Private

Der Nahostkonflikt als Kammerspiel: Das Spielfilmdebüt des italienischen Regisseurs Saverio Costanzo lässt israelische Soldaten und eine palästinensische Familie in einem Haus wohnen.

Private

Es gibt Filme, denen sieht man schon bei der Synopsis an, dass sie wie eine Fabel funktionieren sollen. Private ist so ein Film. Er handelt von einer sechsköpfigen palästinensischen Familie in den besetzten Gebieten, deren Haus von der israelischen Armee eingenommen wird, und die fortan nur noch im Wohnzimmer leben darf. So sehr die metaphorische Verkürzung des Nahostkonflikts auf das überschaubare Bild eines Hauses mit zwei Parteien wie eine Kopfgeburt wirken mag, und so sehr sie als simple didaktische Veranschaulichung eines ungleich komplizierteren Sachverhalts aufgefasst werden kann, so sehr ist sie auch Realität. Die Handlung von Private beruht auf einem authentischen Fall: Nach Angaben des Regisseurs lebt eine Familie seit 1992 in ihrem von israelischen Soldaten besetzten Haus, das vom Militär als strategisch wichtig gelegener Stützpunkt benutzt wird. Es muss schon eine recht absurde historische Situation sein, wenn die Realität ihre eigenen Abstraktionen liefert.

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Der 1975 geborene italienische Regisseur Saverio Costanzo ist bisher als Dokumentarfilmer in Erscheinung getreten. Das ist seinem ersten Spielfilm auf den ersten Blick anzumerken. Private ist mit einer digitalen Handkamera gedreht, das Format wurde für die große Leinwand aufgeblasen. Deshalb sind die Bilder von einer solchen Grobkörnigkeit, dass in manchen Einstellungen - vor allem bei Nachtaufnahmen - kaum etwas zu erkennen ist. Die Ausleuchtung ist entweder schlecht oder, wie in einem Dogma-Film, gar nicht vorhanden, was dem Film die Anmutung eines Homevideos gibt. Diese technischen Schwächen, die vermutlich durch ein niedriges Budget entstanden sind, werden erträglich, weil sie sich gut in die Geschichte fügen. Die Handkamera ist in ständiger Bewegung, und auch wenn sie für einen Moment auf einem Bild ruht, ist doch ein leichtes Auf und Ab zu bemerken - man spürt sozusagen das Atmen des Kameramannes (Luigi Martinucci), der sich ganz nah an und mitten unter den Familienmitgliedern bewegt. Der Zuschauer wird so zum siebten Mitglied der Familie.

Private

Mohammed Bakri, einer der charismatischsten arabischen Schauspieler, spielt den Vater. Shakespeare zitierend, nimmt er die Besetzung seines Hauses mit pazifistisch zusammengebissenen Zähnen hin und versucht mit seiner Autorität, die Familie zusammenzuhalten. Doch während der europäisch und humanistisch gebildete Vater mit Vernunft auf die Situation zu reagieren versucht, wollen einige seiner Kinder kämpfen. „Sterben für Palästina“ flimmert in einer Szene über den Fernsehbildschirm im Wohnzimmer, ein Werbefilm der Hamas. Eine Tochter schließlich schleicht sich heimlich in das obere Stockwerk und beobachtet dort, versteckt in einem Schrank, die Soldaten. In den so belauschten Dialogen wird deutlich, dass auch die Israelis nicht wissen, warum sie hier sind. Dadurch entsteht keine Annäherung, aber doch die Einsicht, dass beide Seiten des Kampfes müde sind. Hier offenbaren sich aber auch dramaturgische Schwächen: Die Tochter versteckt sich insgesamt vier Mal in diesem Schrank, ein Zeichen dafür, dass dem Drehbuch, an dem insgesamt vier Autoren beteiligt waren, darunter der palästinensische Schriftsteller Sayed Qashua, die Luft ausgeht.

Private

Private, der nicht in den besetzten Gebieten, sondern in Italien gedreht wurde, der aber israelische und arabische Schauspieler in einem Ensemble vereint, ist wegen seiner Unmittelbarkeit ein über weite Strecken berührender Film. Für die große Leinwand taugt er aber kaum. Dass er nun, mit zwei Jahren Verspätung, doch noch in die deutschen Kinos kommt, mag dem Erfolg geschuldet sein, den Filme wie Die syrische Braut oder Paradise Now jüngst erlangten. Jener hatte, wie auch Private, eine Absurdität zum Thema, die der Nahostkonflikt mit sich bringt, nämlich die Trennung von Familien auf den Golanhöhen. Dieser erzählte die Geschichte zweier Selbstmordattentäter. Beide hatten ein wesentlich höheres Budget, und beiden gelang es, sehr spezielle Situationen in eine große filmische Erzählung einzubetten. Dagegen ist Private nur eine - allerdings für am Nahen Osten interessierte Zuschauer sehr sehenswerte - Fingerübung.

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