Putty Hill

Nordamerikas neue Generation X: Willkommen in Putty Hill.

Putty Hill 01

Ein undefinierbares Rauschen, leises Geigenspiel. Ein verlassenes Haus, spärlich eingerichtete Räume, Unordnung, leere Wände. Überreste eines Lebens, das Leben von Cory, der mit 24 Jahren an einer Überdosis Heroin gestorben ist. Szenenwechsel. Eine andere Art von Rauschen: eine Vielzahl von Schüssen. Wir beobachten eine laufende Paintball-Partie, ein Junge wird getroffen, der Bruder des Toten. Der Junge setzt sich, tauscht Blicke mit der Kamera, die auf Tuchfühlung an ihn herangerückt ist, die Stimme des Regisseurs dahinter beginnt ihn zu befragen: Wo ist dein Bruder? Wann ist die Beerdigung? Was machst du heute noch? Dazu schlichte Antworten auf die unverfänglich gestellten Fragen. Eine weitere Spielerin wurde getroffen, sitzt jetzt neben dem Jungen, beide unterhalten sich. Die Kamera entfernt sich, beobachtet erneut.

Motivisch wird auf diese Weise gleich zu Beginn das Aufwachsen in einer amerikanischen Vorstadt mit kriegsähnlichen Zuständen in Verbindung gebracht, während Corys Leben aus Erinnerungen von Freunden und Familienmitgliedern, die zu seiner Beerdigung in ihrer Heimatstadt Baltimore zusammengekommen sind, rekonstruiert wird.

Putty Hill 04

Das stetige sanfte Oszillieren von dokumentarischen Interviewsituationen und fiktionaler Rahmenhandlung haucht Putty Hill dabei seine erfrischende Ästhetik ein. Der Regisseur lässt seine Schauspieler in Improvisationen ihre eigenen Erfahrungen mit Auszügen der erfundenen Biografie von Cory zu fragmentarischen Eindrücken jugendlicher Lebensrealitäten zusammensetzen.

Dass man bei dieser Vorgehensweise bei der Konstruktion von Identitäten Gefahr läuft, von einer glaubwürdigen Darstellung in gekünstelte Überzeichnung abzurutschen, zeigt sich in Putty Hill, wenn Porterfield der Figur Jenny (Sky Ferreira) und ihrem Vater, dem sie seit Jahren zum ersten Mal bei der Beerdigung wieder begegnet, unnötig viel Platz einräumt. Die Darstellung dieser Figuren trägt fast parodistische Züge: der Vater, der den Vergewaltiger seiner damals schwangeren Frau tötete, ist nun Tätowierer, sitzt inmitten nicht erwachsen gewordener Männer zu Drogen und R’n’B-Musik bei der Arbeit. Ein hysterischer Anfall der weinenden Jenny auf dem väterlichen Balkon wirkt aus dem Zusammenhang gerissen und völlig übertrieben.

Putty Hill 08

Zum größten Teil gelingt es dem Regisseur jedoch, den Figuren eine glaubhafte Biografie zu entwerfen. In semi-dokumentarischer Bildersprache folgt er seinen jungen Protagonisten – mehrheitlich Laien, die er bereits für sein nicht verwirklichtes Projekt Metal Gods (2009) castete – durch die Straßen, streift mit ihnen durch Wälder, geht mit ihnen skaten, besucht sie zu Hause bei ihren Familien, beobachtet sie beim Abhängen am Fluss. Natürliches Licht und eine markante Geräuschkulisse begleiten alle Szenarien, tragen dazu bei, dass die Figuren mit diesen Orten verschmelzen, und veranschaulichen, wie sehr ihr Leben von Perspektivlosigkeit und eintönigem Alltag geprägt ist.

Putty Hill 06

Dafür wählte Porterfield nach seinem Debüt Hamilton (2006) auch hier die Stadt Baltimore als Schauplatz. Mit seiner Problematik aus Kriminalität, Armut und Drogenabhängigkeit dürfte sie vielen noch aus der TV-Serie The Wire (2002-2008) in Erinnerung sein. Für Putty Hill bildet ihr schäbiger Charme nun die Kulisse, um eine gegenwärtige Generation US-amerikanischer Teenager aus dem Arbeitermilieu zu skizzieren. Inhaltlich lassen sich hier Parallelen zu Larry Clarks Ken Park (2002) ziehen: Durch die Erkundung ähnlicher Lebensumstände verschiedener Protagonisten soll die Ursache für den zu frühen Tod eines jungen Mannes anschaulich gemacht und dabei – im Idealfall – exemplarisch die trostlose Situation einer ganzen Generation von Vorstadtkindern beleuchtet werden. Während Clark eine dichte Milieustudie entwirft, die er aus einem Mikrokosmos von lediglich vier Figuren arrangiert, liefert Porterfields Entscheidung, eine Vielzahl an Figuren zu betrachten, zwar ein breites Panorama einer Gemeinschaft, dem es jedoch an Schärfe fehlt.

Mit Bildern verschwommener Großstadtlichter einer nächtlichen Autofahrt entlässt der Regisseur dann auch seine Protagonisten in eine ungewisse Zukunft. Zwar schafft er es, uns zu Beginn mit einer hybriden Ästhetik zu überraschen, doch gelingt es ihm nicht, sein anfängliches Niveau bis zum Ende durchzuhalten. Putty Hill liefert uns weniger ein fertiges Porträt als eine Vielzahl an Puzzlestücken aus Interviews und Alltagsimpressionen, die es zusammenzusetzen gilt. Nicht immer passen diese zusammen.

Trailer zu „Putty Hill“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.