Joy of Man's Desiring

Werkshallen als Bühnen: Joy of Man’s Desiring erzählt eine biomechanische Liebesgeschichte, die tragisch enden muss.

Denis Coté stellt sich den Fabrikarbeiter als glücklichen Menschen vor. Dafür lässt er seinen neusten Film mit einer fast romantischen Beschwörung abheben, auf die bald darauf stampfende Werksrhythmen antworten. Lässig spricht da eine Frau unter ihrer Ponyfrisur nach links unten ins Off, diktiert die Konditionen einer möglichen Beziehung, verliest die Gebrauchsanleitung für die romantischeste aller Maschinen, die eine, in die man sich vielleicht verlieben könnte. Weil ihre Pneumatik denselben Takt schlägt wie dein Herz.

Post-Marx

Que ta joie demeure 01

Coté filmt in Joy of Man’s Desiring (Que ta joie demeure) jene Tätigkeiten, die bis vor einigen Jahrzehnten noch für den Begriff „Arbeit“ standen wie Tesa für durchsichtige Klebestreifen: das produzierende Gewerbe. Wer arbeitet, tut was mit seinen Händen. Doch wenn der Kanadier diese Stätten des Malochertums ähnlich kommentarlos in fremdartige Bild-Ton-Würfel schneidet wie vor ein paar Jahren einen Zoo (Bestiaire, 2012), wenn er diese Stücke erst über die halbe Filmzeit beinahe ohne gesprochene Worte nackt präsentiert, um in der zweiten Hälfte dann langsam einen fiktionalen Diskurs einzuschleusen, die Werkshallen zu bespielen beginnt, dann vor allem deswegen, weil das Selbstverständliche schon lange nicht mehr selbstverständlich ist. In unseren zunehmend mit immateriellen Produkten befassten, so genannten post-industriellen Gesellschaften (Coté filmte in Montreal) ist der Blick auf die Basis unseres Wohlstandes kompliziert geworden. Und man vergisst gerne, dass auch in der Ersten Welt noch hart gearbeitet wird, dass verschiedene Paradigmen der Wirtschaftsgeschichte sich nicht einfach aneinander anschließen, sondern gern parallel zueiander fortexistieren. Doch die altgedienten Muster dafür, wie man Fabrikarbeit darstellen und denken kann, scheinen schon lange nicht mehr zu passen.

Denn wo man früher die Entfremdung des Arbeiters von seinem Produkt beklagt hat, wird heute immer mehr Sehnsucht spürbar. Die Jobangabe „Ich bohr Löcher in Metallblöcke“ klingt erdiger, konkreter, „menschlicher“ sogar, als so etwas wie „Ich pflege die Metadaten unseres Kundenstammes“. Diesen weichen Blick auf die harte, einfache Arbeit macht sich Coté anfangs zu eigen. Alles in Joy of Man’s Desiring dreht sich um Rhythmus, um Frequenz. Jeder gefilmte Maschinenteil pumpt, wiegt, zischt, hämmert, dampft nach einer eigenen Metrik. Und die in diese futuristischen Assemblagen gestellten, je nach Aufgabe in Hände, Rücken, Füße zerteilten Menschen antworten auf den Takt der Maschine. Irgendwann sagt jemand (Schauspieler oder Arbeiter, das wird niemals aufgeklärt): „Ich mag meine Maschine, auch wenn sie sonst alle hassen. Sie ist ihnen zu schnell.“

Zerfasernde Rhythmen

Wo man früher also fast wie selbstverständlich Ausbeutung sah, versucht Coté intime Beziehungen zu erkennen. Das macht er, neben dem einleitenden Monolog, vor allem über seine visuell interessanten Kadrierungen, die ein feines Auge für Details erkennen lassen. Was genau hergestellt wird (wir sind erst im metall-, dann im holzverarbeitenden Gewerbe, es folgen Wäscherei und Nähstuben), ist oft mysteriös; wozu welche Teile der mechanischen Monstren genau dienen, bleibt vage. Stattdessen gibt es eine sehr reine Schau- und Zeigelust, die sich über Metallzylinder, die nach einem unbekannten Rhythmus staubig fauchen, ebenso freuen kann wie über das fast zärtliche Bestücken einer ruckelnden Schale mit kleinen Stahlplatten oder einen Pin-up-Boy hinter dem Nähmaschinentisch.

