Königin der Wüste

Märchenland aus Wüstensand. Werner Herzogs exotische Fantasie unterscheidet sich kaum von der Glätte des britischen Rasens.

Queen of the Desert 01

Über einem Landsitz in England hängt feuchter, schwerer Nebel. Im Inneren weiß die Gesellschaft damit umzugehen. Schminke und Puder werden als Gegenmasse aufgetragen, Haare werden zurecht drapiert, bis die Hochsteckfrisur sitzt: „Fabulous!“. Alles wird geglättet, akkurat veredelt, wie der britische Rasen. Für Gertrude Bell (Nicole Kidman) soll gemäß den unbiegsamen Vorstellungen der britischen Upper Class ein Ehemann gefunden werden. Achtgeben soll sie allerdings, dass sie die Herren nicht mit ihrem Intellekt einschüchtere, wenn es zum gepflegten Balztanz kommt. Gertrude ist in eine falsche Welt hineingeboren worden, wie das arme, eigenwillige Mädchen aus dem Märchen, in dem doch eigentlich die Prinzessin schlummert. Dass sie in dieser Welt so fehl am Platz ist, zeigt schon ihre Körpergröße. An ihrem Busen hängen die Aspiranten, berichten von ihren zahmen Abenteuern, wie Kinder, die den Stolz der Mutter einfordern, wenn sie eine reife Tat als erwiesen wähnen. Gertrude lächelt, blickt gen Himmel und sehnt ein Erdbeben herbei. Vielleicht nicht unbedingt eines, das alles unter sich begräbt, aber zumindest eines, das Bewegung in die erstarrte Welt einführt. Eine Bewegung, die etwa im trockenen Wüstennebel waltet, die den Sand über die gekerbten Oberflächen fließen lässt; keine Stasis, kein gemähter Rasen, sondern ein Terrain, das sich in dauernder Umbildung befindet, das sich ununterbrochen neu organisiert, ja, den Menschen archaisiert, autonomisiert.

Ein sehr unglücklicher Spagat

Queen of the Desert 05

Als würden sich diese sinngebündelten Bilder vom Nebel, von der Erde, vom Untergrund zum ersten Mal in die Geschichte – und sei es nur die der filmischen Allegorik – einschreiben, wird Herzog nicht müde, sie in aller Deutlichkeit und mit aller kitschigen Vehemenz hervorzuzaubern; ja, zu zaubern, denn es will tatsächlich ein Märchen erzählt werden, eines, das mit einem Fuß in der Geschichte steht, in einer Zeit, in die der Erste Weltkrieg hineinbrechen wird, und mit dem anderen immer tiefer in die romantische Naturverklärung versinkt. Klar, dass ein Spagat zwischen diesen Registern nicht gerade Stabilität verspricht – die wäre vielleicht auch gar nicht wünschenswert, vielleicht muss dieser Spagat sogar notwenig zum Bruch führen. Königin der Wüste (Queen of the Desert) aber schafft es nur zu einer durch und durch uneleganten Verrenkung.

Märchenagenda

Queen of the Desert 02

Der ungestüme Forschungswille Gertrudes ist nichts als die Suche nach dem Paradies; es geht ums Staunen, um das „Ahh“ und „Ohh“, das ihr die Artefakte und Naturwunder der arabischen Welt entlocken. Die Kamera ist der Funktionär dieser Agenda, sie will staunen machen; sie folgt dem Finger Henry Cadogans (James Franco), dem Prinzen, dem Ebenbürtigen, der auf einen Berggipfel zeigt, den er zu erklimmen liebt; sie schwenkt ins klare Wasser eines Wüstenflusses, nachdem dessen Reinheit lobgepriesen wurde, sie fährt aus einer tiefen Schlucht nach oben, immer weiter, offenbart uns die Felswände im Modus des Erhabenen, des „Größer-als-wir-Schauen-Können“; es ist eine restlos affirmative Kamera, eine die sich mimetisch an die Bewegungen ihrer Akteure anschmiegt, unermüdlich mit deiktischer Geste aufmerksam macht, wie staunenswert das ist, was sie sieht. Nur so eben funktioniert das Märchen: wenn alle mitmachen, wenn alle am gleichen Strang ziehen, sich hineinwerfen in die süßliche Märchenwelt, in der ein helles, warmes Licht strahlt. Prinz und Prinzessin, deren zeitlose Liebe (zum Symbol geronnen in einer zersägten antiken Münze, deren Hälften die Liebenden bewahren) auch nur in dieser Welt Bestand hat, sind angerufen nurmehr zu flüstern, ein Ton ohne Rhythmus, ohne Modulation. Es ist der Ton des gesamten Films: risikoscheu im Immerselben verharren, im selben liebenden Lächeln, im selben Wüstensand, in den selben Karawanen, die ihn durchpflügen, im selben symphonischen Brei, der all das umso mehr zur leblosen Verrenkung verkleistert.

Zirkulieren im Selben

Queen of the Desert 03

Die Welt der britischen Akkuratesse, ihr überkommenes Traditionsbewusstsein, jene Welt, die uns so absurd erscheinen soll, sie unterscheidet sich am Ende nicht von der exotischen Fantasie, wie sie Königin der Wüste beschwört. Gertrude, die Aufgeklärte, die Humanistin, der Autorität in derlei Dingen nur durch einen lachhaft inszenierten Lawrence von Arabien (Robert Pattinson) zugewiesen wird, bleibt eine fade und letztlich passive Hülle, die sich gütig lächelnd und dankend durch die Welt schiebt oder gemeinsam mit Henry in sie hinein drapiert wird, zwischen Oleander und Steinbänkchen. Wo immer sie eintritt, welche Räume auch immer sie erschließt, umgibt sie ein Nimbus des Friedens und der Harmonie. Fast möchte man sie loswerden, fast wünscht man sich die Konfrontation mit Mensch und Natur herbei, die von ihrem heiligen Treiben eingeschläfert wird, bevor sie ausbricht. In diesen Wiederholungsschlaufen, in diesem Zirkulieren im Selben aber offenbart sich keine Kontemplation, keine (ästhetische) Erfahrung einer wie auch immer bewegten oder unbewegten Welt, sie sind bloßes homogenes Material für den Gewaltmarsch durch die biografischen Stationen ihrer Repräsentantin, für genau jenen Gewaltmarsch, den man gewöhnlich Biopic nennt. In dieser Bewegung, als das verkrampfte Gebilde, das er ist, rieselt Königin der Wüste seinem Ende entgegen, es reiht sich Schlusseinstellung an Schlusseinstellung, Schlussakkord an Schlussakkord, einzig rhythmisiert durch die „hard facts“ einer Frauenbiografie, die es am Ende, zumindest in Werner Herzogs sehnsüchtelnder Version, bestenfalls von der Prinzessin zur Königin geschafft hat.

Trailer zu „Königin der Wüste“


Trailer ansehen (4)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.