Ray

Ein zu 90 Prozent verbürgter Film über Ray Charles? Taylor Hackford präsentiert einen handwerklich soliden Versuch das Leben von Ray bis zu seiner Verhaftung wegen Drogenbesitzes psychologisch motiviert darzustellen. Die Vielschichtigkeit des Lebens des legendären Musikers - von einem glänzenden Jamie Foxx verkörpert - erscheint dabei jedoch als etwas zu determiniert.

Ray

15 Minuten und 18 Sekunden ist er offensichtlich zu lang. Der in enger Zusammenarbeit mit dem repräsentierten Protagonisten entstandene Film über Ray Charles Robinson, in den USA bereits ein großer Erfolg, ist nach Auskünften des Regisseurs und Drehbuchautors zu 90 Prozent verbürgt. Die angebliche Authentizität des Biopics, ein maßgebliches Verkaufsargument von Ray, leitet einen jedoch weg von der eigentlichen Frage: Wird das Leben von Ray angemessen und filmisch interessant umgesetzt? Belanglos ist die Diskussion darüber, wie viel Hackford erfunden und interpretiert hat, mit Sicherheit nicht, aber von wem muss ein Film – gerade über einen Blinden – bestätigt werden, um als wahr zu gelten? Die sich bewegenden Bilder, die das audiovisuelle Werk prägen, können jedenfalls selbst im besten Falle nur eine Übertragung der Berichte des Titelgebers sein.

Ray beschreibt den Aufstieg des im Juni vergangenen Jahres verstorbenen Jazz-, Soul-, R’n’B-, Rock’n’Roll-, Country-, Western- und Gospel-Musikers Ray Charles. Abgesehen von den tragischen Erlebnissen seiner Kindheit, wird die Jugend des Weltstars kaum beleuchtet, der Film konzentriert sich vielmehr auf die 50er und 60er Jahre, dem Anfang seiner Ende der Vierziger zunächst schwierigen aber im Film bald erfolggekrönten Karriere bis zum Absturz durch seine Drogensucht. In diese Zeit fallen die meisten seiner großen Hits wie „I Can’t Stop Loving You“, „Hit The Road Jack“, und „What’d I Say“. Neben der Musik liegt ein wesentliches Augenmerk auf der Person, deren Liebesleben und Heroinkonsum.

Ray

Taylor Hackfords neues Werk ist ein sowohl formal als auch dramaturgisch konventioneller Versuch, Abschnitte von Ray Charles Leben nachzuzeichnen und dabei die psychologischen Motivationen seines Handelns eindringlich zu machen. Einschneidende Erlebnisse aus seiner Kindheit – insbesondere aus der Zeit in der er seinen Bruder ertrinken sieht und am grünen Star erblindet – führen nicht nur Anfangs in die Lebensgeschichte des Musikers ein, sondern werden auch im Verlauf der Geschichte immer wieder in Form von Rückblenden herangezogen, um frei von Subtilität Ray Charles’ Gegenwart als die fast schon lineare Folge dieser Ereignisse zu erklären. Grotesk, aber nicht absurd, wirken die Szenen, in denen Charles’ Taktilsinn Halluzinationen ausgesetzt ist. In der Linie des traumatischen Verlustes seines Bruders, glaubt er immer wieder Wasser zu fühlen. Aber auch sein Erfolg erscheint schicksalhaft und selten als Resultat einer Entwicklung. Sein Weg zur Musik, seine Prägung – vom klassischen Unterricht an der Schule bis zu den Sessions mit anderen Jugendlichen - wird im Grunde genommen gänzlich ausgelassen, wenn man den in anekdotischer Form erfassten ersten Kontakt mit der Musik einmal ausnimmt.

Besonders gelungen ist die Darstellung des gebrochenen Star-Charakters vom Anfang der Sechziger, nach dem Wechsel zur Major-Plattenfirma ABC und vor seiner Verurteilung wegen Drogenbesitzes, ein für die Figur als Umbruchszeit erscheinender Abschnitt: Am Höhepunkt seiner Karriere scheint Ray Charles zwiespältiger denn je, das musikalische Genie ist gleichzeitig heroinabhängig und betrügender Ehemann. Taylor Hackfords Protagonist wird durch all seine Erfolge nicht zum Sieger – die Inszenierung des Menschen Ray Robinson entspricht einer durchaus differenzierten Sichtweise des Selbstdarstellers Ray Charles. Jamie Foxx’ Interpretation füllt ihn mit Leben und ermöglicht Ray auf der fortschreitenden Zeitebene zu überzeugen.

Ray

Der Mainstream-Regisseur Hackford (Ein Offizier und ein Gentleman, An Officer and a Gentleman, 1982, Im Auftrag des Teufels, The Devil’s Advocate, 1997) inszeniert Ray als Hollywood-Film mit Pathos und doch erscheint er mehr denn je als selbstständiger Künstler, der seine Ideen umzusetzen vermag. 15 Jahre hat er gebraucht, um sein Herzensprojekt zu realisieren. Da verwundert es dann auch nicht mehr, dass er als Autor die wahre Geschichte zeichnet, die allein schon durch die Wahl der Lebensabschnitte stark bestimmt wird. Seine subjektive Sichtweise auf Ray Charles, dessen Fiktionalisierung auch in der Kontextualisierung durch den grandiosen Schnitt von Paul Hirsch (Star Wars, 1977) deutlich hervortritt, macht den Film zu einem unterhaltsamen und zugleich lehrreich erscheinenden psychologischen Star-Portrait. Dessen eindeutigen Motivationen und auch die streckenweise plakative Symbolik von Blindheit und Licht sind der Preis den man für die Realisierung im Hollywood-System nun mal zahlen muss.

Wer sich einen über die bloße Thematisierung des Schwarzseins und der Segregation hinausgehenden politischen Diskurs erhofft, wird jedenfalls enttäuscht. Mut hat es den beteiligten Produzenten offensichtlich dennoch abverlangt - allein wenn man die Finanzierungszeit betrachtet - die Geschichte eines Behinderten und Schwarzen in das Zentrum eines Films zu setzen.

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