Raavanan

Weit jenseits der falschen Tränen: Der bedeutendste Regisseur des indischen Gegenwartskinos holt ein klassisches indisches Epos in die Gegenwart.

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„Keine vorgetäuschten Tränen, bitte!“ So spricht Veera, der brutale, aber edle Bandit einmal in der Hochzeitssequenz, die – wie so oft im indischen Kino – auch im Zentrum von Mani Ratnams Film Raavanan steht und überdies zum Beweggrund seiner Erzählung von Entführung, Moral, Terrorismus und Rache wird. Diese Hochzeit steht hier freilich nicht am Happy End der melodramatischen Erzählung, sondern ist als Rückblende in die Erzählung eingewoben und endet in einer Gruppenvergewaltigung der Braut durch eine Spezialeinheit der Polizei und dem folgenden Suizid. Unter Bollywood stellt man sich, gerade hierzulande, gemeinhin etwas anderes vor.

Vermutlich wäre es nicht zu hoch gegriffen, Mani Ratnam als den wichtigsten Filmemacher des kommerziellen indischen Gegenwartskinos zu bezeichnen. Niemand beugt die Grenzen des indischen Mainstreams so regelmäßig und so weit wie der Tamile, der eine Reihe von eminent politischen Meisterwerken sowohl im Rahmen von Bollywood wie auch in der im südindischen Chennai angesiedelten tamilischen Kinoindustrie inszeniert hat. Dieser Grenzgang ist auch der Produktionsgeschichte dieser zeitgenössischen Adaption des klassischen Sanskrit-Epos Ramayana eingeschrieben: Ratnam inszenierte und veröffentlichte sie gleichzeitig in einer Hindi-Version unter dem Titel Raavan und in der vorliegenden Tamil-Fassung – eine Doppelstrategie, die im Grunde nur die zahlreichen Remakes, anhand derer beide Filmindustrien in einen konstanten Austausch treten, vorweg nimmt.

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In grandiosen, hochstilisierten Bildern erzählt Ratnam in Raavanan die Geschichte von Veera, der für die bitterarme Landbevölkerung ein Held ist und für die Behörden ein Terrorist. Als Rache für die Vergewaltigung und den Freitod seiner Schwester entführt er Raagini, die Ehefrau des skrupellosen Polizisten Dev. Statt sie jedoch umgehend zu ermorden, wie ursprünglich geplant, lässt Veera sie vorerst am Leben, und es kommt, wie es kommen muss: Der Bandit entdeckt in der Frau seines Widersachers ein reines Herz, und diese wiederum muss das wahre, brutale Gesicht ihres eiskalten Gatten erkennen. Die Maßstäbe, wie so oft in Ratnams Kino, verschwimmen zunehmend, die Staatsgewalt wird auf ihre Legitimation hin befragt und der Bandit wird vom finsteren Schurken zunehmend zum tapferen Freiheitskämpfer umgewertet.

Inszeniert ist das alles prächtig, und doch: Die Bilder, die Ratnam kreiert, unterscheiden sich grundlegend von dem, was gerade der westeuropäische Connaisseur mit indischem Mainstreamkino verbindet. Der hochglänzende Prunk, in dem Bollywoods Traumwelten so nachdrücklich schwelgen, ist zwar auch den Song&Dance-Sequenzen von Raavanan nicht völlig fremd, er wirkt aber doch stets etwas geerdeter und nachgerade ärmlicher. Die zentrale Hochzeitssequenz ist geradezu als eine Parodie auf das Spektakel und die Posen des Hindi-Kinos zu verstehen. Der Bräutigam, der gerade im Kontrast zu den testosteronprotzenden, schnauzbärtigen Männern um Veera herum als weichliche und selbstverliebte Schießbudenfigur erscheinen muss, lässt seine Braut angesichts der nahenden Gefahr im Stich, und in einer fast slapstickhaften Sequenz lässt ihn Ratnam gar in einen pinkfarbenen Sari gewandet in die Gemächer der Verlobten schleichen – und schließlich panisch die Flucht ergreifen, als er ebendort erwischt wird.

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Wahre Ehre und Würde – und das heißt hier, in diesem immer auch hypermaskulinen Film, vor allem: Männlichkeit – gibt es in den Bollywood-Klischees nicht zu holen, so muss man diesen Exkurs im Herzen von Raavanan wohl verstehen. Daraus zieht Ratnams Kino aber gerade nicht die Konsequenz, dieses narrative System konsequent zu verlassen. Eher geht es ihm darum, die Stereotypie aus ihrem Inneren heraus zu zersetzen. Raavanan ist, so wie alle Meisterwerke des indischen Kommerzkinos, zuallererst ein grandioses Melodram. Es ist aber in gewisser Hinsicht zugleich mehr und weniger als das: mehr, weil die eher archetypisch angelegten Figuren auf ihre Klischees hin befragt werden und so eine ungewöhnliche Tiefe erhalten. Und weniger, weil ihnen so ein Stück weit das Überlebensgroße abhanden kommt – weil so die Rollen in den Tragödien, die sich an ihnen ereignen, dem Archaisch-Mythischen zum Trotz aktualisierbar werden auf eine ganz konkrete, gegenwärtige, auch politische Dimension hin. Raavanan wählt zwar einen überaus klassischen Stoff als Grundlage seiner Erzählung, wirkt aber in seiner Erzählhaltung keinen Deut verstaubt, klassizistisch oder eskapistisch. Im Gegenteil: Relevanter, engagierter, wütender und kontemporärer als bei Ratnam ist Mainstreamkino auch jenseits von Bollywood im Grunde kaum zu denken. 

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