Princesas

Zwei Frauen, die als Huren ihr Geld verdienen, versuchen über ihre Freundschaft den Widrigkeiten des Milieus zu trotzen. Princesas ist trotz seines mitunter tragischen Sujets ein erstaunlich hoffnungsvoller Film.

Princesas

Die Darstellung einer Prostituierten als „die Hure mit dem goldenen Herzen“ zählt spätestens seit Gary Marshalls Pretty Woman (1990) zu den gängigsten Filmklischees, wenn es darum geht, eine Geschichte im horizontalen Gewerbe zu situieren. Auch wenn Filme davor und danach immer wieder mit diesem idealisierten und verkitschten Bild des käuflichen Sex brechen wollten, dürfte es letztlich Julia Roberts Rolle sein, die den meisten Kinozuschauern in Erinnerung bleibt. Gegen Marshalls Zuckerguss-Welt versuchte beispielsweise das griechische Drama Hardcore (2004), das den Leidensweg jugendlicher Prostituierter beschreibt, mit einer ungewöhnlichen Mischung aus nüchtern-sachlichen und surrealen Stilelementen anzugehen.

Der spanische Regisseur Fernando Léon de Aranoa wagt sich mit seiner neuen Arbeit Princesas in das filmisch zwischen Märchenkitsch und Realismus aufgeladene Spannungsfeld des Rotlichtmilieus. Obwohl sie aus einem gut behüteten religiösen Elternhaus stammt, verdient die knapp dreißigjährige Caye (Candela Peña) als Hure ihren Lebensunterhalt. Das ist zunächst auch die einzige Gemeinsamkeit, die sie mit der illegal aus Lateinamerika nach Madrid eingereisten Zulema (Micaela Nevárez) zu teilen scheint. Denn Caye betrachtet sie und die anderen exotischen Immigrantinnen vornehmlich als lästige Konkurrentinnen. Erst durch eine Reihe zufälliger Begegnungen lernen sich die Frauen näher kennen. Zulema erzählt ihr, dass sie die Einnahmen ihrem kleinen Sohn schickt, den sie in der Heimat zurücklassen musste. Die Sehnsucht nach ihm lastet schwer auf ihr. Nur gut, dass sie in Caye eine echte Freundin gefunden hat, die ihr fortan zur Seite steht.

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De Aranoa konzentriert die Handlung auf nur wenige wiederkehrende Schauplätze. Cayes und Zulemas Wohnungen, der Friseurladen der Freundinnen, das Stamm-Café, der triste Straßenstrich. Wie die Frauen ihr Leben zwischen diesen Orten aufgeteilt haben, während sie in Gedanken den eigenen Sehnsüchten hinterher rennen, widersetzt sich in seiner Eintönigkeit und Banalität dem schillernden Pretty Woman-Universum. In einem solchen Klima der Vereinsamung verwundert es nicht, dass Caye und Zulema zueinander finden und ihre anfänglichen zumindest auf Cayes Seite vorhandenen Vorurteile ad acta legen. Zu ähnlich sind sie sich, zu sehr träumen sie von denselben Dingen.

Die vorherrschende Stimmung in Princesas lässt sich trotz mancher Schicksalsschläge durchaus mit dem Attribut „hoffnungsvoll“ umschreiben. Szenen wie das gesellige und geschwätzige Zusammentreffen mit den Kolleginnen scheinen ohnehin eher zu einer gefälligen Nachmittags-Sitcom zu passen, als dass sie sich mit einem kompromisslos authentischen Milieudrama vereinbaren ließen. Eine alternde „Edel-Hure“ hängt den verklärten Erinnerungen an einen großzügigen Freier nach, der sich ihre Verschwiegenheit mit allerlei Annehmlichkeiten und Luxus-Geschenken erkaufen wollte. Princesas kommt dabei jedoch ohne einen Richard Gere-Typus aus, was den Film vor einer allzu romantisierenden Sicht auf das älteste Gewerbe der Welt bewahrt.