Aber nach vielleicht zwanzig Minuten beginnen die Rhythmen zu stottern. Erst werden die Einstellungen einfallsloser, ständige Totalen auf Arbeitsplattenniveau machen mürbe (was jedoch Methode haben könnte, doch dazu unten mehr). Dann nähert man sich der Ästhetik einer Galileo-Imagereportage über einen Kaffeebetrieb gefährlich an. Die Gefahr eines affirmativen Zugangs zu altvertrauten kapitalistischen Produktionsweisen ist eben die, kritikunfähig und -unwillig zu werden. Auch, dass die Pausenbeschäftigungen der Belegschaften so seriell und teilnahmslos gefilmt werden wie die mechanischen Abläufe, bleibt eine zumindest streitbare Entscheidung. Denkt man an die intimen, ehrlich herzzereißenden Einblicke in das Arbeiterleben in West of the Tracks (Tie Xi Cu, 2003), Wang Bings famosen Abgesang auf die chinesische Schwerindustrie, dann fängt man bei Cotés kühlem Künstlerblick allmählich zu frösteln an.

Die Kunst kommt

Que ta joie demeure 02

Das Problem ist, dass sich Coté wohl für schlauer hält als seinen Gegenstand, dass er lieber sein eigenes Script als die Arbeiter sprechen lässt. In der zweiten, diskursiven Phase von Joy of Man’s Desiring, wenn das Werksumfeld zum Bühnenraum wird und in weiterhin stilisierten Bildfolgen nicht weniger stilisierte Gespräche gefilmt werden, entsteht allmähliche eine enorme Kluft zwischen dem qualhaft gekünstelten Zugang und den einfachen Belangen der Arbeiter. Ein Mann erzählt eine Allegorie zum feudalen Ausbeutertum aus seiner afrikanischen Heimat, Floskeln wie „Harte Arbeit hat noch niemanden getötet“ werden von verschiedenen Protagonisten an verschiedenen Orten wiederholt, und ein gepiercetes Mädchen läuft wie eine Emo-Fee durch die Betriebe. Sie sehne sich nach Sinn, gibt sie als Bewerbungsgrund an.

Der zweite Filmteil gerinnt, nach dem romantischen ersten, zu einer Elegie auf eine aussterbende Arbeitsform. Doch die Trauer kommt hier von außerhalb, aus theoretischen Gefilden, ihre Begriffe und Erwägungen werden in die ordinären Produktionsräume getragen und sollen dort, so wohl das Kalkül, bedeutsam widerhallen. Immer mehr der Schauspieler-Arbeiter werden (gemeinsam mit uns Zuschauern) phlegmatisch, depressive Lustlosigkeit greift um sich, die Betriebe kommen zum Stillstand. Als schöner Einfall präsentiert der letzte im engeren Sinne dokumentarische Bestandteil des Filmes die Vorgänge in einer Matratzen- und Bettenfabrik. Bald wird man ruhen. Doch Cotés Requiem wirkt teilnahmslos, es gibt keine erlösende ästhetische Geste, wie sie etwa bei der zärtlich sexualisierten Demontage einer riesigen Maschine in Alain Guiraudies Ce vieux rêve qui bouge (2001) zu bewundern war. Alles erstarrt in Posen. Ganz am Schluss geschieht dann, was zuletzt so oft mit den einst verhassten, heute romantisch missverstandenen Ruinen unserer industriellen Herkunft passiert: Die Kunst zieht ein.

Trailer zu „Joy of Man's Desiring“


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