Räuber Kneißl
In seinem neuesten Film beschäftigt sich Marcus H. Rosenmüller in einer Mischung aus Historienfilm und Western mit der wahren Geschichte des bayrischen Outlaws Mathias Kneißl.
Marcus H. Rosenmüller nimmt nicht nur wegen seiner ungeheuren Produktivität – seit seinem Debüt Wer früher stirbt, ist länger tot (2006) vor zwei Jahren hat er bereits vier weitere Filme abgedreht – eine Ausnahmestellung unter den deutschen Regisseuren ein. In einer von vereinheitlichendem Hochdeutsch dominierten Filmszene ist bei Rosenmüller jede Regiearbeit auch ein Bekenntnis zum bayrischen Dialekt. Neben kleineren und persönlicheren Filmen wie Beste Zeit (2007) und Beste Gegend (2008) richtete sich der Regisseur mit Schwere Jungs (2007) an ein größeres Publikum und inszenierte den Sieg der deutschen Bobmannschaft bei der Olympiade 1952 als Kalauerparade. Mit Räuber Kneißl hat er sich nun auf ernsthaftere Weise erneut einem Kapitel bayrisch-deutscher Geschichte angenommen.
Die Laufbahn des 1875 geborenen Mathias Kneißl ist über die Grenzen Bayerns hinaus kaum bekannt. Kneißl und seine Familie leben in Armut und halten sich mit kleinen Diebstählen und der Wilderei über Wasser. Als der Vater stirbt und die Mutter ins Gefängnis muss, dauert es nicht lange, bis auch Mathias für einige Jahre hinter Gitter muss. Wieder in Freiheit, versucht er zunächst auf ehrliche Weise sein Geld zu verdienen, doch dem „Zuchthäusler“ will niemand Arbeit oder Unterkunft geben. Nachdem Kneißl wieder in die Kriminalität abrutscht, kommt es zu einem beinahe einjährigen Katz-und-Maus-Spiel zwischen ihm und der Polizei, bei dem er letztlich gefasst und hingerichtet wird. Dass Kneißl in Bayern zu einer Art Volksheld geworden ist, liegt vor allem an seinem respektlosen Umgang mit der Obrigkeit. Gerade für Leute aus den unteren Schichten war Kneißl ein proletarischer Rebell im Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit.
Will man das Leben des Räubers Kneißl auf die Leinwand bringen, lassen sich je nach Schwerpunkt sehr unterschiedliche Stoffe herausarbeiten. Rosenmüller, der nach Reinhard Hauff (Mathias Kneißl, 1970) und Oliver Herbrich (Das stolze und traurige Leben des Mathias Kneissl, 1980) bereits für die dritte Verfilmung des Kneißl-Stoffes verantwortlich ist, geht einer eindeutigen gestalterischen Entscheidung aber konsequent aus dem Weg. So dient zwar die Liebesgeschichte zwischen Mathias (Maximilian Brückner) und seiner Cousine Mathilde (Brigitte Hobmeier) als emotionaler Bezugspunkt für den Zuschauer und roter Faden für die Handlung, Rosenmüller bringt dafür aber nicht mehr Interesse auf als einige schmachtende Blicke und Liebesgeständnisse. Die ständigen Trennungen und Wiedervereinigungen der beiden Liebenden bleiben den gesamten Film über der brav chronologisch erzählten und alle historisch abgesicherten Stationen abhakenden Handlung untergeordnet.
Der Konflikt um die von Mathildes Mutter geächtete Liebe ist dabei nicht der einzige Teil der Handlung, der zwar immer wieder angeschnitten, aber nie wirklich vertieft wird. Auch Motive wie das soziale Milieu des Protagonisten und die von zahlreichen Schicksalsschlägen heimgesuchte Großfamilie Kneißl bleiben bloße Randnotizen in einem Film, der wie eine aufwändig produzierte Geschichtsstunde mit folkloristischem Flair wirkt.
So wie Rosenmüller seinen Film inszeniert, wäre es naheliegend gewesen, sich auf Kneißls Rolle als Outlaw zu konzentrieren. Den teilweise herrschenden Mief eines Ausstattungsfilms treibt er mit einer dynamischen Inszenierung aus, die eine Art bayrischen Western suggeriert. Die stummfilmartigen Slapstickszenen im Zeitraffer, eine rauschende Bordellsszene mit Cancan-Tänzerinnen und die Country-Anleihen auf dem Soundtrack von Gerd Baumann versprechen jedoch ein Genre, das nie zum Einsatz kommt. Gerade den Konflikt zwischen Kneißl und dem schmierigen Gendarmen Förtsch (Thomas Schmauser), der nicht nur den Polizeiapparat verkörpert, sondern auch ein perfekter Antagonist wäre, hätte man für einen Western mehr ausbauen müssen.
An solchen dramaturgischen Unausgegorenheiten können denn auch die ambitionierten Schauspielleistungen von Brigitte Hobmeier und Maximilian Brückner, der die zwanzigjährige Alterung seiner Figur glaubhaft zu verkörpern weiß, nicht mehr viel ändern. Statt eines naturalistischen Spiels wird mit großen Gesten und lauter Stimme agiert. Mitunter wirkt der Einsatz dieser expressiven und körperlichen Darstellungsweise wie ein Versuch, das Lebensgefühl der damaligen Zeit wiederzubeleben. Doch mit dieser historisierenden Geste grenzt Rosenmüller seinen Film nur scharf von der Gegenwart ab und bleibt dem Zuschauer die Beantwortung der Frage schuldig, welche Relevanz die Geschichte Kneißls heute noch hat.
Filmkritik von Michael Kienzl
Veröffentlicht am 29.07.2008
Kommentare zu Räuber Kneißl
Niedermann Hans 06.09.2008 20:09
Überall hört und liest man heute vom legendären "Räuber Kneißl" - Im Jahr 2004 und 2006 wurde in Ainring (Kreis BGL) der "Schustermann Hiasl", eine reale Tragödie mit ähnlichem Hintergrund sehr erfolgreich als Freilichttheater (etwa 15 ausverkaufte Vorstellungen a´300 Pers.)aufgeführt. Die Parallelen zum "Räuber-Kneißl" sind hierbei nicht zu übersehen. - H.N.
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Film-Angaben
Titel: Räuber Kneißl
Deutschland 2008
Laufzeit: 114 Minuten
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Regie: Marcus Hausham Rosenmüller
Drehbuch: Karin Michalke, Christian Lerch
Produktion: Quirin Berg, Max Wiedemann
Bildgestaltung: Stefan Biebl
Montage: Georg Söring
Musik: Gerd Baumann
Darsteller: Maximilian Brückner, Brigitte Hobmeier, Maria Furtwängler, Adele Neuhauser, Thomas Schmauser, Sigi Zimmerschied, Florian Brückner
Kinostart: 21.08.2008
DVD-Angaben
Titel: Räuber Kneißl
Vertrieb: EuroVideo
Bild: 1,85:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Deutsch (DD 2.0/Stereo)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 115 Minuten
Extras: Making of, Alternatives Ende
Verleih ab: 26.02.2009
Verkauf ab: 19.03.2009
Copyright Räuber Kneißl
Foto: © Movienet
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