Porto

Eine melancholische Postkarte aus Porto: Gabe Klinger macht eine kurze Liebesnacht zum Dreh- und Angelpunkt eines ganzen Films, den er in immer neuen Bildern, Fragmenten und Gesten inszeniert.

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Jake (Anton Yelchin) ist ein loner. Er streift durch die Straßen von Porto, immer am Douro entlang, blass und in Second-Hand-Kleidung gehüllt. Seine nachsichtige Haushälterin versorgt Jake mit dem Nötigsten, aber mehr als ein kaum hörbares „Obrigado“ („Danke“) bringt er nicht über die Lippen. Er ist nicht arm, im Gegenteil, sein Außenseitertum ist das Ergebnis einer persönlichen Wahl: Als entwurzeltes Kind US-amerikanischer Diplomaten hat er sich für ein Leben am Minimum entschieden, verdingt sich als Tagelöhner bei archäologischen Ausgrabungen und widmet sich sonst dem Studium seiner Bücher. Mati (Lucie Lucas) studiert Archäologie. Die Französin hat einen renommierten portugiesischen Professor geheiratet, die beiden haben eine Tochter. Sie ist der Inbegriff der hübschen, erfolgreichen Frau. Aber in ihrem nach außen perfekt wirkenden Leben ist sie unglücklich. Ihre weintrinkende, alleinstehende Mutter (Françoise Lebrun) prophezeit Mati, dass ohnehin keine Beziehung ewig hält und alles Streben nach Leidenschaft umsonst ist: „Du wirst alleine enden, genau wie ich.“

Liebeshungrige Außenseiterfiguren

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Porto von Regisseur Gabe Klinger widmet sich ausschließlich der einmaligen Begegnung zwischen Jake und Mati. Bei einer archäologischen Ausgrabung auf dem Land werden sie sich gewahr, begegnen sich kurze Zeit später zufällig in einem Café wieder. Eine unbeschreibliche Anziehung spüren beide und landen schließlich im Bett. Porto inszeniert diese erste und einzige Liebesnacht der beiden Hauptfiguren in immer wieder neuen Bildern, Fragmenten, Dialogen und Gesten. Und macht die Stadt zur dritten Protagonistin: Porto mit seiner verwaschenen Patina und dem sich beständig ändernden Licht des nahen Ozeans. Gedreht hat Klinger mit Kameramann Wyatt Garfield auf 35mm, 16mm und Super 8 – eine Reminiszenz an die Vergänglichkeit des Kinos wie auch der kurzen Liebe zwischen Jake und Mati. Klinger hat seine Filmkarriere als Kritiker begonnen und ist als Hochschuldozent tätig – Hommagen an die Filmgeschichte merkt man Porto deutlich an. Die verwirrende Wiederholung einzelner Passagen der Liebesnacht erinnert an Alain Resnais’ mentale Puzzle, die in den 1960ern in ihrer Dekonstruktion von Sinn stilbildend für das Kino waren. Und auch die Nouvelle Vague mit ihren preziösen, liebeshungrigen Außenseiterfiguren fließt durch Klingers Bilder.

Selbstmitleidige Wiederholungen

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Doch so viel Leichtigkeit oder gar amouröser Spieltrieb ist Porto dann doch nicht eigen. Eine bedeutungsgeladene Schwere bedeckt den Film spätestens ab der Hälfte der Laufzeit. Immer wieder werden die Momente der absoluten Hingabe durchgespielt, doch als narrativer Kern wirkt das zu gewollt elegisch. Denn eine Rahmenhandlung wird angedeutet, aber dann doch nicht ausformuliert: Mati hat Mann João (Paulo Calatré) und Tochter. In kurzen Einstellungen sind die Heirat und Momente der Häuslichkeit zu sehen. Aber sie bleiben mentales Fragment. In diesen Momenten werden die Figuren wirklich lebendig, man spürt die Spannung zwischen ihrem Alltag und der einmaligen Liebesnacht. Doch die Rahmenhandlung bleibt lediglich angedeutet und die amour fou zwischen Jake und Mati im Zentrum. Eine allzu langgezogene Sexszene wird so zum Paradigma für das Problem von Porto: Im Verlauf gerät der Film zu langatmig, und die Frische der spontanen Liebe weicht der selbstmitleidigen Wiederholung der bedeutungsschwangeren Dialoge. Die ineinander geschachtelte Erzählstruktur konzentriert sich obsessiv auf das eine Ereignis. Ob aber dessen Vergänglichkeit dadurch fühlbar wird? Das Repetitive jedenfalls erzielt gerade in den letzten 20 Minuten kaum eine Wirkung mehr.

Audiovisuelle Postkarte

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Was bleibt, sind die zarten, körnig-zittrigen Bilder und das besondere, exilierte Setting. Zweifellos ist Portugal für eine ganz bestimmte Ästhetik der Melancholie prädestiniert. Das vielzitierte Gefühl der Saudade scheint für Liebesleiden und kosmopolitische Schwermut besonders anschlussfähig, wie aktuell etwa auch Fado (2016) von Jonas Rothlaender beweist. Und schon 1994 drehte Wim Wenders Lisbon Story über die Geschichte einen Films, der sich nicht fertigstellen lässt. Das Nicht-Damit-Fertig-Werden ist am Ende auch Leitmotiv und bestimmendes Gefühl von Porto. Die Stadt wird zum maximal fremden und gleichzeitig intimen Ort für all diejenigen, die sich nach mehr Gefühl im Leben sehnen. Die Stadtszenen und Landschaftsaufnahmen in Porto transportieren dies auch fast schon meisterhaft und sind in ihrer Kostbarkeit prägnanter als die sich um sich selbst windende Story. Porto ist am Ende mehr eine nostalgisch angehauchte audiovisuelle Postkarte als ein ausformulierter Spielfilm.

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