Radiance

Naomi Kawase lässt zwei Menschen aufeinandertreffen, deren Traumata sich ergänzen. Die eigentliche Liebesgeschichte beginnt aber erst, wenn der Film schon fast vorbei ist.

Hikari  4

Misako (Ayame Misaki) hilft blinden Menschen, Filme zu sehen. Sie schreibt Tonfassungen fürs Kino, in denen sie versucht, das Wichtigste im Bild zu erklären. Aber was ist das richtige Maß, was beschreibt man, was lässt man lieber weg, und überhaupt, wie kann man dem Ausdruck der Bilder durch Sprache möglichst nahe kommen? Misako wirkt noch ein bisschen kindlich, ist aber vom Ehrgeiz gepackt. Wenn sie einer Gruppe von Blinden Ausschnitte ihrer Arbeit präsentiert und kritisches Feedback bekommt, legt sie nachdenklich den Kopf auf die Seite und macht sich Notizen, um es das nächste Mal besser zu machen. Besonders der notorisch bockige Nakamori (Masatoshi Nagase) wird zur Herausforderung für sie. Hält sie sich bei ihren Beschreibungen zurück und überlässt einen Moment der Fantasie des Publikums, wirkt es ihm zu beliebig; erklärt sie dagegen ausführlicher, findet er es aufdringlich.

Miteinander kompatible Traumata

Hikari  2

Naomi Kawase hat einen richtigen Liebesfilm gemacht: nicht nur einen Film, der von der Liebe erzählt, sondern einen, der durch die Gefühlsbetontheit seiner Figuren, die Bilder von Sonnenstrahlen, die in die Kameralinse fallen, und seine melancholisch verspielte Klaviermusik auch das entsprechende Gefühl vermitteln möchte. Schon die persönlichen Schicksale der Protagonisten lassen nicht daran zweifeln, dass sie irgendwann zusammenkommen werden. Sie sind füreinander bestimmt, weil ihre Traumata miteinander kompatibel sind. Während Misako nie über das Verschwinden ihres Vaters hinweggekommen ist, scheint Nakamori diese Lücke in ihrem Leben schließen zu können. Und während er wiederum verzweifelt an dem letzten bisschen Sehvermögen festhält, hat er doch in direkter Umgebung eine Frau, die sein Leben wieder mit Bildern füllen könnte. Obwohl Kawase sich beim Spielen der Gefühlsklaviatur ihrem Publikum gegenüber mitunter etwas übergriffig verhält, die Poesie ihrer Bilder und die Katharsis ihrer Figuren manchmal fast schon erzwingt, ist Radiance als Liebesfilm gerade deshalb interessant, weil die Liebe dann doch gar keine so zentrale Rolle spielt.

Rückkehr zum Ursprung

Einmal stehen Misako und Nakamori vor einem Abhang und sehen sich den Sonnenuntergang an. Und dabei wird weniger ein möglichst abgegriffenes Postkartenmotiv präsentiert als – wie so häufig bei Kawase – die transzendentale Kraft der Natur gefeiert. Die Strahlen wärmen die Körper des Paares, heilen ihre seelischen Wunden und führen sie schließlich sogar zur Erkenntnis. In einer anderen Szene besucht Misako ihre Mutter, die mitten in einem Wald lebt. Der Weg der Tochter führt vorbei an einem Meer aus grünen Blättern, durch die das Sonnenlicht schimmert. Damit wird diese Reise sowohl im buchstäblichen als auch im metaphorischen Sinne zu einer Rückkehr zum Ursprung.

Hikari  3

Letztlich konzentriert sich Radiance doch recht wenig auf die Liebe als Verbindung zweier Menschen. Sondern sie ist zunächst einmal die Faszination eines anderen, die zum Auslöser wird, endlich mit den eigenen Lebenslügen aufzuräumen. Die Entwicklungen von Misako und Nakamori bedingen einander zwar, doch bevor sie sich aufeinander einlassen können, muss jeder erstmal mit sich selbst ins Reine kommen, sich von übermächtigen Erinnerungen und falschen Hoffnungen lösen. Der-Film-im-Film, den Misako vertont, ist ein etwas überkandideltes Beziehungsdrama, in dem zweimal ein für Radiance zentraler Satz fällt: Schönheit liegt in dem Moment, in dem etwas verschwindet. Kawase will ihre Figuren zunächst nicht miteinander verschmelzen, sondern erst einmal den ganzen seelischen Ballast loswerden. Erst wenn das alte Kapitel zu Ende ist, kann das neue beginnen. Das tränenreiche Finale von Radiance markiert deshalb auch den eigentlichen Anfang der Liebesgeschichte.

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