Pommerland

Die Menschen, die der Dokumentarfilm Pommerland portraitiert, sind von Unbillen der Geschichte und wirtschaftlichen Schwierigkeiten gezeichnet. Doch die Hoffnung haben sie noch lange nicht aufgegeben.

Pommerland

Der Dokumentarist Volker Koepp verfolgt seit nunmehr fast 40 Jahren das Projekt, ihm ans Herz gewachsene Orte und Menschen in seinen Filmen darzustellen und zu ergründen. Die Entwicklung der brandenburgischen Kleinstadt Wittstock verfolgte er in sechs Filmen von 1975 bis 1997, auch über seine Wahlheimat Berlin drehte er mehrere Dokumentationen, unter anderem Feuerland (1987). Seit den 90er Jahren jedoch spezialisiert sich der in Stettin geborene Koepp vor allem darauf, Landschaften und Menschen in Osteuropa wieder zu entdecken und zeichnete in vielfach ausgezeichneten Werken wie Kalte Heimat (1995) und Kurische Nehrung (2001) Bilder der postkommunistischen Realität von Polen bis Litauen.

Sein neuer Film Pommerland führt, wie der Name schon sagt, in die Gegend östlich der Oder um die Stadt Slupsk/Stolp, welche seit 1945 zum polnischen Staatsgebiet gehört. Im Zentrum der Dokumentation steht das Ehepaar Bastosiewicz, welches versucht, einen alten Herrensitz wieder in Stand zu setzen und landwirtschaftlich nutzbar zu machen, wobei es auf verschiedene Schwierigkeiten trifft. Einerseits versuchen die beiden vergeblich, Kontakt zu den ehemaligen Deutschen Besitzern des Gutes aufzunehmen, die ihre Besitzansprüche noch nicht aufgegeben haben und andererseits haben sie mit strukturellen Schwierigkeiten der Agrarwirtschaft zu kämpfen, die teilweise auf kommunistische Misswirtschaft zurückzuführen sind, oft aber auch durch den Zusammenbruch des agrikulturellen Sektors nach der Öffnung zum Westen entstanden sind. Der Film wurde im Mai 2004 kurz nach dem Beitritt Polens zur Europäischen Union gedreht und die Hoffnungen des jungen Paares liegen vor allem auf Agrarsubventionen, ohne die keine Perspektive für die polnische Landwirtschaft zu bestehen scheint.

Pommerland

Volker Koepp gelingt es, durch das Portrait dieses Landgutes ein historisches Panorama zu eröffnen, welches von den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts bis weit in die Zukunft reicht, von dem auf einem Nachbarhof aufgewachsenen 90jährige Adolf-Heinrich von Arnim, der aus seiner Vergangenheit berichtet bis zum Sohn des Ehepaars, welcher sein Leben in der polnischen Provinz schildert. Fast jeder Bewohner hat in der einen oder anderen Form mit der Geschichte zu kämpfen, die Älteren erlebten noch – ob als Sieger oder Besiegte – den zweiten Weltkrieg, für die Jüngeren stellte der Zusammenbruch der Sowjetunion und die damit einhergehende Öffnung zum Westen einen wichtigen Einschnitt in die Biographie dar.

Neben den bei allen Schwierigkeiten optimistischen Gutsbesitzern porträtiert Koepp auch Menschen, die mit weniger Hoffnung in die Zukunft schauen, polnische Familien etwa, die sich mit Gelegenheitsjobs in einer Region über Wasser halten, in der bis zu 75% der Menschen keine Arbeit finden. Doch auch hier trifft der Regisseur nicht auf Lethargie und Verzweiflung, kaum jemand möchte die Heimat verlassen, und wem doch nichts anderes übrig bleibt, will möglichst bald zurückkommen. Mit ein wenig Pragmatismus glauben die meisten Bewohner die derzeitige Krise meistern zu können.

Pommerland

Koepp nähert sich seinem Thema auf verschiedenen Wegen an, mal wählt er die Anekdote, durch die Vergangenes evoziert und mit der Gegenwart abgeglichen werden kann, mal das naturalistische Porträt, welches die Dargestellten in ihrem alltäglichen Leben erfasst und nahe bringt. So entsteht eine episodische Struktur, die von traumhaften Aufnahmen der endlosen Wälder und Felder des ländlichen Polens zusammengehalten wird. Pommerland beschreibt auf vielfältige Weise das Verhältnis der Menschen zur sie umgebenden Natur und zu ihrer Geschichte und dies ohne Vorurteile oder Schuldzuweisungen. Manchmal möchte man dem Regisseur genau dies vorwerfen, dass er auf alle seine Objekte mit der gleichen Intensität eingeht, keine Wertung vornimmt, und deshalb letztlich zu keinem Ergebnis kommt. Doch daran ist Koepp gar nicht interessiert. Er stellt sich stets bedingungslos auf die Seite der Menschen, begreift jeden Einzelnen als Individuum, nicht als Teil eines Systems oder Repräsentant einer gesellschaftlichen Gruppierung. Dieser vorbehaltlose Humanismus zeigt sich in jeder Einstellung, durchdringt das gesamte Werk und weist immer wieder auf den Filmemacher zurück, der kein einziges Mal im Bild zu sehen ist. Pommerland ist in mehrerer Hinsicht erfolgreich: Der Film dokumentiert nicht nur eindrucksvoll das Leben in dem Landstrich östlich der Oder und zeigt die Narben auf, die die Vergangenheit hinterlassen hat, sondern bietet dem Zuschauer auch die Möglichkeit, seine eigenen Erfahrungen einzubringen und mit denen, die Koepp vor ihm ausbreitet, zu vergleichen.

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