Rango

Eine Echse sucht im Dreck nach Wasser und nach ihrem Ich. Im Western-Frühjahr 2011 bekommt True Grit animierte Konkurrenz.

Rango 01

Ein Chamäleon, durch eine Glasscheibe von der Welt getrennt. Übersetzt: Ein nicht greifbarer Charakter im Zustand totaler Isolation. So die Ausgangslage des noch namenlosen Helden in Rango. Seine Gefährten im Terrarium sind ein Plastikfisch und ein Frauentorso, mit denen er selbstausgedachte Theaterstücke inszeniert. Geschichten erzählen kann er, doch die Stücke scheitern, weil er für sich selbst keine Rolle findet. Dann bricht das Glas, der Held wird in die Welt geworfen (das Terrarium fällt auf einer Schnellstraße vom Auto), und zur inneren kommen äußere Krisen, tödliche Gefahren; die über den Highway rasenden Trucks, die Luftangriffe eines Habichts, Dauerstress von Anfang an. Doch mit der Ankunft im Wüstenstädtchen „Dirt“, das mitsamt Einwohnerschaft so aussieht, wie es heißt, findet der Held endlich Namen und Rolle, die zumindest für eine knappe Spielfilmlänge reichen.

Als er in einem furiosen Duell mit mehr Glück als Verstand den Habicht besiegt und das Dorf von seiner größten Bedrohung befreit, nimmt man Rango die Heldenrolle ab, in die er sich fabulierte, und ernennt ihm flugs zum Sheriff. Der Fokus wechselt von der Identitätskrise des Einzelnen zur von außen bedrohten Gemeinschaft. Dem Dorf geht das Wasser aus, aus den riesigen Hähnen tropft nur noch Schlamm; irgendwer lässt Unmengen des Elixiers absichtlich in der Wüste versickern, schließlich werden die letzten Vorräte aus der Bank geraubt. Rango stellt einen Trupp verwegener Freaks zusammen, um in die Wüste auszureiten und das Rätsel zu lösen.

Rango 02

Der vom Fluch der Karibik-Team realisierte Animationsfilm – Regie führte Gore Verbinski, Johnny Depp spricht den Titelhelden – lässt optisch und inszenatorisch kaum Wünsche offen. Er ist spannend und pointenreich erzählt, mit schrägem, manchmal derbem, aber selten plattem Humor und einem bis ins Detail stimmigen Schmuddellook, für Nerds hält er eine wahre Schatzkiste an Referenzen bereit, und die dritte Dimension vermisst man keine Sekunde. Ob er als Familien-Event an den Erfolg der Piratentrilogie anknüpfen kann, ist dennoch offen, zumindest geht der Film dafür einige Risiken ein.

Bei allem vordergründigem Humor ist Rango überraschend düster geraten. Was Ästhetik, Stimmung und „Wertesystem“ betrifft, ist die Bezugsgröße eher der Italo- als der US-Western. Dies beginnt bei einer Vorliebe für Großaufnahmen zerknautschter und verlebter Gesichter. Beim „Dirt“ und Umgebung bevölkernden Getier – Nagetiere, Federvieh und viel Ungeziefer – setzt Rango weniger auf Niedlichkeit als auf Hässlichkeit: Deformierte Nasen, faulige Zähne oder ein im Auge steckender Pfeil stehen dem üblichen Kindchenschema von Trickfilmfiguren durchaus im Weg.

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 Dem derben Äußeren entsprechen die Sitten, es wird geraucht, gesoffen, geflucht und vor allem: scharf geschossen. Spätestens mit dem Tod des Habichts ist klar, dass der Film keine Gefangenen macht. Der Tod ist als Thema stets präsent – nicht zuletzt in den morbid-charmanten Gesangseinlagen der drei Eulen, die die Handlung kommentieren –, und dass Wassermangel und Verdursten ziemlich ernste Sachen sind, erzählt Rango recht eindringlich.

Nicht nur das quietschende Windrad verweist auf Spiel mir das Lied vom Tod (C’era una volta il west, 1968). Auch der Kampf um das Wasser in der Wüste als Quelle von Fortschritt und Zivilisation und die Prophezeiung des korrupten Bürgermeisters, archaische Revolverhelden vom Schlage Rangos und seines Gegenspielers Klapperschlangen-Jake würden bald den Geschäftsleuten weichen, erinnern von fern an Leones Klassiker und dessen Genrereflexion. Und die Idee, das Wasser in „Dirt“ wortwörtlich als Währung fungieren zu lassen, ist eine schöne Verdichtung dieses im Western zentralen Topos.

