischem und Körperlichem. Im Zombiefilm ist solche Zurückhaltung nicht möglich. Zombies in ihrer modernen Inkarnation seit George A. Romeros Die Nacht der lebenden Toten (Night of the Living Dead, 1968) sind fiktive humanoide Kreaturen, deren herausragende Eigenschaft darin besteht, Menschenfleisch zu fressen. Zombies interessieren sich nicht für Psychologie. Zwangsläufig muss in den Filmen das Sichtbare und Körperliche dominieren.

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[Rec] schreibt das Problem der Sichtbarkeit direkt in die Handlung ein. Diese dreht sich um ein kleines Team eines lokalen spanischen Fernsehsenders, bestehend aus der Moderatorin Ángela (Manuela Velasco) und ihrem Kameramann Pablo. Von Pablo bekommt man bis kurz vor Schluss nicht mehr zu sehen als ab und an seine Füße, denn der Film besteht ausschließlich aus dem Material, das Pablos fiktive Kamera aufnimmt. Die beiden wollen einen Beitrag über den Alltag in einer Feuerwehrwache filmen. Zunächst ist dies genauso langweilig, wie es sich anhört. Die ersten Stunden der Nacht verstreichen ereignislos, und als doch ein Notruf eingeht, scheint es sich um eine bloße Routinefahrt zu handeln. Doch bereits die massive Polizeipräsenz am Einsatzort sollte Feuerwehr und Kamerateam eigentlich stutzig machen.

Filme des Blair-Witch-Typs besitzen stets das Problem, dass die anfänglich etablierte Motivation der Kameraaufzeichnung streng genommen wegfällt, sobald es um Leben und Tod geht. Warum weiterfilmen, wenn ein Monster die Freiheitsstatue köpft (Cloverfield, 2007) oder wenn man sich in der Gewalt eines Psychokillers befindet (Focus, 1996)? [Rec] versucht das Problem durch einen Verweis auf journalistische Ethik zu umgehen. Ángela und Pablo sehen es als ihre Pflicht an, die grausamen Vorgänge innerhalb des Mietshauses zu dokumentieren. Auch die Bewohner bitten sie, die Kamera nicht abzuschalten, da das Filmmaterial möglicherweise in der Zukunft vor Gericht benötigt werde. Schließlich verhält sich nicht nur die offensichtlich geisteskranke, blutverschmierte Frau im ersten Stock merkwürdig, sondern auch die Polizei. Diese sperrt alle Anwesenden hinterrücks ein und beginnt damit, das Gebäude zu versiegeln.

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Der Kamerablick besitzt innerhalb der Handlung eine moralische Dimension. Und auch wenn diese Konstruktion in einem Genrefilm wie [Rec] in erster Linie Vorwand für umso insistierendere Blicke auf spritzendes Blut und offene Wunden ist, so ergeben sich daraus dennoch interessante Konstellationen. Schließlich finden sich nicht viele Filme, die ihre Story nach der Hälfte der Laufzeit unterbrechen, um die beteiligten Personen zu interviewen. Die entsprechende Sequenz in [Rec] geht dabei erstaunlich ausführlich vor und thematisiert Rassismus sowie soziale Spannungen zwischen den Bewohnern.

Doch die Kamera kann noch mehr. Nach einer der ersten Attacken bittet Ángela ihren Kameramann, diese noch einmal sehen zu dürfen. In einer Sequenz, die möglicherweise nicht ganz zufällig an die berühmteste Szene in Michael Hanekes Funny Games (1997, demnächst kommt unter dem Titel Funny Games U.S. ein ebenfalls von Haneke inszeniertes amerikanisches Remake in die deutschen Kinos) erinnert, spult sich der Film selber zurück. In Funny Games wird auf diese Weise etwas aufdringlich der Voyeurismus des Publikums sowie die Mechanismen des Mainstreamfilms, die diesen Voyeurismus bedienen, attackiert.

