Prince Avalanche

Männer im Wald.

Prince Avalanche 02

Gelbe Linien, immer und immer wieder. Wir schreiben das Jahr 1988, Alvin (Paul Rudd) und Lance (Emile Hirsch) schreiten eine Straße ab, die durch einen von verheerenden Bränden zerstörten Wald führt, und produzieren frische Mittelstreifen, die sie wieder befahrbar machen sollen. Gleich zu Beginn von Prince Avalanche erinnert Alvin seinen neuen Kollegen daran, dass er der Boss ist und Lance den Job nur verschafft hat, weil dieser der kleine Bruder seiner Frau ist. Greens Roadmovie der etwas anderen Art lebt fast ausschließlich von der Dynamik zwischen den beiden Protagonisten, die abgesehen von ihrer ihnen selbst eher unbehaglichen familiären Beziehung noch mehr Konfliktpotenzial in sich birgt: Denn die Verschwägerten könnten unterschiedlicher nicht sein. Alvin ist ein Gentleman mit Familienbewusstsein, ein Möchtegern-Thoreau, der romantische Briefe in poetischer Sprache schreibt, vom wichtigen Unterschied zwischen Einsamkeit und Alleinsein schwadroniert und nichts mehr zu genießen scheint als die Stille der Natur und die Selbstständigkeit des Lebens in der Wildnis. Lance ist nicht nur deutlich jünger, sondern – man beachte die ironische Besetzung mit Into the Wild-Star Emile Hirsch – ein geborenes Stadtkind, das mit der Natur nichts anfangen kann, und ein Möchtegern-Macho, der akribisch den nächsten Geschlechtsverkehr plant und sich niemals vorstellen könnte, für längere Zeit in der Wildnis zu leben ohne Gelegenheit zum Vögeln.

Während Paul Rudd unter seinem strengen Bärtchen und in seinen Bauarbeiter-Klamotten kaum zu erkennen ist, sieht Emile Hirsch mitunter aus wie ein Miniatur-Jack-Black und erinnert in seiner Geilheit auch mal an dessen pubertäres Overacting. Aus diesem Kontrast entwickeln sich hin und wieder durchaus sehr amüsante Situationen, vor allem Alvins Mischung aus moralisch strenger Abneigung und neidvoller Faszination gegenüber Lance’ Sex-Fixiertheit kostet Rudd genüsslich aus. Doch ansonsten wird die Reibung zwischen beiden eher auf Ebene der Dialoge als in der Dynamik zwischen den Darstellern spürbar. Und auch dort begeistert Prince Avalanche höchstens punktuell. Ein bisschen gelungene Situationskomik hier, ein witziger Spruch da, dazwischen aber auch jede Menge sehr bemühter Gags, die nicht so recht zünden mögen. Ein wenig Abwechslung bietet da schon ein alter Lastwagenfahrer (Lance LeGault), der sehr spendabel mit seinen Alkoholreserven umgeht und Lance und Alvin dabei ein paar Lebensweisheiten mit auf den Weg gibt.

Prince Avalanche 01

Prince Avalanche ist das Remake des isländischen Films Either Way (2011), in dem – was wenig überraschen mag – deutlich weniger gesprochen wird als in der US-amerikanischen Version, die Landschaft weitaus weniger grün ist. Die texanischen Wälder setzt Green mit großer Freude in Szene: Klassische Dialogszenen wechseln sich ab mit Einstellungen, in denen sich die Umgebung einschleicht in die Beziehung der Männer. Das verleiht dem Film einen sehr zugänglichen Rhythmus, dem gegenüber die teils unnötig langen und mit einem überdeutlichen Soundtrack versehenen Natursequenzen, zusammengesetzt mal aus Detailaufnehmen von Flora und Fauna, mal aus Totalen von Wald und Himmel, eher irritieren.

Nicht nur in der Bildsprache bläst Green seinen Film immer wieder künstlich auf und fleht uns an, dass wir hier mehr erkennen als „nur“ eine leichte Komödie. Eine alte Frau, die Alvin trifft, als ihn Lance für ein Wochenende allein im Wald gelassen hat, wühlt in den Überresten ihres vom Waldbrand zerstörten Hauses nach ihrem Pilotenschein. Ihre mystische Präsenz bricht das Understatement des Films und konstruiert Wege, die letztlich ins Leere laufen. Leider endet auch die angedeutete Dekonstruktion des ehrlichen Gesprächs unter Männern, die sich ihre Gefühle erst mal antrinken müssen, in einer Feier des Buddytums, das immun ist gegen die in der Metaphorik des Films als Naturkatastrophen auftretenden Entscheidungen der abwesenden Frauen. Es ist nicht das Scheitern der Männer, das Green interessiert, sondern – analog zu den Opfern der Waldbrände – ihre Hoffnung auf einen Neuanfang. Aber es menschelt eben nicht stark genug, um wirklich zu berühren, und viel zu stark, um das Ganze augenzwinkernd anzunehmen.

Für den nach seinem Indie-Debut George Washington (2000) so hoch gehandelten Regisseur ist dieser Film ein kleiner Neuanfang, nachdem er sich in den letzten Jahren eher albernen Comedy- und Fantasy-Projekten gewidmet hatte. Der nicht unsympathische Prince Avalanche ist daher ein Schritt in die richtige Richtung, auch wenn es sich alles in allem um einen Aufguss längst bekannter Motive handelt: Das Kammerspiel in der Natur, die Charakterstudie in der Einsamkeit, zwei stark unterschiedliche Menschen, die über Umwege und Konflikte zu ziemlich besten Freunden werden. Dazwischen wird immerhin eine Straße in Texas wieder in Schuss gebracht, und vielleicht fährt ja bald ein nettes Roadmovie drüber.

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