Pride

Schwule, Lesben und Bergarbeiter machen Party. Im Königreich der Thatcher-Flaute braucht es Leute mit Humor.

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Gleich zu Beginn sieht man Margaret Thatcher auf einem Fernsehgerät. Es ist ein Porträt der Bedrohung, und umso bedrohlicher wirkt ihr Antlitz, sobald dieses Fernsehbild herausgelöst und selbst zum Filmbild wird. Die körnige Großaufnahme der Premierministerin überflutet die gesamte Leinwand, ihre Präsenz ist absolut und dadurch so monströs. Der Thatcherismus, eine gesamte Dekade nationalistisch-konservativer Politik, eine Ära des sozialen Horrors, gerinnt hier zum Bild, zu einem Fernsehbild von einer derartigen Penetranz und Gewaltsamkeit, dass es den Film und das Filmgeschehen schlichtweg verschluckt und sich ganz alleine und total hervortut. Dieser Effekt, ein ästhetisch markierter Absolutismus, ist auch gleichzeitig einer der Ohnmacht: Der entsetzte Blick zweier junger Männer, zweier schwuler Männer vor dem Fernseher wird schlicht ausgemerzt, ihm wird der Ort entzogen, sobald sich Thatcher den gesamten Bildkader gefügig gemacht hat. Dem Kino genügen diese wenigen Sekunden, diese fast marginale Situation, um die Frontlinien freizulegen, die in den 1980er Jahren im Vereinigten Königreich verliefen: Wer im Recht ist, sich zu äußern und vernommen zu werden, wer imstande ist, zu sehen und gesehen zu werden, und wer nicht. Für diese Art nuancierter Verdichtungen beweist Regisseur Matthew Warchus ein höchst feines Gespür und eine technische, stilistische und erzählerische Eleganz.

Thatcher ist überall

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Es ist 1984, die Gewerkschaften stehen im Krieg mit der Thatcher-Regierung, die Bergarbeiter legen die Arbeit nieder, sie streiken gegen die Massenschließung und Privatisierung der britischen Zechen, und in London werden Homosexuelle bei Demonstrationen angespuckt und in die Hölle gewünscht. „Disgusting“, platzt es in adrett britischem Akzent einer jungen Frau heraus, die vor einem Protestmarsch von Schwulen und Lesben panisch und schutzsuchend flieht. Sie selbst könnte Margaret Thatcher sein, derart erhaben sieht sie sich über alle Moral. In einem bürgerlichen Wohnzimmer feiert der junge Joe seinen Geburtstag. Stolz überreicht ihm seine Mutter eine Fotokamera, sie lächelt spitz unter ihrer flotten Dauerwelle. Auch sie könnte Margaret Thatcher sein. Thatcher ist eben überall, und es ist nicht nur der Name einer politischen Hardliner-Figur, sondern die Bezeichnung für ein manifestes gesellschaftliches Problem. Joe ist schwul, er wird es selbst erst im Verlauf der Geschehnisse herausfinden, im Überschlag der Ereignisse, deren Chronist er wird. Wer im Vereinigten Königreich keine Thatcher ist, kann und muss sich formieren, und so kommt es – und so kam es tatsächlich 1984 – zu einer sehr ungewöhnlichen und bereits im Kern recht komischen Allianz zwischen homosexuellen Großstadtkids und einer dörflichen Bergarbeitergesellschaft.

Brückenschläge

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L.G.S.M. (Lesbians and Gays support the Miners), so nennt sich die Gruppe gewiefter Jugendlicher, die es gar nicht so leicht hat, die gesammelten Spenden an den Empfänger zu bekommen. Die Gewerkschaften und Organisationen wollen mit Schwulen und Lesben nichts zu tun haben. Einzig eine kleine eingeschworene Gruppe walisischer Bergleute zeigt sich dankbar, obgleich natürlich nicht alle, und lädt ihre Unterstützer in ihre Gemeinde ein. Diese Begegnung – klar, eine Begegnung der grellen Gegensätze – ist es freilich, um die sich in Pride alles dreht und wendet. Freundschaften sind für Erzählungen doch immer dann am interessantesten, wenn ihre Akteure einander in scheinbar unüberbrückbarem Kontrast stehen (um sich mit dem Auto zu erreichen, müssen die beiden Parteien über eine gigantische Hängebrücke fahren; eine Einstellung, die sich im Film mehrmals wiederholt und die natürlich denkbar ikonisch befrachtet ist), und natürlich zieht Pride aus diesen Diskrepanzen seinen dramaturgischen Profit. Es trifft nicht nur der Homosexuelle auf den Heterosexuellen, sondern auch die Großstadt auf das Kaff, der weltoffene Jungspund auf den gesetzten Rentner, der Intellektuelle auf den Arbeiter; und im Durchspielen all dieser Widersprüche und Gegensätze liegt selbstverständlich die Pointe von Pride. „Weshalb sind eigentlich alle Lesben Vegetarier?“, fragt eine alte Witwe ein exzentrisch aufgedonnertes Liebespaar.

Die Stapelung der Affekte

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Angekündigt wird Pride mit diesem seltsam trivialen „Feel-Good“-Prädikat, dieser heiklen werberhetorischen Selbstauskunft, die doch irgendwie ein Genre bezeichnen will. Diese Bezeichnung ließe sich aber auch durchaus einmal ernst nehmen, denn noch bevor hier eine Handlung vorangetrieben wird, wird Pride tatsächlich durch unterschiedlichste und vor allem ausschweifende Affektsituationen organisiert. Man kennt diese Poetik von den etwas populäreren Kollegen Tatsächlich Liebe (Love Actually, 2003) oder den Bridget Jones-Filmen. Im diesigen Gemeindezentrum – die Dorfgemeinde und die Jugendlichen, sie sitzen Meter voneinander entfernt – beginnt der virile, geheimnisvolle Jonathan (Dominic West) zu tanzen. Mürrische und skeptische Gesichter werden eingeschnitten, Jonathan wirbelt die alten Damen umher, eine Leidenschaft, die diese noch nie erfahren haben. Die ersten Gesichter wandeln sich zu einem Lächeln, die Musik wird lauter, der Tanz verlagert sich auf die Tische, und selbst noch der, der sich mit aller Macht dagegen wehrt, wird mitgespült von dieser beinahe totalitären Affizierungswelle. Solche Situationen – und diese bestimmen das wesentliche Stilprinzip des Films – entstammen als solche astrein den Steigerungskurven der Musicallogik. Alle Handlung kommt zum Stillstand, und übrig bleiben die Gesichter, der reine Ausdruck, die Bewegung, die Performanz: die Stapelung von Affekten. Dieses Inszenierungsprinzip ist alles andere als trivial, und Warchus arrangiert es charmant und unsentimental, streckenweise (wenn man so will, zumindest technisch) brillant, und am Ende ist der, dem die versteinerte Miene entgleitet, der im Affektgeschehen darüber die Kontrolle verliert, vielleicht der entschiedenste Anti-Thatcher.

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