Strand der Zukunft

Über den Dächern der Stadt, endlich mal wieder.

Praia do Futuro 03

In der Weltkinosparte des Berlinale-Wettbewerbs rockt es ja eher selten. Lokale Soundkulisse und authentische Intimität übernehmen da doch häufig gleich das Ruder, mit höchstens vorsichtiger Musik und hinter visueller Subtilität versteckter Deutlichkeit. Als auf der Leinwand die von hinten und vorne durchgeförderte „offizielle“ deutsch-brasilianische Co-Produktion Praia do Futuro angekündigt wird, erwartet man zunächst Ähnliches. Aber dann ein Song von Suicide und zwei Motorräder vor Dünenlandschaft, ein Horizont aus sich im Takt drehenden Windrädern. Ein vertikaler Schwenk schließlich über die Dünen hinweg, Strand und Meer, zwei Menschen sprinten ins Wasser. In der dritten und letzten Einstellung des Prologs ein Kampf ums Leben, in dem einer der beiden ertrinken wird, weil der andere irgendwann keine Kraft mehr hat und weil in diesem Männerfilm kein Platz ist für Macher und Retter.

A men’s film

Praia do Futuro 01

Der Weg in den Tod, erst auf dem Motorrad, dann zu Fuß. Doch mit Tragik hält man sich nicht lange auf. Der überlebende Konrad (Clemens Schick) lässt sich vom Rettungsschwimmer Donato (Wagner Moura) den Tod seines Freundes bestätigen und über die weitere Vorgehensweise informieren. Danach ficken die beiden im Auto. Der erste von drei Teilen des Films spielt am titelgebenden Strand, an dem das diffuse Verhältnis der beiden Männer sich zunächst in wenigen Bildern verliert. Einmal erzählt Konrad zwar, dass er den Verstorbenen in Afghanistan kennengelernt habe, ein anderes Mal wirft er Donato fehlende Sensibilität vor, er sei wohl schon an den Tod gewöhnt. Doch das sind Ablenkungsmanöver, Kompromisse vielleicht, jedenfalls müßige Notwendigkeit. Eigentlich ist jeder gesprochene Satz einer zu viel. Aussagen interessieren Aïnouz nur als austauschbares Element innerhalb singulärer Situationen. Man spricht die Sätze nicht, um etwas mitzuteilen, sondern um danach aufzustehen aus dem Sand und ein paar Schritte in Richtung Meer zu gehen. Ein Melodram, aber ein men’s film.

Praia do Futuro 04

Dann Berlin: Donato ist Konrad nach Deutschland gefolgt, beide sind etwas älter, nichts Genaues weiß man nicht. Die Geschichte von Praia do Futuro spielt sich nicht im Bildrahmen ab, ist selbst untergetaucht wie Konrads Freund am Anfang – und Aïnouz schwimmt ihr nicht hinterher, sondern verweilt an der glänzenden Oberfläche. Auch im hektischeren, lebendigeren Berlin sind Bilder und Bewegungen zugleich ausschweifend und doch reduziert auf ihre dramatische Essenz. Und die Sprache erst: Als Donato am Tresen eines Kiosks steht, deutet er kurz mit der Hand nach oben und sagt „Zigaretten“, als würde das im Spätkapitalismus noch ausreichen. Auch hier: Worte nicht als Aussagen, sondern als verbale Gesten, auf einer einzigen, fließenden Ebene mit den Berührungen und Blicken, die sich die Männer schenken.

Das Modell einer Liebesgeschichte zwischen brasilianischer Atlantikküste und Berlin, zwischen exotischem Paradies und Weltstadt, wird dabei nicht nach der Logik kultureller Differenzen durchgespielt, über den berühmten Kontrast zweier Welten. Praia do Futuro entsagt der Betonung des Trennenden, verbindet diese Welten vielmehr durch die simple Poesie seiner Bildsprache. Körper im Raum: Donatos Energie, die am Strand sich noch in Fangspiele mit dem kleinen Bruder Ayrton kanalisierte, findet nun in exzessiven Tänzen zu privaten Chansons oder öffentlichem Techno ihren Ausdruck. Der einsame Strand, an dem Donato sitzt, wo sich die Wellen brechen, und die belebte Straße, durch die er streift, wo sich Neonschriften in Schaufenstern spiegeln, sind Kino, sind dasselbe.

Auf der Suche nach dem nächsten visuellen Kick

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Alles ist too much oder eben wunderbar campy: Im Hintergrund der Dialogbilder sitzt immer noch ein Kind auf einem Motorrad, oder es springen Schwimmer vom 10-Meter-Turm. Der große Streit geschieht ohne viele Worte, aber im Grünen und bei Regen, für eine gänzlich stumme Szene klettert man aufs Hausdach, damit die zaghafte Berührung über den Schornsteinen Berlins stattfindet. Das Schwelgen im melodramatischen Exzess, wo noch für die kleinste Geste das Setting gewechselt wird, kann hier seine Kraft jedoch kaum noch aus sich selbst beziehen, lässt eher die Übertreibung genießen als das Übertriebene selbst – ein Genießen also, das nicht unmittelbar affektiv ist, sondern eher für ein distanziert-wohliges Lächeln auf den Lippen sorgt. So wünscht man sich in manchen Sequenzen gleich eine ganze Tonne von Sehgewohnheiten weg. Doch Zeit für Nostalgie ist nicht, weil die einzelnen Einstellungen nicht um Kontemplation werben, sondern stets von Bewegung durchzogen sind, und weil Aïnouz den Todestrieb der Anfangssequenz jedem Zeit-Bild vorzieht, seinen Kitsch ausgerechnet mit ständigen Abbrüchen im Fluss hält, immer auf der Suche nach dem nächsten visuellen Kick, der nächsten filmischen Ausbeutung eines Stücks Welt.

„Es ist zu kalt … und zu kompliziert“

Praia do Futuro 05

Im dritten Teil kommt der zum attraktiven Teenager mutierte Ayrton (Jesuita Barbosa) nach Berlin, um seinen Bruder zu suchen, ihn ob seiner Heimatignoranz zur Rede zu stellen, vielleicht aber auch, weil ihn ebenso nichts mehr hält in der Heimat, weil er sich selbst nach einem radikalen Neubeginn sehnt und weil eben Männer von Männern angezogen werden in diesem Film. Abgehoben wirkt dieses Kapitel vom Rest, nicht nur wegen der erneuten Ellipse, und doch kommt Praia do Futuro hier zu sich selbst. Nach einer der vielen Nachtclub-Sequenzen landet Ayrton mit einem Mädel vor dem Hinterausgang, sucht den schnellen Sex. Doch auch hier der rasche Abbruch. „Es ist zu kalt ... und zu kompliziert“, sagt die ultimative Berlin-Synthese namens Dakota und rennt weg, Ayrton hinterher. Die Sexszene zu kalt, zu kompliziert, der Hauseingang zu eng, macht sich nicht in CinemaScope, gehört in einen anderen Film. Jagt euch lieber auf einer der unzähligen Brachen dieser Stadt, mit bunten Spritzpistolen, und dreht bitte einer die Musik auf.

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