Poseidon

In seinem Remake des Katastrophen-Klassikers zähmt Wolfgang Petersen die Willkür eines fiktiven, aber doch realitätsnahen Naturunglückes. Wie man es von einem Blockbuster erwartet, Superlativen wo hin man schaut: Stars, Aktion, Spezialeffekte, aber leider auch zu viele Klischees.

Poseidon

Sylvesterabend. Die Feierlichkeiten auf dem zwanzigstöckigen Passagierschiff, das sich auf seiner Atlantiküberquerung mit Ziel New York befindet, sind in vollem Gange. Man tanzt, vergnügt sich beim Glücksspiel oder bestellt vor lauter Lebenskummer eine unglaublich teure Flasche Wein. Doch trotz all dem Luxus und Übermaß scheint keine ausgelassene Stimmung aufkommen zu wollen. Lebensmüde und desillusioniert zeigt Petersen die Mehrzahl seiner Passagiere. Mit einer eingehenderen Einführung von Ort und Protagonisten hält man sich in Poseidon aber erst gar nicht auf. Bereits nach 20 Minuten Filmgeschehen bricht die Katastrophe, eine mehrgeschossige Todeswelle, über den Luxusdampfer und deren Besatzung hinein. Die Bilder, die die Tsunami-Katastrophe unlängst vorenthielt, werden nun nachgeliefert. So sieht sie also aus, die Welle. Hier perfekt digital reproduziert, durch das sich auf ihrem Kamm reflektierende Mondlicht zur Anmut stilisiert, rollt sie heran und stellt Schiff wie Existenzen auf den Kopf.

Rasch, nach kurzer Bestandsaufnahme auf den ersten Schock, findet sich sogleich die Gruppe der Auserwählten zusammen. Man stelle sich vor: den Helden, eine Mutter mit Kind, einen betagten schwulen Architekten, einen Angestellten des Schiffes, den Ex-Bürgermeister von New York, dessen Tochter und deren Verlobter sowie eine attraktive blinde Passagierin und den Macho - die beiden letzten südländischer Abstammung. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg nach oben, dahin, wo jüngst noch unten war. Die Selektion hat begonnen: „Zehn reiche Amerikaner, die gingen nach... hhhm,... da waren’s nur noch neun, acht, sieben, sechs.“ Deck um Deck, Level um Level kämpfen sich die Hauptdarsteller hinauf nach dem so plötzlich ersehnten Leben, moralisch korrekt ringen sie bis zum Letzten um das Überleben jedes Einzelnen, doch mit jeder weiteren Etappe wird ihre Gruppe kleiner.

Poseidon

Nach knapp 100 Filmminuten, unzähligen atemraubenden Mutproben mit teils tödlichem Ausgang stranden die auserkorenen Überlebenden auf dem vorsorglich bereit stehenden Rettungsboot. Es überleben: der Held, Mutter mit Kind, der betagte Architekt, des Ex-Bürgermeisters Tochter und dessen Verlobter. Summa summarum ließen ihr Leben: der gemeine Angestellte, beide Südamerikaner sowie - ein wenig gesellschaftlich korrekt will man dann wohl doch sein - der Ex-Bürgermeister. Darwinismus unter dem Deckmantel der Publikumspräferenz. Spätestens hier sollte man die anderen tausenden Verunglückten kurz erwähnen, sie für einen Moment aus ihrer Dekorationsfunktion des Films hervorheben und vielleicht nur innehalten? Doch auch dafür hat Poseidon keine Zeit. Das Rot der Leuchtrakete gleitet über ins grelle Licht der Rettungshubschrauber und Spot aus.

In dieser ökonomischen Dramaturgie der Ereignisse gehen zuallererst die Figuren über Bord. Sie bleiben eindimensional und, gleich den protzigen technischen Effekten auf die Wirkkraft ihres Schauwertes beschränkt. Das erleichtert zwar den Abschied von ihnen enorm, bricht Poseidon aber auch auf eine spektakelreiche Aneinanderreihung von zu bestehenden Abenteuern herunter. Im diesem Aufbau der Handlung wie in der ausführlichen Zurschaustellung der Spezialeffekte entspricht Poseidon den traditionellen Grundregeln des Katastrophenfilms. Was seinen Vorgänger, Höllenfahrt der Poseidon (The Poseidon Adventure), 1972 von Ronald Neame verfilmt, jedoch zum Erfolg an der Kasse werden ließ, war neben dem Nervenkitzel vor allem seine zweite Ebene, eine zu Tränen rührende Geschichte um Menschen mit Träumen und Ängsten. Bezeichnenderweise entfremdet uns Petersen in seiner Neuverfilmung dessen Protagonisten, sie bleiben fern und schablonenhaft ähnlich den Opfern aus Berichterstattungen unlängst realer Naturkatastrophen.

Poseidon

Las man Katastrophenszenarien letzten Jahrhunderts noch als Angstphantasien eines Staates, hat heute die Wirklichkeit das Kino nicht nur eingeholt, sondern bereits überholt. Das Unbehagen des „es könnte so sein“ ist zu einer Gewissheit des „es ist so gewesen“ mutiert. Für Bilder einstürzender Häuser oder reißender Wassermassen braucht es derzeit nicht das Kino. Da hilft es auch nicht, dass sich Wolfgang Petersen für seine Vision der Bebilderung der literarischen Vorlage von Paul Gallico das „neueste, beste, größte und luxuriöseste Schiff“ hat vollständig am Computer animieren lassen. Aufgrund seiner Beschränktheit auf Effektbesessenheit geht Petersens kostspielige Titanic des 21. Jahrhunderts bereits nach wenigen Filmminuten ganz unspektakulär unter. Fazit: Katastrophal auf jedem Level.

 

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Kommentare


unter water fan

Katastrophal auf jedem Level?
Wieso? Was wollt ihr denn eigentlich? Das reicht doch wohl! Oder etwa nicht? Aber ihr habt ja recht! Ein 3D-Videospiel zu diesem Film fehlt noch! Und da sollten wirklich noch ein paar Meeresungeheuer hinein! Einfach um die Action noch ein wenig zu dopen! Komisch nur, dass der Wolfgang nicht schon auf diese Idee kam. Aber man lernt eben nie aus. Nicht wahr?


Daniel

Wer das Original kennt, dem bleibt eigentlich nur noch das blanke Entsetzen. Flache Charaktäre, billige Effekthascherei. Man muß schon ein großer Fan dieses Genres sein, um diesen Film nicht sehr schnell ad acta zu legen.


Annette

Wer diesen Film nicht gesehen hat, hat nix verpasst.
Dieser film kam schonmal im TV und war viel viel besser als im Kino.
Schlecht darstellt und wer nicht an WUnder glaubt, der dreht bei dem Film durch...
SCHLECHT!!!!






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