Ponyo - Das große Abenteuer am Meer
Mit ökologischem Bewusstsein und einer gewohnt fantasievollen Inszenierung nimmt sich Hayao Miyazaki Andersens Die kleine Meerjungfrau an.
Im digitalen Zeitalter stellt das von Hayao Miyazaki mitgeleitete Animationsstudio Ghibli eine Seltenheit dar. Auf Computeranimation wird hier fast vollständig verzichtet. Miyazakis neuestes Werk Ponyo – Das große Abenteuer am Meer besteht gänzlich aus handgezeichneten Einzelbildern und verfügt damit über eine visuelle Qualität, die man bei vielen digital animierten Filmen vermisst. Der größtmögliche Realitätseindruck, den man bei Pixar und DreamWorks zum Ziel hat, ist ästhetisch oft unbefriedigend. Ponyo zeigt dagegen weniger sterile Animationen, die gerade durch ihre mangelnde Perfektion bestechen: Die Linien eines Hauses verlaufen schief, auf einer Wiese sind noch einzelne Striche sichtbar, und ein Gartenzaun lässt noch Schraffuren erkennen.
Obwohl die Figuren in Ponyo aus vereinfachten Formen bestehen, kann man sich gleich in der Anfangsszene von der Detailverliebtheit, mit der hier gezeichnet wurde, überzeugen. Es wird eine vielfältig bevölkerte Unterwasserwelt vorgestellt, mit einem unüberschaubaren Quallenschwarm, der sich rhythmisch zu Joe Hisaishis Musik bewegt. Wie seinen anderen Filmen verleiht Miyazaki auch seinem neuesten wieder eine ökologische Botschaft. Der Hafen des kleinen Fischerdorfs, in dem die Handlung angesiedelt ist, sieht nur vom Land beschaulich aus. Tatsächlich verschmutzen die Schiffe das Meer und gefährden mit ihren riesigen Fangnetzen die Fischbestände. Es dauert nicht lange, bis es zu einer Naturkatastrophe kommt, allerdings nicht aufgrund der Umweltverschmutzung, sondern wegen eines kleinen Meereswesens. Der Menschenjunge Sosuke findet einen vermeintlichen Goldfisch mit menschlichen Gesichtszügen und nennt ihn Ponyo. Als Ponyo einen Tropfen Blut von Sosukes Finger leckt, verwandelt sie sich in ein Mädchen.
Miyazaki greift für seine Handlung auf verschiedene Quellen zurück. Ponyo verarbeitet Rieko Nakagawas Kinderbuch Iya Iya En, eine nationale Legende über einen Fischer und ein Schildkrötenmädchen, sowie Hans Christian Andersens Die kleine Meerjungfrau. Aus diesen Elementen schafft der Regisseur wieder einen sehr eigenen Film mit gewohnter Handschrift. Die Natur wird etwa auf fantasievolle Weise personalisiert. Ein Tsunami verwandelt das Meer in ein stetig anwachsendes Monster, das das Festland umhüllt. Etwas esoterisch wird es dagegen, wenn gegen Ende Ponyos Mutter, die wie ein übergroßes Pin-up-Girl aussieht und die Herrscherin des Meeres ist, auftritt, um das natürliche Gleichgewicht wieder herzustellen.
Die Kinder werden als eigenständige Figuren dargestellt, die unabhängig von ihren Eltern agieren. Als Sosukes Mutter nach dem Tsunami verschwindet, machen er und Ponyo sich in einem durch Zauberkräfte vergrößerten Spielzeugboot auf die Suche nach ihr. Mit den in Kinderfilmen gerne eingesetzten Verniedlichungen hält sich Miyazaki zwar weitgehend zurück, überfrachtet aber streckenweise gerade seine Titelfigur damit. Als Meereswesen ist Ponyo in der Tat noch niedlich, und zwar auf eine eher unkonventionelle Weise. Sie wird nicht zur adretten Meerjungfrau mit wallendem Haar stilisiert, sondern ist ein unförmiges Würstchen. Sobald sich Ponyo in ein kulleräugiges Mädchen verwandelt, das mit quäkender Stimme alles nachplappert, was Sosuke sagt, Erwachsenen altkluge Ratschläge gibt und sich ständig irgendwo den Kopf anstößt, bekommt sie schnell etwas Penetrantes.
Von Andersens Märchen, auf das sich Ponyo besonders im letzten Drittel bezieht, ist Miyazaki eine eigenwillige, optisch einnehmende Variation gelungen. Allerdings wirkt dessen zentrales Liebesmotiv – die Liebe des Menschenjungen soll das Leben des Mädchens retten – unter Fünfjährigen ein wenig deplatziert. Ponyo und Sosuke sind den gesamten Film über Spielkameraden und verhalten sich auch dementsprechend zueinander. Diese unschuldige Beziehung zur Liebesgeschichte zu stilisieren wirkt dann doch wie eine Projektion von Erwachsenen. Dabei hätte man so flexibel sein können, die Märchenmotive an das Alter der Protagonisten anzupassen. Eine innige Freundschaft zwischen Ponyo und Sosuke hätte es auch getan.
Filmkritik von Michael Kienzl
Veröffentlicht am 05.08.2010
Kommentare zu Ponyo - Das große Abenteuer am Meer
draga 18.09.2010 19:22
ein wunderbarer,einfühlsamer film,der meine 5jährige tochter und mich teilweise zu tränen rührte.habe nie einen schöneren kinderfilm gesehen.absolut sehenswert.....
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Film-Angaben
Titel: Ponyo - Das große Abenteuer am Meer
Originaltitel: Ponyo
Japan 2008
Laufzeit: 101 Minuten
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Regie: Hayao Miyazaki
Drehbuch: Hayao Miyazaki
Bildgestaltung: Atsushi Okui
Montage: Hayao Miyazaki, Takeshi Seyama
Musik: Joe Hisaishi
Stimmen: Yuria Nara, Hiroki Doi, Jôji Tokoro, Tomoko Yamaguchi, Yûki Amami, Kuzushige Nagashima
Synchronstimmen: Alina Freund, Nick Romeo Reimann, Anja Kling, Christian Tramitz
Kinostart: 16.09.2010
DVD-Angaben
Titel: Ponyo - Das große Abenteuer am Meer
Vertrieb: Universum Film
Bild: 1,78:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1 EX), Japanisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Spieldauer: 96 Minuten
Extras: Deluxe Edition: Storyboards zum kompletten Film; Hayao Miyazaki im Interview; Toshio Suzuki im Interview; Die fünf Schöpfer von PONYO (aus der NTV-Sendung "NEWS ZERO") Die japanische Synchronisation und Interviews der Sprecher; Original-Trailer; Musikvideo des Titelsongs
Verleih ab: 09.03.2011
Verkauf ab: 18.03.2011
Copyright Ponyo - Das große Abenteuer am Meer
Fotos: © Universum
BERLINALE 2012

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