Rango 04

Größter Risikofaktor des Films ist die Konzeption der Hauptfigur selbst. Während selbst einige der Nebenfiguren recht komplexe Vorgeschichten verpasst bekommen, wird Rango als eine Leerstelle eingeführt, die keine Vergangenheit hat – über sein Vorleben und seine früheren Besitzer erfahren wir nichts –, deshalb gibt es auch kein Zuhause, in das er zurückkehren kann. Damit entfällt ein für eine Odyssee – und besonders in Animationsfilmen mit verloren gehenden kleinen Helden – üblicher dramaturgischer Fixpunkt. An sich ist eine solche Konstruktion durchaus reizvoll. Doch das Kernthema von Rango, die Identitätssuche des Protagonisten, bleibt, obwohl der Film für sie schlüssige Metaphern findet und auch selbst offensiv darauf hinweist („Versteh das alles als Metapher“ lautet eine der ersten Dialogzeilen), ein recht blutleerer Konflikt, für reines Entertainment zu abstrakt, für eine ernsthaftere Lesart zu unergiebig umgesetzt. Die Folge ist, dass es schwer fällt, Empathie zur Hauptfigur aufzubauen, die über affektives, situationsbedingtes Mitfiebern hinausgeht. Und das an sich hübsche Gimmick, das Leguanmädchen Beans, Rangos Love-Interest, in Stressmomenten artgerecht erstarren zu lassen, macht auch die ohnehin nur kurz angerissene Romanze eher bizarr-komisch als anrührend anzusehen.

Aber vielleicht betrifft all dies vor allem die nachhaltige Wirkung und fällt für das Kinoerlebnis kaum ins Gewicht. Von Anfang bis Ende besticht Rango als ein spritziger und kurzweiliger Film, der, was Einfallsreichtum im Detail und Stimmigkeit im Ganzen angeht, etwa die letzte Karibik-Folge locker übertrifft. Und gegen Ende, als der individuelle und der mythologische Konflikt bei Rangos Begegnung mit dem „Geist des Westens“ zusammengeführt werden, schwingt sich die Abstraktion auch auf visueller Ebene für ein paar kurze Momente zu einer im Wortsinn traumhaften Schönheit hinauf.

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Kommentare


Noir499

Ehrlich gesagt, der Film hat mich schwer enttäuscht. Nach all den Vorschuss-Lorbeeren. Der Film ist an einer einzigen Stelle wirklich originell und witzig, ansonsten ein verkappter, schwermütiger Western auf Cartoon. Alles schon da gewesen, alles schon gesehen. Sehr schwach und daher – außer für Menschen in der Sinnkrise – kein empfehlenswerter Film.


Traute

Für Kinder nicht empfehlenswert und für erwachsene zu langatmig ! Vielleicht an ein oder zwei stellen witzig ansonsten fragt man sich, warum man sich das ansieht ?! Mit "findet nemo " oder anderen animationsfilmen hatte ich mehr spaß und kinofreude !! Selbst mein 10jähriger Sohn fand den Film schwach !!!


Daniel

Ein ganz dickes Daumen hoch für den Film von mir.
Ein Chamäleon auf Selbstfindungstrip in der Wüste.
Der Film ist eine schräge, hintergründig witzige und ungemein anspielungsreiche Tierfabel und zugleich eine tiefe Verbeugung vor Legenden wie Clint Eastwood und Sergio Leone. Das die Geschichte in der Grundkonstruktion nicht sonderlich originell geraten ist, stört kaum. Für mich zählt, das die Geschichte flott und ebenso humorvoll wie dramatisch erzählt wird.
Die Inszenierung der Action, die fantastische Animation der Figuren, die bis in die kleinste Nebenrolle optisch meisterhaft gelungen und charakterlich recht komplex geraten sind, sowie die meisterhaft realistisch dargestellte Wüstenlandschaft sind schlicht überwältigend. Der Soundtrack oszilliert hier irgendwo zwischen Spiel mir das Lied vom Tod und Sherlock Holmes, trifft aber stets genau den richtigen Ton. Vor allem die pointierten Kurzauftritte der Mariachi-Eulen haben es in sich.
Der Film ist mit der Freigabe ab 6 Jahren aber definitiv zu niedrig eingestuft, denn er erzählt durchaus ernsthaft und zum Teil sogar brutal (eben Italowestern). Kinder jünger als 12 dürften enorme Probleme haben, den Film und die Motivation seiner Charaktere in Gänze zu verstehen.
Die ablehnenden Reaktionen resultieren wahrscheinlich aus dem Irrglaube, ein Animationsfilm müsste zwangsläufig eine harmlos-heiter-einfältige Märchen-Hochglanzproduktion sein. Rango wendet sich dagegen nach meiner Beobachtung deutlich an mindestens jugendliche Kinofans, die an der Unmenge von Zitaten und den detailverliebten Settings und Figuren ihre helle Freude haben werden. Wer also einen fluffig-bunten Spaß mit knuddeligen Figuren, wie sie bei Disney üblich sind erwartet, wird zwangsläufig enttäuscht sein. Wer sich jedoch auf einen technisch brillanten, mutigen, schwungvoll erzählten Animationswestern mit zahlreichen Filmzitaten und ebenso schrägen wie liebevoll gestalteten Figuren einlassen will, dem sei der Film wärmstens ans Herz gelegt.






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