Rabid – Der brüllende Tod

Gender Trouble! In diesem Frühwerk David Cronenbergs vermischen sich nicht nur Exploitation und politischer Anspruch, sondern auch vermeintlich eindeutige Geschlechtsmerkmale.

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„The Crazies“ werden die flesh-eating zombies in David Cronenbergs Rabid (1977) an einer Stelle genannt. Damit verweist ein großer nordamerikanischer Genre-Regisseur auf einen zweiten: George A. Romero hatte wenige Jahre zuvor seinen Film The Crazies (1973) fertiggestellt, in dem eine Epidemie friedfertige Menschen zu wahnsinnigen Mördern mutieren lässt und die Regierung einen Ausnahmezustand schafft, um der Lage durch die Ermordung ihrer Bürger Herr zu werden. Rabid präsentiert wiederum einen Plot, in dem eine Epidemie friedfertige Menschen zu wahnsinnigen Mördern mutieren lässt und die Regierung einen Ausnahmezustand schafft, um der Lage durch die Ermordung ihrer Bürger Herr zu werden. Beide Filme vereint ihre Fokussierung auf den Horror-Plot bei gleichzeitiger Einflechtung sozialkritischer Momente. Bei Romero fällt letzteres stärker ins Gewicht, doch auch Cronenberg nutzt das Milieu des Exploitationfilms für politische Warnzeichen.

Der Beginn von Rabid gerät etwas formelhaft: Die beiden Protagonisten Rose (Pornostar Marilyn Chambers) und Hart (Frank Moore) werden kurz eingeführt, um dann mit einem Motorradunfall die eigentliche Handlung anzustoßen. Rose erleidet bei dem Unfall schwere Verbrennungen und wird heimlich von Dr. Keloid (Howard Ryshpan) in dessen Klinik gebracht und einer neuen, experimentellen Hauttransplantations-Operation unterzogen. Hart küsst die im Koma liegende Schöne, die als Biest wieder erwachen wird. Nachdem sie das Bewusstsein zurückerlangt hat, bemerkt Rose schnell, dass der chirurgische Eingriff sie verändert hat, sie kann sich nur noch mit Blut ernähren und beginnt deshalb Menschen anzugreifen, um diese bei einer tödlichen Umarmung auszusaugen. Der Bluttransfer wird allerdings nie explizit dargestellt oder in seiner Funktionsweise näher erläutert.

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Dass es sich bei Rabid nicht etwa um einen Vampir-, sondern einen Zombiefilm handelt, wird klar, sobald auch Rose’ Opfer wieder erwachen. Anders als bei Rose, die als Wirtin des Krankheitserregers fungiert, degenerieren deren Körper rasch – vor dem unweigerlich eintretenden Tod bildet sich Schaum am Mund (das Wort „rabid“ ist eng mit „rabies“ – Englisch für „Tollwut“ – verwandt) und die Opfer werden zu Tätern, wenn sie wahllos Menschen überfallen, um sie zu beißen und anzustecken.

Diese Attacken wiederholen sich den Konventionen des Genres entsprechend regelmäßig, sind in ihrem Verlauf recht vorhersehbar und werden von ebenso lauten wie unvermittelt auftretenden, extradiegetischen Geräuschen begleitet, auf die sich der Film zur Schockerzeugung sehr stark verlässt. Dass die Überfälle zudem ziemlich trashig wirken, scheint beabsichtigt, werden sie doch von lakonischen Wortwitzen begleitet – so gibt ein Gesundheitsexperte bei einem TV-Interview den hilfreichen Tipp „Don’t let anybody bite you.“

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In Rabid lassen sich Andeutungen von Kritik an der Hybris von Wissenschaftlern finden, die in das komplexe System des menschlichen Körpers eingreifen, ohne sich um die Folgen zu scheren. Etwas deutlicher vernehmbar ist die von Romero abgeschaute Warnung vor der nackten Macht des Staates  und der Auflösung zivilisatorischer Normen in Notsituationen. Der Alltag erfährt eine Militarisierung, jeder misstraut jedem und wird zu des Anderen Wolf. Unschuldige werden willkürlich erschossen, staatliche Mitarbeiter in weißen Schutzanzügen sammeln die toten Körper ein und werfen sie entwürdigenderweise wie ein Stück Fleisch in den Müllschlucker.

Am explizitesten verhandelt Cronenberg den vom Feminismus der 68er-Ära intensivierten Diskurs zu Sex und Gender. Schließlich kommt Rose an das benötigte Blut, indem sie hauptsächlich Männer mit ihren weiblichen Reizen lockt und sie dann durch ein Organ überwältigt, das als Nebenwirkung der Operation entstanden ist. Hier offenbart sich bereits das zentrale Motiv des Cronenberg'schen Oeuvres: der Body Horror. Denn bei jenem Organ handelt es sich um eine nicht eben schön anzusehende Vagina-artige Öffnung, aus der jedoch ein phallischer Fleisch-Pfeil hervor sticht und die Opfer tödlich penetriert. Mit dieser Vermischung weiblicher und männlicher Geschlechtsorgane tritt eine für den Zuschauer beunruhigende Veruneindeutigung der klassischen Geschlechterdichotomie auf. Die Rache der Frau am Mann geschieht bezeichnenderweise mit dessen eigener „Waffe“. Dass Waffen im Allgemeinen auf sehr männliche Weise funktionieren (sie penetrieren oder ejakulieren aus einem länglichen Rohr), kann man bereits im Klassiker Panzerkreuzer Potemkin (Bronenossez Potjomkin, 1925) gut erkennen.

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Das Ende des Films kommt nicht nur enorm abrupt und etwas einfallslos daher, sondern bietet auch lediglich eine rein individuelle, allein die Hauptfiguren betreffende Lösung. Was die von Rose und Dr. Keloid ausgelöste Epidemie letztlich für die Gesellschaft bedeutet, findet keinerlei Beachtung mehr. Zwar ist Rabid zuvorderst ein Exploitationfilm (samt den typischen Logik-Löchern im Plot), doch da Cronenberg sich sichtlich um sozialkritische Subtexte bemüht, ist es etwas schade, dass das Finale ausschließlich die Handlungsebene abschließt und die zuvor angedeuteten politischen Diskurse weitgehend ausblendet.

Aus heutiger Sicht kommt Rabid primär eine historische Bedeutung zu, als Einblick in das frühe Schaffen Cronenbergs im Umfeld des Genrefilms, dessen Elemente sich auch später – da der Kanadier längst als Autorenfilmer galt – in vielen seiner Werke wiederfinden sollten. Und nicht zuletzt ist Rabid auch das Zeugnis einer Zeit, da die Geschlechterfrage wesentlich heißer diskutiert wurde als heute und zu der man offensichtlich im Kino, ja selbst im Krankenhauszimmer noch rauchen durfte.

Trailer zu „Rabid – Der brüllende Tod“


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