Promised Land

Gus Van Sant lässt zu, dass der Wunsch nach einfachen Gegenwartsdiagnosen seinen eigentlich spannenden Film zerstört.

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Der Kampf zwischen David und Goliath beginnt schon nach wenigen Minuten– am Tisch eines Cafés in einer kleinen Landgemeinde in Pennsylvania. Gemeinderat Gerry hat den smarten Steven Butler (Matt Damon), Repräsentant des Energiekonzerns Global, zu einem privaten Treffen eingeladen – einen Tag bevor auf einer Versammlung entschieden werden soll, ob auf den Ländereien des Dorfes Ölbohrungen mit der umstrittenen Fracking-­Technik ausgeführt werden dürfen, die unter Verdacht steht, für schwerwiegende Grundwasserschädigungen durch Chemikalien verantwortlich zu sein. David lässt die Muskeln spielen, droht, er könne die Pläne des Konzerns mit einer Info-Kampagne über die Fracking-­Risiken durchkreuzen. Doch Goliath kennt diese Situationen. Und so überzeugt Steven den Provinzpolitiker davon, dass seine Gemeinde sich ihren Anteil am Öl besser jetzt verdient, bevor sie nach Zustimmung aller umliegenden Dörfer ohnehin zur Kooperation gezwungen wird – und womöglich kein Geld mehr dabei herumkommt.

Die erste Schlacht ist für Steve gewonnen, doch der Krieg in Promised Land geht gerade erst los. Nachdem die Abstimmung wegen einer kritischen Intervention des alten Wissenschaftlers Frank Yates (Hal Holbrook) zunächst verschoben wird, taucht Umwelt-Aktivist Dustin Noble (John Krasinski) in der Gemeinde auf, sagt Steven und dessen Kollegin Sue (Frances McDormand) den Kampf an und beginnt mit einer Gegen-­Kampagne um die Stimmen der Dorfbewohner.

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Es dürfte kaum jemanden verwundern, dass dieser Film im Wettbewerb der Berlinale gelandet ist. Er bietet ein politisch brisantes Thema, ist hochkarätig besetzt und dazu mit Gus Van Sant noch von einem Regisseur mit A-­Festival-­Format inszeniert. Dabei hat Promised Land, abgesehen von Matt Damon und ein paar Naturaufnahmen im Zeitraffer, kaum etwas gemein mit anderen Van-Sant-­Filmen. Zwar hat der Regisseur auch vorher schon immer wieder mainstreamigere Filme gedreht, die weit entfernt waren von den Experimenten der Todes-­Trilogie oder zuletzt Paranoid Park (2007). Doch waren zumindest seine letzten Filme wie Milk (2008) und Restless (2011) über Themen oder filmische Motive an sein Universum angeschlossen. Promised Land dagegen hat mit der Arbeit Van Sants viel weniger zu tun als mit der mittlerweile nur allzu gut bekannten Stimme des liberalen Hollywood, das sich vor allem über Stars wie George Clooney oder eben Matt Damon (der hier auch am Drehbuch mitgewirkt und den Film produziert hat) politischen Themen annimmt und emphatisch Stellung bezieht. Dass Promised Land trotz der wenig originellen Grundidee nicht mit trockener Didaktik langweilt, sondern längere Zeit überzeugt und Spaß macht, das ist nicht nur dem scharfen Dialogwitz und den stark aufspielenden Hauptdarstellern zu verdanken, sondern auch der Art und Weise, wie der Film seinen „David gegen Goliath“-­Plot aufweicht und verkompliziert. Denn im Vergleich zu strukturell ähnlich angelegten Filmen haben sich Mittel wie Ziel der ungleichen Kriegsparteien verschoben. Hier geht es nicht um eine juristische Klage wie in Erin Brockovich (2000), nicht um die Entdeckung der menschlichen Grausamkeit eines Konzerns wie in Michael Clayton (2007). Das Schlachtfeld ist die öffentliche Meinung innerhalb der Gemeinde, und damit erfordert die Schlacht keine Paragrafen oder Pressekampagnen, sondern vor allem Überzeugungskraft.

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Dass diese nicht nur aus den besser untermauerten Argumenten besteht, sondern auch und vor allem aus gutem Marketing, das macht der Film mehr als deutlich: Dustin gewinnt die Sympathien nicht zuletzt mit einer Springsteen-­Interpretation bei der Open-­Mic-­Night in einer Bar, die Global-­Vertreter beginnen ihr Gegenmanöver mit der Organisation einer Kirmes. Das Filmen dieser Art sonst inhärente Gut-­Böse-­Schema wird also vor allem dadurch aufgebrochen, dass der moralische Konflikt auf eine Art Wettstreit der smarten Typen reduziert wird, an dem der NGO-­Aktivist mehr Spaß zu haben scheint, als es sein ehren-­ und ernsthaftes Anliegen erlauben würde. Die im Kino selten gewordenen sprechenden Namen (der zynische Konzern-Handlanger heißt mit Nachnamen Butler, der umweltbewusste Idealist Noble) lassen sich in diesem Sinne durchaus als ironischer Kommentar auf die meist so überdeutliche Sympathieverteilung lesen.

Dramaturgisch führt diese eigentlich interessante Variante des Gewissensfilms aber zu einer zunehmend ärgerlichen Struktur, in der die Gemeinde kein komplexes Milieu mehr bildet, sondern eine leicht manipulierbare Masse, und in der schließlich auch noch die hübsche Grundschullehrerin Alice (Rosemarie DeWitt) zur umkämpften Trophäe wird. Und im letzten Drittel übermalen Damon und Krasinski alle in ihrem Drehbuch angedeuteten Grautöne mit einem so starken Schwarz und Weiß, dass man sich nicht nur wegen des letzten unglaubwürdigen Plot-­Twists um einen potenziell starken Film betrogen fühlen darf. Schließlich sind alle Ambivalenzen getilgt, und es wird klar, dass die Erwartungen des Publikums nur unterlaufen wurden, um sie ihm am Ende doch noch mit voller Wucht entgegenzuknallen.

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Von seinem kruden Ende aus gesehen ist Promised Land durchaus eine Bestandsaufnahme unserer Zeit, wie es Matt Damon bescheiden nahegelegt hat – nur in einem anderen Sinn. Die einzig öffentlich wahrnehmbare Kapitalismuskritik scheint in unseren Zeiten die der Occupy-­Bewegung zu sein, in der die eigentlich zentralen Debatten von einer grob vereinfachenden Prozent-­Logik übertönt werden. Clooney und Damon schlagen sich als Ein-Prozent-­Verdächtige nur allzu gern auf die Seite der rechtschaffenen Mehrheit. Den ihrer überlegenen Moral so selbstsicheren Kämpfern für eine bessere Welt liefern sie die Happy Ends, die sie verdienen.

Trailer zu „Promised Land“


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Kommentare


Leander

Danke für diese Kritik, ich liebe euch :-)






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