War Witch

Wie man sich in einem Knäuel aus materieller und informationeller Habsucht verfängt.

Rebelle

Filme wie War Witch (Rebelle) bringen ihre Zuschauer in Verlegenheit. Wo kommen sie her, fragt man sich, an wessen Blick richten sie sich, welche Autorität verbürgt ihre Legitimität? Ein Schocker über Kindersoldaten und Coltanschmuggel, in aufklärerischerem Gestus gedreht von einem Kanadier, der sich von Zeitungsartikeln hat inspirieren lassen: Hier haben wir eine jener politisch-ästhetischen Travestien, die letztlich wenig mit der beobachteten Gesellschaft, aber viel mit derjenigen zu tun haben, der sie entstammen. Der Film behauptet, den Menschen im Kongo eine Stimme zu geben, doch in Wirklichkeit setzt sich hier nur die westliche Welt mit ihrem eigenen schlechten Gewissen auseinander.

Komona (Rachel Mwanza) wird keine Wahl gelassen: Entweder sie richtet die eigenen Eltern mit der hingestreckten AK-47 hin, oder der Führer der Rebellenmiliz hackt beide mit seiner Machete in Stücke. Nach dieser „Rekrutierung“ wird sie mit anderen entführten Kindern durch den Dschungel getrieben, verprügelt, zugerichtet, getriezt. Bald erkennt der jugendliche Albino-Magier (Serge Kanyinda), dass Kamona besondere Fähigkeiten hat, nämlich mit den Geistern des Dschungels in Verbindung steht. Zwischen den beiden entspinnt sich inmitten der Gewalt eine zarte, magisch angehauchte Liebe.

Rebelle 01

Regisseur Kim Nguyen will bei seiner Beobachtung einer kindlichen Lebenserfahrung unter extremen Bedingungen die eigene Involviertheit verschleiern, will jede Spur einer Fremdperspektive tilgen. Das Geschehen soll wahrgenommen werden, als entspringe es unmittelbar dem afrikanischen Leben, frei von äußerlicher Kontamination. Nähe ist dabei das Zauberwort, im Zweifel immer nahe ran an die Gesichter, die Haut, an die Schweißperlen, die rauen Stoffe. Der fotografische Beweis soll die Inszenierung unter sich begraben. Die Kamera bleibt immer mobil, so gut wie ausnahmslos von Hand geführt, sie rennt und springt zusammen mit den Figuren, teilt deren Angst, die Panik, überhaupt das Schicksal.

Aber War Witch ist ganz deutlich ein Produkt der visuellen Imagination, er ist viel klarer in der Filmgeschichte zu verorten als in realen Lebenszusammenhängen. Nach einer knappen Viertelstunde hat Nguyen seine Kindersoldaten schon durch alle emblematischen Hollywoodkriegsfilme gejagt: von einem Angriff aus Booten auf ein Dorf am Strand (Saving Private Ryan, Steven Spielberg, 1998) über eine Drillszene, in der die „You are married to your rifle!“-Rede aus Full Metal Jacket (Stanley Kubrick, 1987) variiert wird, bis hin zu einer drogeninduzierten Horrorerfahrung im Dschungelkampf, unterlegt mit psychedelischer Musik (Apocalypse Now, Francis Ford Coppola, 1979). In seiner Bildsprache und seiner Metaphorik tritt Nguyens Verwurzelung in der westlichen Kinokultur zutage, und diese Einsicht verträgt sich nicht gut mit der generellen Stoßrichtung des Films.

Rebelle 02

Bei aller Kritik darf jedoch nicht unterschlagen werden, dass War Witch auf keinen Fall ein reiner Kriegsfilm ist. Alles in allem nehmen Szenen der Grausamkeit und der gewalttätigen Auseinandersetzung nur einen geringen Teil der Laufzeit ein, stattdessen gibt es viel inszenierten Alltag. Das ist wichtig, denn man vergisst leicht, dass sich all die Konflikte um Menschen und Erze innerhalb eines steten, ganz ordinären Lebensflusses ereignen. So gleitet War Witch ganz bruchlos vom Kriegsdrama in eine Jugendromanze hinüber, die kleinen Soldaten tauschen ihre Uniformen gegen Alltagskleidung und stecken ihre Kalaschnikows weg. Das ist die andere Seite von War Witch, und in diesem schlichten, unprätentiösen Nebeneinanderstellen zweier Lebenszusammenhänge, die sich doch eigentlich ganz und gar ausschließen müssten, nähert er sich am ehesten so etwas wie einer afrikanischen Perspektive an. Doch das reicht nicht, um das offensichtliche Kalkül der Themenwahl zu relativieren. Spätestens nach einer ohne ersichtlichen Grund eingebauten Szene in einer Albino-Siedlung offenbart sich Nguyen als braver Amnesty-Newsletter-Empfänger, der keines der Top-Themen aus Ostafrika unkommentiert lassen will.

Letztlich ist War Witch nur eine von unzähligen Manifestationen des imaginären Kampfes zwischen globalisiertem Kapital und globaler Informiertheit. Es ist dies eine der verrücktesten, kompliziertesten Facetten westlicher Wohlstandsgesellschaften: globalisierte Gegenwart und koloniale Vergangenheit als wesenhaften, unabänderlichen Ausbeutungszusammenhang zu begreifen, den internationalen Nachrichtenfluss jedoch als potenziell neutrales, überstaatliches Mittel der Informierung anzusehen. Egal, in wie vielen Hinsichten sich investigativer Journalismus und die Bereicherung durch Ausbeutung afrikanischer Bodenschätze unterscheiden: Beide speisen sich aus einer invasiven Gier vonseiten der Hegemone, beide bedienen Bedürfnisse hier mit Rohstoffen von dort. Diesen Zusammenhang kein bisschen zu problematisieren, ihn sogar in gewisser Weise hintergehen zu wollen, macht War Witch so problematisch.

Doch ist es schmerzhaft, ein solches Urteil auszusprechen. Man kann sich des Gefühls nicht erwehren, intellektuell unerbittlich zu sein und damit in einer weiteren Paradedisziplin unserer Werteverteilung zu brillieren. Im Zweifel ist es immer besser, Filme wie War Witch zu drehen und zu konfrontieren, als in das Schweigen reflektierender Schockstarre zu verfallen. Die Verstrickung zwischen unseren so widersprüchlich scheinenden, doch so eng verwandten Rollen der globalen Verbrecher und des globalen Gewissens erfordert stete kreative Arbeit, um problematisiert und hinterfragt zu werden. Doch der Weg von War Witch ist eine Sackgasse.

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