Postcard to Daddy

In Postcard to Daddy begibt sich der Regisseur auf eine Reise zum Trauma seiner Kindheit und spricht mit seiner Familie über sexuellen Missbrauch.

Postcard To Daddy

Wenn einer eine Reise tut, schreibt er oftmals ein paar flüchtige Zeilen an die lieben Daheimgebliebenen. Meistens geht es um die tolle Unterkunft, ein paar Sehenswürdigkeiten oder das Wetter. Michael Stock sendet seinem Vater eine Karte in die dunkle Vergangenheit.

Anlass ist eine Reise nach Thailand, die der Regisseur 2007 nach einem Schlaganfall unternimmt und auf der er sich dem Trauma seiner Kindheit nähert: Bis zu seinem 16. Lebensjahr wurde Michael Stock Opfer sexueller Gewalt – so lange, bis er zuschlug und dem achtjährigen Missbrauch ein Ende setzte. Fernab der Heimat beginnt Postcard to Daddy (2010) mit der filmischen Aufarbeitung der eigenen Geschichte, die zu einer Videobotschaft an den Vater wird. Auf die Reise begleitet ihn seine Mutter Margret, und der Regisseur steigt am paradiesischen Urlaubsort gemeinsam mit ihr in seine Kindheitshölle hinab. In emotionalen Gesprächen schildert der Film schonungslos die Vergehen des Vaters und zeigt auch, dass sie ein Geheimnis unter Opfer und Täter blieben. Aus Selbstvorwürfen und Abscheu hat keiner der beiden je darüber gesprochen, erinnert sich der Sohn. „Habt ihr etwas gemerkt?“, explizit konfrontiert der Film die anderen Familienmitglieder mit dem Missbrauch und ihre Antwort lautet einhellig: „Nein“. Natürlich fragt man sich, wie so etwas sein kann – und glaubt den Gesprächen die der Regisseur mit seiner Familie führt in ihrer unverhüllten Direktheit. Michael Stock ist sich sicher, dass damals keiner etwas wusste.

Postcard to Daddy

Stärker als die Frage nach dem „Warum?“ interessiert sich Postcard to Daddy jedoch für die Folgen der sexuellen Gewalt. Wie sehen seine Geschwister Anja und Christian heute ihre gemeinsame Kindheit und Jugend? Welche Rolle übernimmt darin der Vater? Anders als das jüngste Kind wurden beide nie belästigt – die eigenen glücklichen Erfahrungen kollidieren mit der Geschichte Michaels und hinterlassen ein ambivalentes Bild der frühen Familienjahre. Es wirkt ein wenig wie der Blick in eines dieser online-generierten Fotoalben, wenn dabei alte Bilder und Videoschnipsel von einem fröhlichen und unbeschwerten Leben zeugen – was später jedoch aus dem Off mit den Erinnerungsstücken des Regisseurs kontrastiert wird.

Mit den Vergehen des Vaters lernten alle Familienmitglieder unterschiedlich umzugehen: Die Schwester brach jeglichen Kontakt ab; der ältere Bruder ging auf Distanz, ohne jedoch ganz loszulassen; die Mutter verlies ihren Mann noch bevor sie davon erfuhr und engagiert sich seitdem in einer Beratungsstelle für Missbrauchsopfer. Und Michael, der Regisseur? Ging nach Berlin, lernte Rosa von Praunheim kennen und drehte mit Prinz in Hölleland (1993) seinen ersten Film, der sexuelle Gewalt thematisiert. Der Versuch, seiner eigenen Kindheit in einem Spielfilm nachzuspüren, scheiterte trotz Aufmerksamkeit verschiedener TV-Produzenten immer wieder an der Auflösung der Drehbuchfassung, die eine Aussöhnung mit dem Vater vorsah. Später im Film erinnert sich Michael Stock, dass dies als noch ekelhafter als der Missbrauch selbst empfunden wurde …

Postcard to Daddy

Nun also ein Dokumentarfilm, und es gehört eine Menge Mut dazu, sich letztlich für diese Form zu entscheiden. Ganz nah ist Postcard to Daddy an den Mitgliedern der Familie und findet in den Gesprächen über die Vergangenheit zu so etwas wie einer eigenen familiären Wahrhaftigkeit. Mit den langen, ausführlichen Interviews gelingt Michael Stock ein sensibler und persönlicher Film zu einem brutalen Thema. Und er findet auch einen Weg, die eigene Scham und Schuldgefühle zu bewältigen. Als Zuschauer spürt man immer deutlicher, dass da jemand am Werk ist, um sich seinem Vater wieder anzunähern, gar eine Aussöhnung zu versuchen. Michael Stock selbst spricht von einem Heilungsprozess, den er mit der Arbeit an seiner Videobotschaft für den Vater in Gang gesetzt hat. Und er schafft auf erstaunlich nachdenkliche Weise, mit dem Thema Kindesmissbrauch in der eigenen Familie umzugehen. Postcard to Daddy trifft einen Ton, den man in der üblichen Aufgeregtheit der Diskussion sonst nicht vernimmt: Es ist ein ruhiger, fast schon stiller Ton. Eine Qualität, die den Film von vielen Werken zu diesem Thema unterscheidet und die über eine einseitige Stigmatisierung des Täters hinausgeht. Dem Sohn ist es nicht daran gelegen, filmisches Gericht über seinen Vater zu halten. Er klagt nicht an, sondern arbeitet an den Spuren der Vergehen, die sich bei jedem Mitglied der Familie eingeschrieben haben.

Man mag sich streiten, ob dieser Weg zur Bewältigung der traumatischen Vergangenheit der einzig richtige ist, aber für den Sohn ist er der einzig gangbare. Roland Stock öffnet die Postcard to Daddy schließlich. Ob die Botschaft beim Vater ankommt, lässt der Film offen.

Trailer zu „Postcard to Daddy“


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Kommentare


Ilse Z.

Meine Wertschätzung für diese Aufklärungsarbeit. Das Aufzeigen, wie jedes Kind die "gleichen" Eltern so verschieden erleben muß. Die Einsamkeit, das Abprallen an der Härte des Täters, das NIcht-spüren-wollen oder Können, was er seinem Sohn angetan hat. Großen Dank für diese Veröffentlichung und alles Gute!






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