Proteus

Die Aufarbeitung der Vorfälle auf Robben Island hat mit der Publikation von Nelson Mandelas Memoiren im Jahr 1995 nur begonnen. Proteus rekonstruiert die Geschichte einer homosexuellen Liebe, die Anfang des 18. Jahrhunderts auf der südafrikanischen Gefängnisinsel zum Scheitern verurteilt war.

Proteus

Zwischen offizieller und inoffizieller Geschichtsschreibung können Welten liegen. Jedes Dokument, jeder Zeitzeuge offenbaren einerseits einen Ausschnitt aus der Vergangenheit, andererseits weisen ihre Aussagen auf die stets unvollkommene Rekonstruktion der Tatsachen hin und verbergen hinter den Fakten eine Fülle weiterer Aspekte, ihre Interdependenz oder Autonomie. Nicht linear chronologisch, sondern räumlich verzweigt, zeitlich verknotet und mehrdimensional verläuft sich die Vergangenheit auf verschlungenen Wegen, die bis ins Heute und Morgen reichen.

Solch ein Dokument der Historie, ein sogenannter geschichtsträchtiger Ort, ist Robben Island. Rund zwölf Kilometer vor Kapstadt liegt diese an Alcatraz erinnernde Gefängnisinsel, deren Wahrnehmung hauptsächlich von einem bestimmten Faktum dominiert wird: Die 27 Jahre währende Haft des Anti-Apartheid-Rebellen und gegenwärtigen Präsidenten von Südafrika Nelson Mandela. Die heute zum Museum gewordene Insel trägt jedoch darüber hinaus noch weitere Spuren einer komplexen, kolonialen Vergangenheit als Strafanstalt, Militärbasis und Ort der Verbannung, die im 16. Jahrhundert beginnt.

Eine ihrer vielen Geschichten ist vom südafrikanisch-kanadischen Regisseursduo Jack Lewis und John Greyson aufgegriffen worden und fügt dem unvollständigen Mosaikbild von Robben Island eines der fehlenden Stücke hinzu. Anhand von Aufzeichnungen einer Gerichtsverhandlung aus dem Jahr 1735 entwickeln die Filmemacher ein Drehbuch, das die homosexuelle Liebesbeziehung zweier Häftlinge nachzeichnet, die über zehn Jahre geduldet wurde bis der schwarze Khoi Claas (Rouxnet Brown) und sein Liebhaber, der holländische Matrose Rijkhaart (Neil Sandilands), schließlich doch verraten und wegen Analverkehr zum Tode verurteilt werden.

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Sichtlich bemüht, die Schwelle zum großen Gefühlskino und zum prunkvollen Kostümfilm zu überschreiten, haben Lewis und Greyson auf Grundlage der Gerichtsprotokolle ein emotionslastiges Liebesdrama gedreht, das neben einer gehörigen Portion Leidenschaft, Sex und Eifersucht den Akzent auf die für Claas’ und Rijkhaarts Verbindung unüberwindbaren Hürden Rassismus und Homosexualität setzt.

Proteus ist dabei kein eindimensionaler Historienschinken, der eine vergessene Geschichte lediglich entstaubt und wieder ans Licht zerrt. Denn obgleich die Hauptfiguren vornehmlich kostümiert vor mehr oder weniger authentisch wirkender Kulisse auftreten, beherrscht eine gewisse vieldeutige Zeitlosigkeit den Film. Mit einem Budget, das nur für einen Dreh auf Video reichte, haben Lewis und Greyson aus der Not eine Tugend gemacht und nehmen es in Proteus mit historischer Treue nicht allzu genau. Entfernt an die Vermischung der verschiedenen Zeiten und Dekors in Derek Jarmans Filmen erinnernd, tauchen hier und da Plastiktüten auf, die beiden Liebhaber treffen sich auf einem Betonsilo und die Stationen ihres Strafprozesses werden von den Gerichtsschreiberinnen mithilfe einer Schreibmaschine festgehalten. Auch der Bildeindruck insgesamt wirkt eigenartig gegenwärtig, weil dem Film durch seine minderwertige Videoqualität der Hochglanz eines höher budgetierten 35mm-Spielfilms fehlt und er dadurch den eigenen, selbstproduzierten Heimvideos ähnelt. Dieser eigentlich ungewollte Effekt unterstreicht allerdings den strategischen Bruch mit den Ausstattungskonventionen eines Kostümfilms und weckt den kritischen Blick des Zuschauers, der aus seiner Sehgewohnheit gerissen über diese „Fehler“ stolpert. Die Geschichte von Claas und Rijkhaart gerät so zu einer Art Eintrittstür, hinter der über die Zeiten und Ländergrenzen hinweg noch viele weitere Schicksale von homosexuellen Paaren darauf warten, aufgearbeitet zu werden.

Proteus

Diese überzeitliche Dimension ist es schließlich, die Proteus entgegen seiner Bildschwäche und oft überzeichneten Figuren zu mehr als einem bemühten home video, sondern einem eindringlichen Manifest der jahrhundertelang unterdrückten Homosexuellen in Südafrika und anderswo werden lässt, das zur Auseinandersetzung und zum Nachdenken anregt. So spielt auch der doppelgesichtige Filmtitel deutlich auf die Zeitlosigkeit des Versteckspiels und Freiheitskampfes von Claas und Rijkhaart an: Einerseits verweist er auf die immer wieder nachwachsende südafrikanische Blume protea longifolia, andererseits auf die noch heute präsente griechische Mythologie mit ihrem Meeresgott, Robbenhüter und Meister der Verwandlung Proteus. Diese Überzeitlichkeit wird hier zum Konzept, das durch die Entdeckung von in Schulbüchern übergangenen oder vergessenen Geschichten nach Aufklärung in der Gegenwart sucht.

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