Prisoners

In the blink of an eye.

Prisoners 08

Detective Loki denkt mit den Augen. Ein entdecktes Detail ist ihm schon eine richtige Schlussfolgerung, ein bohrender Blick zweifelt an den Aussagen von Zeugen. Der Ermittler ist Fährtenleser auf den Pfaden von Ursache und Wirkung: Jedes Verbrechen hinterlässt Spuren, die entziffert werden müssen, jedes Geheimnis ist nur so lange mysteriös, wie es unsichtbar bleibt. Aber dieses Mal ist alles etwas komplizierter. Die Spuren verlieren sich im Dickicht, im Dunkeln, im frisch verwehten Schnee.

Jake Gyllenhaal spielt diesen Loki; einen Mann mit meist angestrengt aufgerissenen Augen, um die herum ein früh am Leben ermüdeter Körper werkelt. Das Ideal des amerikanischen Filmschauspiels ist und bleibt ja die Sichtbarmachung innerlicher Betriebsabläufe, ohne dabei die dünne Firnis eines auch sozial glaubwürdigen Charakters zu durchstoßen. So betrachtet ist Gyllenhaal eine großartige Leistung geglückt, vielleicht die beste seiner Karriere. Ohne jemals etwas anderes als einen abgehalfterten, bis ins Genick tätowierten Provinzermittler darzustellen, fasst er gleichzeitig die tieferere Logik des gesamten Films in minimale Bewegungen. Gemeint ist der Kampf um Übersicht, im Kleinen ausgetragen auf den Augenlidern Gyllenhaals. Alle Muskeln in seinem Schädel arbeiten mit, wenn Detective Loki blinzelt, der gesamte Denkapparat kontrahiert: Augen zu, Augen auf. Alle Überlegungen auf Null. Nochmal von vorne reflektiert.

Prisoners 03

Der große Monteur Walter Murch hat in seinem Buch In the Blink of an Eye über die Affinitäten von Filmschnitt und menschlichem Blinzeln nachgedacht. Jedes Augenschließen ist ein gedanklicher Reboot, wie jeder Bildwechsel im Kino eine neue Situation erschließt. Aber in Prisoners wirft uns die Montage immer wieder in falsche, unklare Anschlüsse: eben noch nah dran, dann zu weit weg; Redeflüsse werden unterbrochen; Verhältnisse werden undeutlich. Zwei Mädchen sind verschwunden an Thanksgiving, ein Hauptverdächtiger ist schnell gestellt. Der geistig zurückgebliebene Alex Jones mit seinem alten Wohnmobil (Paul Dano) muss es gewesen sein, da ist sich der raubeinige Vater Keller Dover (Hugh Jackman) sicher. Aber aus Jones ist kein Geständnis herauszuholen, und es wird bald deutlich, dass seine offenbare Blödheit ihren Ursprung nicht in den Genen, sondern in einem Trauma hat.

Prisoners 02

Mit Gyllenhaal und Jackman treffen zwei Schauspieltypen aufeinander, wie mit ihren Figuren Loki und Dover auch zwei Schablonen der amerikanischen Rechtsauffassung kollidieren: hier der Vertreter des Staates, dort der tatkräftige Self-made-Man mit Knarre im Handschuhfach. Schauspielerische Beherrschtheit ringt mit Kraftmeierei und lautem Wüten. Während der Detektiv seinen Job macht und die ortsbekannten Kinderschänder abklappert, nimmt der in selbstgerechtem Zorn und heiligem Schmerz verfangene Vater das Gesetz selbst in die Hand.

"You promised to take care of us", hält ihm die Mutter (Maria Bello) mit tränenerstickter Stimme vor. Das amerikanische Familienoberhaupt, der Beschützer, hat versagt. Also muss er handeln: Dover entführt den vermeintlichen Täter, um mit Folter und Gewalt das aus ihm herauszupressen, was zu finden er von vornherein gewiss ist. Doch in diesem Moment lösen sich die Gewissheiten gerade auf, weil die Moral in Schieflage gerät: Darf auf der Suche nach Gerechtigkeit Unrecht begangen werden? Verrät die strikte Befolgung von Gesetzen, wenn die Ergebnisse ausbleiben, nicht diejenigen, die durch diese Gesetze geschützt werden sollen?

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Regisseur Denis Vieleneuve bebildert dieses Abgleiten in die Ungewissheit mit subtiler Metaphorik. Ohne je die Funktionsweisen der Genremaschinerien "Psychothriller" und "Melodram" anzutasten, setzt er feine inszenatorische Akzente. Dem Schmerz der Opferfamilien räumt er viel Raum ein, und die mit jedem Tag der Entführung anwachsende Verlustangst, die quälerisch sich ausbreitende Unsicherheit vibriert in regennassen und herbstgrauen Ansichten eines in Waldeseinsamkeit verlorenen Pennsylvania. Die Naturidylle wird zur Schreckenskulisse.

Prisoners 13

Den Nexus von Ungewissheit und schlechter Sicht spielt der Film formal unablässig durch: Andauernd blickt die Kamera durch schmutzige Scheiben, es verdunkeln sich die Bilder, eine verzweifelte Taschenlampe ertastet immer nur unklare Fragmente im schwarzen Bildraum. Irgendwann streut die Story Hinweise auf eine weiter greifende Verschwörung, deren Symbol das Labyrinth ist: Die räumliche Unsichtbarkeit ist dabei auch eine quasi erkenntnistheoretische, da man das, was hinter der nächsten Ecke liegt, immer nur erahnen kann. So wird Detective Loki allmählich verrückt: Aus seinen Spuren werden Spekulationen. Er blinzelt immer häufiger.

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Die lange Phase faktischer und metaphysischer Ungewissheit in der Filmmitte ist jene, in der Prisoners seinem Herzen am nächsten kommt. Alle Inszenierungsentscheidungen arbeiten daran mit. Man denkt an den großartigen koreanischen Film Memories of Murder (Bong Joon-Hoo, 2003). Doch wo dieser in radikaler Konsequenz das ursprüngliche Verbrechen unaufgeklärt belässt, bleibt Prisoners letztlich amerikanisch, sowohl in seiner Genreverhaftung als auch in seinem Bild des (menschlichen) Bösen. Bong begreift den psychologischen Schrecken, niemals die Gedankenwelt eines anderen Menschen erfassen zu können, als Negativität, deren Wirken nicht fokkussier- und feststellbar ist. Zurück bleibt die zunehmend leere Aggression des Versuchs. Dagegen herrscht in Prisoners ein Hoffnung vermittelnder Positivismus. Sich zu verbergen ist hier nur eine Taktik des Bösen, nicht sein eigentliches Wesen. Es kann erkannt und bebildert werden. Die Täter können nicht ewig unsichtbar bleiben. Doch wirklich erschreckend ist das Ungewisse eigentlich nur, solange es sich entzieht. Die Unsichtbarkeit wandert mit dem Blick, ist immer jenseits des Taschenlampenkegels, außerhalb des Blickfeldes, hinter der Ecke, und bewegt sich vielleicht in jenem kurzen Moment des Dunkels, wenn man blinzelt. Blöd nur, dass Prisoners am Ende die Augen wieder aufschlägt.

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