Railway Sleepers

Zwei Tage und zwei Nächte ziellos durch Thailand ruckeln. Sompot Chidgasornpongses Bahnfahrt macht nicht schläfrig, sondern andächtig.

Railway Sleepers 2

Wer die titelgebenden Railway Sleepers für sympathische Genossen hält, die jeder Bahnfahrt ein Nickerchen abgewinnen, irrt. Der poetische Name gilt im britischen Englisch unseren Bahnschwellen; diese Teile, wie Sprossen einer am Boden liegenden Leiter, die die Gleise tragen und scheinbar endlos aufeinanderfolgen. Dass Sompot Chidgasornpongse seinen Film nach diesem unerschütterlichen Element benennt, das die Bewegung trägt und dennoch quer zu ihr liegt, bringt ein Motiv auf den Punkt, das sich durch den Film zieht; durch seinen Film, aber auch durch das Medium Film: Bewegung bei gleichzeitiger Bewegungslosigkeit, oder Bewegungslosigkeit bei gleichzeitiger Bewegung. In der ersten, im Übrigen großartigen Einstellung richtet sich die Kamera nicht auf den Zug, sondern vom wegfahrenden Zug aus auf den Bahnhof; wie von einem Kamerawagen aus liefert sie weiche Fahrten auf die nach und nach entblößten Gleise. Das Auge und das, worauf es in diesem Dokumentarfilm schauen wird, sind noch eins; völlig regungslos verharrt die Kamera auf ihrem durch die Lande ziehenden Gestell.

Ein Block und viele Blöcke

Railway Sleepers ist eine zwei Tage und zwei Nächte dauernde Fahrt, gefilmt fast immer im Zug, manchmal aus dem Zug und seltener am Bahnsteig. In diesen Zug der thailändischen staatlichen Eisenbahn gibt es keinen Einstieg: Als der Film beginnt, rattert der Zug schon; als der Film endet, rattert er noch, in einer besänftigenden Regelmäßigkeit, die eine großartige Tonspur abgibt. Am Ende sind wir nirgends angekommen: Railway Sleepers ist ein Ausschnitt aus einer Beständigkeit, die vor seinem Einsetzen Bestand hatte und über ihn hinausgeht. Zweifellos hätte der Film zu einem anderen Zeitpunkt anfangen und enden können, denn es ist ein Film ohne Anfang und ohne Ende, nichts anderes als ein Block Zeit, herausgeschnitten aus einem größeren Block Zeit.

Railway Sleepers 3

So zumindest der Eindruck; denn tatsächlich sind es viele kleine Blöcke Zeit. Einhundertvierzig Stunden Filmmaterial, gesammelt über acht Jahre auf allen Strecken des Landes, hat Sompot Chidgasornpongse in Railway Sleepers zu diesen zwei Tagen und zwei Nächten verdichtet, die es so nie gegeben hat. So treten zwei verschiedene Haltungen zutage. Im Aufnehmen völlige Zurückhaltung – oder zumindest ihre Vortäuschung, denn natürlich wissen wir nicht, welche Erklärungen, welche Anweisungen dem Filmen vorausgegangen sind. Die Kamera mischt sich unter die Fahrgäste, ahmt ihre Blicke nach: Mal irrt sie zerfahren durch das Abteil, findet nichts, auf das sie ihre Aufmerksamkeit ablegen könnte; dann kommt sie mit gleitender Bewegung auf einzelne Fahrgäste zum Ruhen, als würde sie sie abtasten; irgendwann guckt sie aus dem Fenster, lässt Reisfelder und Palmenlandschaften vorbeiziehen. Dieser Behutsamkeit in der Aufnahme steht der interventionistische Schnitt gegenüber, das Aneinanderreihen von Aufnahmen verschiedener Ursprünge zu einer künstlichen Abfolge, die mit großer Sorgfalt eine Einheit von Raum und Zeit vortäuscht. Fernab der Authentizität, die so gern berufen wird, sobald sich die Kamera vermeintlich undercover gibt, geht Railway Sleepers also selbstbewusst ein paar Schritte auf dem Terrain der Fiktion.

So leben sie, die Menschen

Es gehört dabei zu den schönen Widersprüchen des Films, in diesen durch Thailand ratternden Zügen, in einer Bewegung also, die während der gesamten Spielzeit nicht zum Erlahmen kommt, langsam ein Porträt zu entfalten, das per definitionem Bewegungslose, das zum einem Zeitpunkt Fixierte. Dass Railway Sleepers dieses Porträt in einem Zug anfertigt, sagt natürlich etwas aus über das, was es zu erfassen sucht. Nun sind Züge keine durch das Land brausende repräsentative Stichprobe der Gesellschaft, zumal es bei längerer Betrachtung durchaus ins Auge fällt, wer alles nicht in diesem Zug sitzt. Aber Züge bündeln auf dichtem Raum tatsächlich erstaunlich viele Menschen unterschiedlicher sozialer Gruppen, schaffen für eine kurze Zeit geradezu utopisch eine physische Nähe, die vortäuscht, auf die soziale zu pfeifen, und geben damit ein Thema, von dem in der Tat eine gewisse Faszination ausgeht.

Railway Sleepers 1

Man staunt über die Vielfalt der großen Themen, die sich en passant in unser Blickfeld drängen, von der Religion zur Bildung über die Armut und das Militär; lose Assoziationen, denen nicht auf die Pelle gerückt wird, die nicht weitergesponnen werden, kommentiert, geordnet, sondern Einsprengsel bleiben, bleiben dürfen. Railway Sleepers ist kein Film, der die Beobachtung zum untergeordneten Instrument macht; vielmehr richtet er sich in der Beobachtung ein. Noch eher als einen Blick auf die thailändische Gesellschaft ist man geneigt, den Film einen Blick auf die menschliche Gesellschaft zu nennen. Seht her, so leben sie, die Menschen: Sie drücken mit seltsamen Gewänden ihre Religion aus; sie teilen ihre Züge in Klassen; sie sehen in Flecktarn nach dem Rechten. Railway Sleepers widmet sich nicht im Folklore-Modus thailändischen Eigentümlichkeiten, sondern befragt menschliche; zeigt auch dem nicht ortskundigen Zuschauer also keine Exotik der Fremde, sondern die Exotik des vergegenwärtigten Selbstverständlichen.

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