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De Arano verweigert sich konsequent einer Dämonisierung der Lebensverhältnisse dieser Frauen und ihrer Entscheidungen. Statt zu vereinfachen, spiegeln sich direkt in den Figuren Caye und Zulema ganz unterschiedliche Biographien wider. Während Caye aus einem gut behüteten bürgerlichen Elternhaus stammt, ist Zulema schlichtweg gezwungen, dieser Arbeit nachzugehen. Ihr illegaler Aufenthalt in Spanien macht aus ihr eine Rechtlose, was von den Freiern umgehend ausgenutzt wird. Der zuversichtliche Grundton der Geschichte lässt das Drehbuch von de Aranoa mehrmals mit unterschiedlichen Gewalterfahrungen kollidieren, die vor allem Zulema mit ihren Freiern machen muss. Diese finden zumeist außerhalb des Bildausschnitts statt. Weil sie sich im Ergebnis auf blaue Flecken beschränken, die Zulemas Schönheit nichts anhaben können, geht von ihnen nur eine abgemilderte Wirkung aus.

Wie zum Beweis, dass es die Frauen sind, denen de Aranoa seinen Film widmen möchte, klebt die ruhelose Handkamera die meiste Zeit über ganz dicht an den Gesichtern und nackten Körpern der beiden Darstellerinnen Candela Peña und Micaela Nevárez. Letztgenannte wurde für ihre facettenreiche Darbietung ebenso wie Manu Chao, der den mediterranen und eingängigen Titelsong beisteuerte, mit dem spanischen Filmpreis Goya ausgezeichnet. Peñas und Nevárez männliche Kollegen müssen sich mit Statistenrollen begnügen. Das erklärt, warum de Aranoa über seine spanische Herkunft hinaus, Vergleiche mit seinem berühmten Landsmann Pedro Almodóvar provoziert.

Gerade weil das Rotlichtmilieu mit Klischees und Vorurteilen zugepflastert ist, aufgrund derer jede Drehbuchentscheidung einer Bewegung auf vermintem Gebiet gleichkommt, weiß de Aranoas zurückhaltender Ansatz zu überzeugen. Das Angenehmste an Princesas ist, dass dieser kleine zuweilen verträumte Film nie den Anspruch auf Vollständigkeit erhebt oder sich gar über seine Protagonisten ein vorschnelles moralisches Urteil erlaubt.

 

