Portraits deutscher Alkoholiker

Alkoholismus ist eine Volkskrankheit. Aber wer ist das Volk?

Portraits deutscher Alkoholiker

Dem Titel Portraits deutscher Alkoholiker etwas Reißerisches zu unterstellen entpuppt sich als unfair, basiert aber zunächst auf Erfahrungen mit deutschen Fernsehdokumentationen genauso wie mit Filmhochschulabschlussarbeiten, die auf dem Festivalparkett um Verleiher und Kinostarttermine kämpfen. Auf diesem harten Markt garantieren prägnante Titel einen Aufmerksamkeitsvorsprung. Gerade die Dokumentararbeiten haben es per se etwas einfacher, mit dem Thema zu punkten, ohne formal gänzlich zu überzeugen. Viele Sendeplätze sind für sie reserviert. Schaltet der Zuschauer ein, erwartet ihn häufig eine Enttäuschung. Das sind dann nicht selten Projekte, die sich politischen oder sozialen Themen widmen, diesen aber so gar nichts für ihr Medium abgewinnen können.

Wer bei Portraits deutscher Alkoholiker einschaltet, oder, besser noch, ihn im Kino sieht – bestenfalls gleich auf der Berlinale –, wird eine andere Erfahrung machen. Eine, die sich nicht nur lohnt, sondern sich einprägt. Portraits deutscher Alkoholiker hat den Effekt eines funktionierenden Schulaufklärungsfilms. Nur dass er auch ästhetisch besticht.
Die Kamera bewegt sich genauso bedächtig, wie die Interviewten sprechen. Die meisten von ihnen klingen recht eloquent, ihre Ausführungen sind reflektiert. Davon sollte man auch ausgehen, handelt es sich doch um Menschen, die als Staatsanwalt oder IT-Firmenleiter gearbeitet, Kinder großgezogen und langjährige Ehen geführt haben.

Die Befragten erzählen alternierend, aber jeder für sich recht chronologisch von ihren Lebensverläufen, die auch Krankheitsverläufe sind. Eine Handvoll Männer und Frauen sind es, die viel von sich preisgeben, womöglich gerade, weil sie in der Anonymität bleiben. Regisseurin Carolin Schmitz verweigert den Blick auf die geöffnete Pore, die zitternde Hand. Die Alkoholiker bleiben unsichtbar. So unsichtbar wie sie für die meisten von uns im Alltag immer bleiben, ehe einem in der S-Bahn morgens mal wieder eine Fahne entgegenschlägt. Doch genau diese Fahne soll nicht Ausgangspunkt des Films sein, sondern die Unsichtbarkeit. Denn den meisten Menschen um sie herum hielten die Alkoholiker ihre Krankheit für lange Zeit verborgen. Ehe nichts mehr ging. An diesen Punkt Null sind sie alle gekommen. Davon berichten sie ohne vibrierendes Timbre. Carolin Schmitz sei Dank für eine problembewusste Dokumentation, die ohne Tränen auskommt!

Hier geht es nicht um ein Mitleiden. Vor allem nicht um ein abgesichertes, wie es dutzende TV-Filme bieten: Der erhöhte Blick auf Plattenbauten, schnoddrige Nasen verdreckter Kinder, den Arbeitsamtsalltag der anderen. Als schrieben FAZ-Redakteure den „Straßenfeger“. Mit dieser beruhigenden Distanz kommen wir in Portraits deutscher Alkoholiker nicht davon. Da geht es um Menschen, die Wein als hedonistisches Gut feiern und sammeln, am Abend zur Entspannung ein Gläschen trinken oder auch zur Beruhigung vor Prüfungen. Menschen, die während des Abiturs oder Studiums leichte Drogen testen, sich auch mal besaufen. Um Ehefrauen, Mütter und Arbeitnehmerinnen in verantwortungsvollen Aufgaben, die alle funktionieren müssen. Auch für ihre Männer.

Portraits deutscher Alkoholiker

Von diesen Menschen aus unserer Mitte erfahren wir nur per Stimme. Während die Kamera ein Deutschland, vor allem ein Rheinland, in seiner spießbürgerlichen Friedlichkeit, aber auch in seinem Abwechslungsreichtum präsentiert, spielt das Tonband die Gespräche ab, die sich uns nur als Monologe darstellen. Keine Fragen, keine Kommentare, keine Zwischentitel. Portraits deutscher Alkoholiker ist sehr reduziert, und darin liegt eine weitere Stärke. Gefördert wird die Konzentration der Zuschauer und Zuhörer.
Wir sehen die Wohn- und Lebensräume der Betroffenen als Mittelklassetraum: Neubausiedlungen, Reihenhäuser, großzügige Wohnräume. Alkoholismus ist hier kein „Unterschichtenproblem“, er wird von jeglichem Sozialkitsch entkoppelt.
Die Krankheit kommt aus der Mitte der Gesellschaft, ist mitten unter uns und bleibt doch weitestgehend unsichtbar. Mehr noch: Sie bleibt unerklärbar, egal, was die Protagonisten von sich preisgeben. Portraits deutscher Alkoholiker wird seinem letztlich sehr klugen Titel und den Idealen der Dokumentation gerecht: Er beobachtet und stellt dar, ohne Erklärungsversuche.
Genau deshalb vergeht einem nach diesem Dokumentarfilm die Lust auf ein Glas Wein, weil er uns genauso wenig Erklärungsangebote wie Distanzierungsmöglichkeiten liefert und uns letztlich alle betrifft. Welcher Film kann das schon von sich behaupten?

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