Li’l Quinquin

Wenn die Abweichung von der Norm zur Norm wird. In seiner ersten Fernsehserie findet Bruno Dumont zu einer ganz eigenen Form von Slapstick.

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Bruno Dumont ist nicht unbedingt der Regisseur, von dem man eine Fernsehserie erwartet hätte. Die Ästhetik des französischen Filmemachers ist so radikal wie einprägsam. Meist arbeitet er mit Laiendarstelleren, deren Physiognomien stark von traditionellen Schönheitsvorstellungen abweichen. Sogar im Autorenkino ist der ungeschönte Realismus, mit dem Dumont auf die groben Gesichtszüge und Behinderungen seiner Figuren blickt, eine Seltenheit. Und auch die spröde Narration seiner Filme scheint unvereinbar mit den Konventionen eines Mediums, das möglichst leicht bekömmlich sein möchte. In Deutschland, wo ohnehin nur die wenigsten von Dumonts Filmen im Kino zu sehen sind, trifft das noch mehr zu als in Frankreich. Dass es aber auch noch kleine Wunder gibt, das beweist nun Li’l Quinquin (P’tit Quinquin), ein Vierteiler, den Dumont für Arte gedreht hat und der sich irgendwo zwischen ungehobelter Lausbubengeschichte und absurder Polizeiserie bewegt. Erstaunlich dabei ist vor allem, wie souverän Dumont darin seine unverkennbare Handschrift mit einem Hang zum Populären verbindet.

Im Anus der Kuh

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Die größte Überraschung ist sicherlich, wie komisch und unterhaltsam Li’l Quinquin ist. Schon die Ausgangssituation, in der eine Leiche im Anus einer Kuh gefunden wird, könnte abwegiger kaum sein. Was folgt, ist fast schon eine herkömmliche Krimihandlung, in der sich ein trotteliges Ermittlerduo daran macht, diesen Fall aufzulösen, und schließlich bei einer amourös motivierten Mordserie landet. Das Spiel mit solchen Genremotiven treibt die Serie dabei immer wieder voran und hält sie letztlich auch zusammen. Gewissermaßen als Kontrapunkt zur konventionelleren Erzählung der Erwachsenen stehen freier strukturierte Episoden, die sich dem kleinen Racker Quinquin (Alan Delhaye) und seinen Kumpels widmen. Die Sommerferien haben gerade angefangen, und den Jungen fällt aus Mangel an Alternativen nichts Besseres ein, als allerlei Blödsinn anzustellen. Ihre Streiche und Unternehmungen bleiben dabei konsequent im Alltag eines nordfranzösischen Dorfs verankert. Zu den größten Attraktionen zwischen den grünen Hügeln von Boulonnais, wo sich noch Bunker und Handgranaten aus dem Zweiten Weltkrieg finden, zählen etwa ein Volksfest, eine campy Parade zum Nationalfeiertag oder eine Fehde mit migrantischen Jungen, die es in diesem provinziellen Umfeld alles andere als leicht haben. Und wenn gerade nichts passiert, wird eben mit ein paar Chinakrachern Zunder in die Idylle gebracht.

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Bei dem jungen Hauptdarsteller Alan Delhaye handelt es sich um einen typischen Dumont-Helden, vor allem aber um eine wahre Entdeckung: Ein richtiges Großmaul ist er, der sich mit Hasenscharte und Hörgerät schon rein optisch deutlich von den weichgespülten Kinderprojektionen unterscheidet, denen man ansonsten im Kino begegnet. Überhaupt versteht es Dumont, seine jungen Figuren unverklärt zu zeigen. Statt sie zu verniedlichen, betont er ihre Rohheit und grausame Ehrlichkeit. Respekt haben die Jungs sowieso vor niemandem, vor den Eltern nicht und vor den Hütern des Gesetzes erst recht nicht. Da wird geflucht, dass man den Kleinen am liebsten den Mund mit Seife auswaschen möchte. In ihrem anarchischen Spieltrieb und ihrem Unvermögen, ernst genommen zu werden, sind die Kleinen schon irgendwie niedlich, sie können aber eben auch rassistische Arschlöcher sein.

Die Perfektion wird zum Fehler

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Dumont ist bisher nicht gerade als Experte für abseitigen Humor aufgefallen. In Li’l Quinquin beweist er dagegen sein Talent für wilden Slapstick mit ganz eigener Note. Gleich in der ersten Episode gibt es einen wahren Exzess an Entgleisungen zu sehen. Eine Trauerfeier gerät dabei völlig aus dem Ruder, unter anderem mit einem überambitionierten Organisten oder einer gnadenlosen Nummer, in der die Geistlichen mit einem entfesselten Mikrofon zu kämpfen haben. Wenn es nicht gerade Angriffe auf Autoritäten oder heilige Rituale sind, werden die körperlichen Defizite der Figuren zum Ursprung für herrliche Blödeleien. Nie bekommt man jedoch das Gefühl, dass hier jemand vorgeführt wird. Weder der Kommissar mit seinen nervösen Gesichtszuckungen noch Quinquins behinderter Bruder, der sich mit derwischartigen Drehungen fortbewegt und dabei immer wieder auf die Nase fällt. Um die vermeintlichen Makel der Figuren zu diskreditieren, bräuchte es ein Ideal der Normalität, für das sich der Film aber schlichtweg nicht interessiert. Die Abweichung von der Norm wird in Li’l Quinquin selbst zur Norm, die Perfektion zum Fehler.

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Dass die Serie verhältnismäßig zugänglich ist, könnte man durchaus als Zugeständnis an die Erzählkonventionen des Fernsehens sehen. Doch beschneidet Dumont nicht seinen Stil, sondern bereichert ihn und führt ihn in neue Richtungen. Mehrmals gerät er auf bekanntes Terrain, etwa mit einem Rassenkonflikt, der an Das Leben Jesu (La vie de Jésus, 1997) erinnert, oder einer diffusen Sehnsucht nach religiöser Erlösung, die in Humanität (L’humanité 1999) schon ähnlich bebildert war. Es sind aber gerade die zahlreichen komischen Nummern, die das Herzstück der Serie ausmachen. Und mit der im Fernsehen dominierenden Bildästhetik hat das alles sowieso nichts zu tun. Statt auf Großaufnahmen und 16:9 zu setzen, komponiert Dumont kleinteilige Cinemascope-Bilder, deren Details man auf einem Bildschirm wohl nur schwer erkennen kann. Der Ort, an dem man sich diese epische Provinzstudie ansehen sollte, ist natürlich das Kino, denn Li’l Quinquin ist letztlich nur ein etwas länger geratener Film des Regisseurs geworden. Einer seiner besten wohlgemerkt.

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