Precious - das Leben ist kostbar

Lee Daniels Sozialdrama über ein schwarzes Mädchen in Harlem ist erschütternd und unerträglich schonungslos – es verlangt dem Zuschauer vieles ab und belohnt mit menschlicher Wärme und Würde.

Precious - das Leben ist kostbar

Bereits die Romanvorlage der afroamerikanischen Autorin Sapphire mutet dem Leser viel zu. Das Schicksal, welches sie die Titelheldin ihres 1996 erstmals erschienenen Erfolgsromans Push durchleiden lässt, mutet wie das Substrat klischeebehafteten Ghetto-Elends jenseits der Erträglichkeitsgrenze an. Regisseur Lee Daniels (Shadowboxer, 2005) nimmt in seiner Leinwandadaption zwar einiges davon zurück, dennoch erscheint das Bild – bricht man es auf den Umfang einer Synopsis herunter – kaum vorstellbar: Claireece Precious Jones erwartet ihr zweites Kind. Sie hat schon eins, das aber ist behindert. Der Vater der Kinder ist ihr eigener, denn Precious ist das Opfer fortgesetzten inzestuösen Kindesmissbrauchs. Precious ist erst sechzehn Jahre alt. Sie ist Analphabetin, wiegt über 100 Kilo und sie ist schwarz. Später erfahren wir, dass sie HIV-positiv ist. Precious lebt mit ihrer sadistischen Mutter in Harlem, New York City, in den 1980er Jahren.

Precious - das Leben ist kostbar

Ein solcher Plothintergrund ist bestens geeignet für ein gesellschaftskritisches Soziopathendrama mit unverdaulichem Finale. Doch gerade das ist Lee Daniels Precious – das Leben ist kostbar (Precious: Based on the Novel 'Push' by Sapphire) eben nicht, denn bei aller Trost- und Ausweglosigkeit ist es ein Film über Hoffnung und menschliche Würde. Dass dies sehr gut gelingt, liegt zum Einen an der Art und Weise, wie Daniels die unerträgliche Last von Precious’ Schicksal darstellt: Fernab jeglicher plakativer Drastik eröffnet der Film eine grauenhafte Tatsache nach der anderen im fatalistischen Mantel vermeintlicher Alltäglichkeit. Das erzeugt beim Zuschauer natürlich Betroffenheit und Konsternation. Zum Anderen geht der Film von einer philanthropischen Prämisse aus, nämlich, dass in jedem Menschen ein unerschütterliches Mindestreservoire an Hoffnung, Fantasie und Lebensmut verborgen ist, welches bei leicht veränderten Rahmenbedingungen genutzt werden kann, um aus jeder noch so verfahrenen Situation zu entkommen. So setzt die Geschichte dem Elend kleine Lichtblicke entgegen, Wege zu Auswegen aus dem Sumpf der erdrückenden Tristesse. Die Energie sich zu mobilisieren, sich gegen das eigene Schicksal mit kleinen Schritten zu wehren, dieser Push – das ist die eigentliche Story von Precious.

Precious - das Leben ist kostbar

Die Mainstream-Zielgruppe im Blick versucht sich der Film nicht in ästhetischen oder formalen Extravaganzen und bleibt in seiner Narration handwerklich konventionell: Das zum Teil hohe Montagetempo und der Einsatz der Handkamera verhindern dabei jede elegische Larmoyanz und schaffen so einen nahezu pseudo-dokumentarischen, intensiven Duktus. Dass der Film dem Vorwurf der Banalisierung des exponierten Elends und einer vordergründig sozialkritischen Verallgemeinerung entgeht, liegt an der realistisch anmutenden Figurenzeichnung sowie an der Balance, mit welcher die Unerträglichkeiten zu leichten, manchmal humoristischen Elementen im Verhältnis stehen. Der Film versteht sich als eine Cinderella-Story ganz eigener Art. Der schroffen Realität setzt Daniels eine märchenhafte Tagtraumebene entgegen. In diesen kitschfrei, sensibel und geradezu homöopathisch-dezent gesetzten Sequenzen träumt Precious von Respekt, Akzeptanz, Wärme und Liebe.

Precious - das Leben ist kostbar

Fernab aller Träume bekommt Precious die reale Chance an einem Förderschulprogramm für legasthenische junge Frauen teilzunehmen. Das scheint ein kleiner Schritt zu sein, für Precious bedeutet es, zunächst der Tyrannis ihrer Mutter Mary zu entkommen. Diese hasst Precious dafür, ihren Mann (Precious’ Vater) verführt zu haben – ein demütigender Zynismus, denn Precious wurde vom Vater regelmäßig mit Duldung der Mutter vergewaltigt. Der Vorwurf ist zudem projizierte Entäußerung von Verzweiflung, Selbsthass und Defätismus einer Frau, deren einziger Lebenszweck im fortgesetzten Erschleichen von Sozialleistungen zu bestehen scheint. Eine Existenz wie Precious solle nicht Lesen und Schreiben lernen, sondern sich zur Sozialhilfe scheren und endlich „Stütze“ nach Hause bringen.