Kommentare


Sarah-Mai Dang

Princesas weckt alles andere als Hoffnung, vor allem, wenn man die weitgehend positive Kritik betrachtet, die der Film von Fernando Léon de Aranoa – zumindest auf medialer Ebene – hervorgerufen hat. Die gesamten Reaktionen auf den Film – auch im Kinosaal wurde gelacht und heitere Stimmung verbreitet – sind mir ein Rätsel. Sie zeigen, daß es nach wie vor kein Thema sein darf, daß Frauen (immer noch) diskriminiert, ausgeschlachtet und verkauft werden und also keine eigene Stimme haben. Ein Mann darf Frauen offiziell und in aller Öffentlichkeit ohne jeglichen Einspruch auf ihre Körper reduzieren – zumindest, wenn er vorgibt, sich dem heiklen Thema der Prostitution mittels eines Films zu nähern. Und wenn er dann noch luftig-leicht über solch unannehmlichen Dinge wie Vergewaltigung und Zwangsprostitution hinwegschwebt, dann erntet er gar heftigen Beifall für seine unglaublich unkritische Inszenierung von moderner Sklaverei. Wenn der Kameramann Ramiro Civita dem Geschlecht der Schauspielerin Candela Peña unentwegt folgt, während sie – bloß bekleidet mit einem T-Shirt – alltägliche Arbeiten in ihrer Wohnung verrichtet, Wäsche aufhängt und aufräumt, oder wenn er die Schauspielerin Micaela Nevárez einfach mal so splitternackt ablichtet, dann wird der „behutsame und respektvolle“ Umgang mit den Frauenfiguren gelobt. Doch wie kann man von Zuneigung zu den beiden Protagonistinnen sprechen, wenn diese als dumm, hysterisch und weinerisch beschrieben werden!
Alle männerlosen Frauen werden in Princesas als völlig labil und als nicht überlebensfähig dargestellt, einzig die verheiratete Schwester ist klug und erfolgreich. Die eine Prostituierte verfolgt keinen größeren Lebenstraum, als sich ihre Brüste pornotauglich aufblasen zu lassen und verguckt sich dazu noch in einen dumpfen Computer-Nerd. Und ihre verknittert-verwitwete Mutter läßt sich tagtäglich Blumen schicken, die sie als Geschenk eines heimlichen Verehrers ausgibt. Ein Lächeln bringen die Sträuße dennoch nicht auf ihre Lippen. Die andere Prostituierte muß stets fröhlich-lächelnd durch die Gegend laufen und ab und zu einen Tränenschauer produzieren, wenn sie ihren Sohn in der Dominikanischen Republik anruft: „Ja, mein Liebling, ich vermisse Dich, sehr, sehr, sehr.“ Dazu klingeln Karibikklänge wie in einer Eiscreme-Werbung.
Prostitution wird in Princesas als normaler Job beschrieben, der sich kaum von anderen unterscheidet. Oder noch schlimmer: als Hobby, ja als Freizeitvergnügen. Wenn die spanischen Prostituierten zusammen im Friseursalon hocken, wo sie sich für ihre „Liebsten“ schön machen, und über die neue fremde Konkurrenz herziehen, weil sie ihnen die Preise verdirbt, bekommt man das Gefühl, man wohne einer Soapopera bei. Tatsächlich drohen deren lange Beine und pralle Brüste die der anderen auszustechen.
Der Film erzeugt jedoch weder eine schrille Melodramatik wie etwa die Werke Almodóvars, die sich ebenfalls gesellschaftlichen Randfiguren widmen, noch thematisiert er die Härte des bitteren Geschäfts wie etwa Dennis Iliadis mit seinem Film Hardcore (2004). Princesas ist ein Film, der wütend macht, der wehtut – nicht augrund dem Thema eigentlich gemäßer, schmerzhafter Szenen, sondern aufgrund seines sorgenlosen Umgangs mit Prostitution, deren verharmlosenden Reproduktion, ja, deren Fortführung.


Martin Z.

Wenn man sie nach ihrem Beruf fragt, antwortet Caye „Ich bin Hure.“ Und wenn ihr etwas fehlt, ist es, dass sie nie von der Arbeit abgeholt wird. Ein Frauenfilm, der nicht nur das Milieu sensibel beleuchtet, sondern auch den familiären Hintergrund der beiden Protagonistinnen Caye (Candela Pena) und Zulema (Micaela Nevarez) ausführlich darstellt. Obwohl sie offen über ihren Beruf sprechen, verheimlichen sie es vor ihren Familien. Und obwohl beide eine völlig verschiedene Ausgangsposition haben, entwickeln sie eine schwesterliche Solidarität für einander. Und jetzt erlangt der Titel in den Gesprächen der beiden seine ganze Bedeutung: „Huren sind Prinzessinnen, die so sensibel sind, dass sie spüren wie die Erde sich dreht. So wird ihnen dauernd schwindlig. Sie bringen andere zum Fliegen.“ Eine weitere Aussage passt noch genauer auf die beiden: „Prinzessinnen werden krank und können sterben vor lauter Traurigkeit, wenn sie fern von ihrem Königreich sind:“ Damit das nicht passiert fliegt Zulema nach Hause und Caye outet sich ihrer Familie gegenüber. Nicht aber ohne ihrem Dasein zuvor noch eine philosophische Basis zu geben „Jemand existiert nur, weil man an ihn denkt.“ Sowohl die Realität der Strasse als auch die Poesie der Worte treffen Auge und Ohr der Zuschauer in bemerkenswerter Weise.






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