Rang de Basanti – Die Farbe Safran

Der Beginn von New Bollywood? Rang de Basanti erzählt von den Schrecken der britischen Kolonialzeit und dem Hedonismus der heutigen jungen Generation – mit unüberhörbaren Seitenhieben auf das aktuelle politische System.

Rang de Basanti - Die Farbe Safran

Das Bollywood-Kino ist weltweit auf dem Vormarsch. Auch in Europa und den USA erfreut sich das zumeist knallbunte indische Kino mit seinem Hang zur notorischen Überlänge einer wachsenden Beliebtheit. Die Schar eingefleischter Bollywood-Fans, die sich an den vordergründig kitschigen Liebesgeschichten nicht satt sehen können, nimmt immer weiter zu. Wie bereits in den Dramen von William Shakespeare steht der zeitlose Stoff einer durch gesellschaftliche oder familiäre Konventionen bedrohten Beziehung im Zentrum vieler populärer Bollywood-Produktionen wie Dilwale Dulhania Le Jayenge (1995) und In guten wie in schweren Tagen (Kabhi Khushi Kabhie Gham, 2001). Rang de Basanti – Die Farbe Safran, die letzte Regiearbeit des ehemaligen Werbefilmers Rakeysh Omprakash Mehra, setzt dieser Romeo & Julia-Tradition des Bombay-Kinos eine historisch aufgeladene Märtyrergeschichte entgegen.

Die Handlung setzt in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts ein. Zu Zeiten der britischen Kolonialherrschaft kämpfte eine Gruppe um den späteren Nationalhelden Bhagat Singh für ein freies, selbstbestimmtes Indien. Ihren gewaltsamen Widerstand sollten Singh und seine Getreuen schlussendlich mit dem Leben bezahlen. Nach einem missglückten Bombenattentat werden sie gefasst und zum Tode verurteilt. Aufgerüttelt durch die Tagebuchaufzeichnungen ihres Großvaters (Steven Mackintosh), eines zur damaligen Zeit in Indien stationierten britischen Polizeioffiziers, beschließt die Journalistin Sue (Alice Patten), rund achtzig Jahre nach diesen Vorkommnissen einen Film über die Unabhängigkeitsbewegung um Bhagat Singh zu drehen. Vor Ort in Delhi hofft sie auf die Unterstützung der befreundeten Studentin Sonia (Soha Ali Khan). Doch die Suche nach geeigneten Laiendarstellern für die Rollen der legendären Freiheitskämpfer verläuft zunächst erfolglos. Erst als sie Sonias Kommilitonen um den draufgängerischen DJ (Aamir Khan) kennenlernt, ist sie sicher, die richtige Besetzung für ihr Projekt gefunden zu haben.

Rang de Basanti - Die Farbe Safran

Würde man Mehras 160 Minuten Werk in seiner Struktur sezieren wollen, so zerfiele dieses in zwei gleich große Segmente, wie sie gegensätzlicher kaum sein könnten. Der Einstieg, Sues Ankunft im hektischen Delhi und ihre ersten Erlebnisse in der Studenten-Clique, umgibt trotz der wiederkehrenden Flashbacks in die Kolonialzeit eine verspielte ausgelassene Atmosphäre. Das Drehbuch nimmt sich ausgiebig Zeit für Albernheiten und heitere Momente, die in starkem Kontrast zu dem weiteren Verlauf des Plots stehen. Es wird, wie es für einen Bollywood-Film geradezu typisch ist, getanzt, gesungen und gefeiert. Den Wendepunkt markiert ein tragischer Zwischenfall, dessen Einzelheiten und schwere Konsequenzen jeder Zuschauer für sich selber im Kino ganz unvorbelastet erfahren muss. Rang de Basanti durchläuft dabei eine Metamorphose, die aus einem unverbindlichen Porträt der indischen Generation X einen unmissverständlichen Aufruf zur politischen Einmischung und einem langen Marsch durch die staatlichen Instanzen werden lässt.

Wie von Bollywood gewohnt, arbeitet auch Rang de Basanti mit einer ausgeklügelten Bildkomposition. So sollen Überblendungen Parallelen zwischen Vergangenheit und Gegenwart aufzeigen, Zeitlupen die Dramatik des Augenblicks unterstreichen und gelbe Farbfilter Opferbereitschaft signalisieren. Was bei den märchenhaften harmlosen Liebesgeschichten des typischen Bollywood-Kinos in seiner Überzeichnung und Exaltiertheit noch funktionieren mag, hinterlässt zu pathosgetränkten Aufnahmen sterbender junger Männer einen faden Nachgeschmack. Zu ernst ist das Thema, als dass es sich zu reinen Showzwecken missbrauchen ließe. Zudem erscheint die von Mehra bis zur letzten Sekunde betriebene Idealisierung seiner Hauptfiguren, die in letzter Konsequenz vor Gewalt nicht zurückschrecken, um ihre Ziele zu erreichen, mehr als zweifelhaft. Die in diesem Zusammenhang eigentlich spannende Frage, wo die Linie zwischen einem Freiheitskämpfer und einem Terroristen zu ziehen ist, blendet der Film aus. Er kneift, wenn es eigentlich darum ginge, Stellung zu beziehen. Stattdessen flüchtet sich Mehra in seine schicke videocliptaugliche Optik.

Rang de Basanti - Die Farbe Safran

Politisch brisante Themen in das amouröse oftmals verkitschte Bollywood-Universum einzuführen, ist keinesfalls eine Erfindung von Rang de Basanti. Erst vergangenes Jahr hat die Erfolgsproduktion Veer & Zaara (2004) den historischen Konflikt zwischen Indien und Pakistan über das Vehikel einer Liebesgeschichte in die Filmhandlung zu integrieren versucht. Mehras Ansatz unterscheidet sich von bisherigen Bollywood-Arbeiten vor allem in den Akzentuierungen einzelner Plot-Bestandteile. Für eine Romanze ist nur noch im Nebenprogramm Platz. Einige verstohlene Blicke, Händchenhalten, ein Kuss. Das muss genügen, wenn ein Regisseur mit geballter Faust zur Unterrichtung in demokratischen Tugenden ansetzt. Die interessanten Aspekte wie den anfänglich anderen, weil europäischen Blick, auf den Subkontinent gehen in der Dramatik der Ereignisse zunehmend unter. So bleibt es lediglich bei dem Versuch, etwas Neues zu kreieren.

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