Precious - das Leben ist kostbar

Der schwierige Weg zur Emanzipation führt über die Förderschule von Ms. Rain (Paula Patton), wo Precious andere unterprivilegierte Mädchen kennen lernt. Hier kann sie Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten entwickeln und sich ihren Traumata stellen. Am Ende dieses Prozesses kann sich Precious zu ihren Verletzungen bekennen und mit ihren Kindern in ein Leben gehen, in welchem sie zumindest die Chance auf mehr Selbstbestimmung hat.

Zweifelsohne funktioniert dieser schwierige Film im Wesentlichen dank der Hauptdarsteller, allen voran Gabourey Sidibe als Precious. Die für den Film entdeckte übergewichtige Darstellerin verkörpert die Protagonistin mit verinnerlichter Kraft und unaufgesetzter Würde und verleiht ihr eine starke Authentizität. Im Kontrast hierzu gibt die Komödiantin Mo’Nique als Precious’ Mutter eine vielschichtige Figur, von sadistischer Bosheit an der Oberfläche und mit einer im innersten verborgenen Verzweiflung, die sich am Ende in einem starken Rechtfertigungsmonolog entäußert. Zu den Überraschungen des Ensembles gehören auch Mariah Carey als Sozialarbeiterin Ms. Weiss, typisiert auf blasse und ungeschminkte Leidensgestalt, sowie als einziger Mann in einer Nebenrolle Lenny Kravitz als Krankenpfleger John, der Sympathien für Precious entwickelt.

Precious - das Leben ist kostbar

Die Botschaften von Daniels’ Film mögen banal klingen, der aufgetürmte Leidensdruck mag zu konstruiert sein – im Zusammenspiel von sich abwechselnden narrativen Stilmitteln und überzeugenden Darstellern entfaltet Precious dennoch eine Wirkung, der sich der Zuschauer nicht zu entziehen vermag. Und vergegenwärtigt man sich, dass derartige Geschichten auch hierzulande in wachsenden Unterprivilegiertenschichten denkbar sind, bekommt der Film eine unangenehme Aktualität.

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Kommentare


vc

Trotz der Mainstreamtauglichen Montage und Erzählstruktur ist der Film in meinen Augen ein Juwel unter den Mainstreamfilmen.

Der eine überraschend abgehackte Kameraführung in der Szene zwischen Precious und der Schuldirektorin aufweist.

Die cliphaften Sequenzen und kleinen Traumsequenzen mit dem Fotoalbum lockern die Härte des dargestellten Elends und ermöglichen somit die Entfaltung der Cinderella Story.

Es sind die kleinen Elemente des Films, welche die Geschichte sehenswert machen.

Einzige Kritik in meinen Augen ist die Wiederaufnahme der Geschichte mit Precious' Mutter und der Sozialarbeiterin- eine schwierige Bruchstelle, die anders hätte gelöst werden können.


m. brake

Dieser Film geht unter die Haut. Eine phantastische Leistung der Schauspieler insgesamt. Dazu die Bemerkung, dass hierzu auch Mariah Carey enorme schauspielerische Leistung gezeigt hat - und das ungeschminkt, sehr authentisch. Sollte sie öfter machen.
Dieser Film ist Pflicht!


Patryk

Precious erlebt die Hölle auf Erden und ihre Mutter als der Teufel schlechthin lässt Sie alle erdenklichen Schmerzen erleben. Als rehabilitiert wird Sie kinematografisch in der letzten Szene entlassen. Precious träumt natürlich von Hollywood. Und die Oscar-Akademie freut sich das die Precious bei all dem sozialen Apokalypse auch an Sie gedacht wurde. Das prophezeite schon Madonna mit "Everybody comes to Hollywood" Warum eigentlich? Dabei ist es verwunderlich das die Hauptdarstellerin am Ende noch auf zwei Beinen steht. Verständlicher wäre wohl eher ein Suizid gewesen. Härter aber realistischer. Und der Film ist verlogen. Bigott und verlogen. Denn er arbeitet mit dem altbekannten Prinzip Hoffnung. Wieso bezeichnete Goethe die Hoffnung als menschenfeindlich? Hoffnung ohne wirklichen zukunftstragenden Inhalt ist eine trügerische Hoffnung – sie dient zur Selbsttäuschung und lebt sich tendenziell im Aktionismus aus. Die Furcht hängt mit dem Ahrimanischen zusammen und die (trügerische) Hoffnung mit dem Luziferischen. Darum braucht niemand - wirklich niemand - diesen Film. Aber Hollywood schon. Es muss sich - fern von Villa und Jacht - wenigstens im dunklen Saal im sozialen Dreck aalen um sich zu erden.


Gerry

Wow...selten einen so gelungenen Film gesehen...gut, wirklich gut.


Wahlhamburgerin

Lieber Patryk,

die Hollywoodträume von Precious wirken sehr 0815, das gebe ich zu.
Allerdings ist es meiner Meinung nach nicht gerechtfertigt, dem Film (bzw. Regisseur) vorzuwerfen, er habe damit diesen Lebenstraum als allgemeinverbindlichen darstellen wollen, der immer Anker aller Hoffnung sei, die dann natürlich nur Schall und Rauch sein kann.
...ich glaube eher, das damit nur gezeigt werden sollte, dass Precious ein durschnittliches junges Mädchen ist, und viele Mädchen träumen nun mal von so etwas. Natürlich nicht alle - aber der Durchschnitt lebt ja auch davon, dass ihm nicht alle entsprechen.






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