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Als Haneke-Zuschauer ist man immer schon auf der sicheren Seite und schaut von außen auf das böse Manipulationskino. Die entsprechende Szene in dem spanischen Horrorfilm ist ambivalenter: Der Blick der Hauptfigur ist von dem des Films und dem des Kinogängers nicht zu trennen. Nicht nur der Bildstatus wird unsicher. Im Gegensatz zu Funny Games bietet [Rec] dem Zuschauer nicht die Möglichkeit, sich gemeinsam mit dem Regisseur über die Figuren zu stellen. Stattdessen zwingt der Film sein Publikum dazu, sich mit der Perspektive und dem Voyeurismus nicht nur der Hauptfigur, sondern auch der Kamera zu identifizieren. Dieses Vorgehen entspringt weniger filmästhetischer Reflektion von Seiten der Regisseure als dass es den Effekt eines gut ausgearbeiteten Thrillerplots darstellt. [Rec] ist Haneke halbreflektiert und gerade deshalb effektiver, wenn nicht intelligenter.

Stets bleibt [Rec] Unterhaltungskino. Auch als solches funktioniert der Film zumindest bis kurz vor Filmende ausgezeichnet. Trotz der subjektiven Kamera, die in ähnlichen Projekten oft für überflüssige Längen sorgt, spult [Rec] sein Programm mit hoher Geschwindigkeit ab. Konsequent reduziert der Film seinen Handlungsraum auf ein Mietshaus und seine Handlungszeit auf einige wenige Stunden von Mitternacht bis Morgengrauen und erinnert nicht nur in dieser Hinsicht an Romeros modernen Klassiker. Leider vertrauen die Regisseure am Ende des Films nicht mehr auf die Tragfähigkeit der Ausgangssituation und laden den Plot mit religiös verbrämten Verschwörungstheorien auf. Immerhin gelingt es, diese unnötige Hintergrundgeschichte auf ein eingängiges Schlagwort zu verengen: Chemie und Kirche. Diese beiden Instanzen sind Schuld an der Misere. Die Qualitäten dieses außergewöhnlich guten europäischen Horrorfilms – dessen US-Remake bereits in den Startlöchern steht – liegen jedoch anderswo.

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Kommentare


Seher

Haneke halbreflektiert? Häh?

Ich habe die beschriebene Szene als billige selbstreferenzielle Spielerei empfunden, die ganz nebenbei den für die Spannung wichtigen (Pseudo-)Realismus zerstörte. Ansonsten bedient der Film wirklich jedes Horrorfilmklischee inklusive des total nervigen "hinter-dieser-Tür-ist-ein-Monster-am-besten-stelle-ich-mich-mal-mit-dem-Rücken-direkt-davor-Verhaltens". Das Ende war, mal abgesehen davon, dass es sehr von "Das Schweigen der Lämmer" und "Blair Witch Project" "beeinflusst" war, total lächerlich. Man möchte den Regisseuren zurufen: Hallo, wir befinden uns im dritten Jahrtausend. Der Teufel ist nicht mehr gruselig. Vielleicht bin ich ja zu abgebrüht. Andererseits habe ich mich bei Blair Witch Project richtig gegruselt. Nein, ich denke, Rec war einfach schlecht.


Lisa b.

Der Film hat mir sehr Gut gefallen Weil auch manche Sachen Passiert sind wo man es überhaupt nicht geahnt hat. Ich persöhlich fande das der Film sehr gut gemacht war und NICHT billig ...Das Ende War zwar kein happy end aber ich fande es zum Film passend...Ich würde mir den Film noch zig andere male angucken können .


Harald

Haneke hätte den Film bestimmt nicht spannender gemacht. Aber wahrscheinlich hätte er ihn gar nicht gemacht.

Fazit: Nicht so anspruchsvoll wie "Cache"
Nicht so spannend wie Blair Witch aber solider, gut gemachter Horror mit Psychoeffekten


MehrSeher

Seher du Pseudointellektueller, wenn dich Filme nicht mehr schocken, was ich dir übrigens nicht glaube, dann guck dir sowas nicht an. Groß mit Worten wie "selbstreferenziell" herumzuhantieren ist wirklich typisch für Leute, die sich für schlauer halten, als der Rest der Bevölkerung.

Bei dem Film handelt es sich um einen Horrorfilm, der es meiner Meinung nach gut schafft, mich zu schocken. Und genau das soll er auch, nicht mehr und nicht weniger.

Wer hier spannungsvolle Dramen erwartet, sollte zurück in die Welt der Bücher flüchten.


KobeTai

ein guter Horror-Film der es schafft, den Zuschauer zu schocken.

Seher muss einen anderen Film gesehen haben.

LG KobeTai






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