Polizeiruf 110: Smoke on the Water – Kritik

Ökonomie und Überschuss. Dominik Graf hat einen schmutzigen Fernsehkrimi gedreht, der sich von den Fesseln des Realismus befreit.

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In Dominik Grafs Fernsehkrimi Der Skorpion (1997) spielt Marek Harloff einen jungen Mann, der nach außen hin zwar ungemein verletzlich wirkt, dabei aber trotzdem eine überraschende Kraft zur Rebellion entwickelt. Er hat es nicht leicht, mit Heiner Lauterbach als Vater. Während der im Drogenmilieu ermittelt, taucht sein Sohn in selbiges ab, wirft sich ins Partyleben, verfällt einer Pornodarstellerin und tut auch in fast jedem anderen Moment des Films irgendetwas Unberechenbares. Fast zwanzig Jahre später taucht Harloff nun erneut in einem von Grafs Krimis auf, diesmal als mittelloser Jazzmusiker, der in einer miefigen Rumpelkammer haust und des Mordes an einer Journalistin angeklagt ist. Es wirkt ein wenig so, als wäre der innerlich zerrissene Junge aus Der Skorpion erwachsen geworden. Da sitzt er nun in einem finsteren Verhörzimmer gegenüber von Kommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) und gesteht ein Verbrechen, dass er nicht begangen hat. Was wirklich in ihm vorgeht, bleibt den gesamten Film über ein Geheimnis. Es wirkt so, als könne er jeden Augenblick zusammenklappen: die nervösen Zuckungen, der erschreckte Blick, die leiernde Stimme. Und dann entschuldigt er sich plötzlich und fällt vom Stuhl.

Ein Film ohne Sicherheit

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Schon die ersten fünf Minuten von Polizeiruf 110: Smoke on the Water leben von einer Spannung, die sich nicht nur aus dem Schlagabtausch zwischen Ermittler und Verdächtigem ergibt, sondern auch aus dem dichten Geflecht verschiedener Zeitebenen. Immer wieder wird vom Verhörzimmer zum Jazzclub und zum Tatort geschnitten, werden Kontraste gesetzt und Verbindungen geschaffen, fast so, als wäre der ganze Film in diesen fünf Minuten schon erzählt. Aber Grafs Neo-Noir-Juwel arbeitet sich noch in ganz andere Regionen vor: Von den dunklen Clubs und Hinterzimmern geht es für eine Zeugenbefragung zu den Nudisten im Englischen Garten, zu Anti-Militarismus-Demos, barock verkitschten Villen, ja sogar bis in den Weltraum, wo Satelliten aus dem Copernicus-Programm den großen Bruder geben. Selbst Graf, der sich in seinen Genrefilmen gerne von den Fesseln des Realismus befreit, um die unbegrenzten Möglichkeiten des Kinos auszuschöpfen, zeigt sich diesmal besonders ambitioniert. Zwar wirken die Nebenhandlungen und Figuren überschaubarer als sonst, dafür prescht der Film aber umso mehr nach vorne. Vom Blues über verlorene Seelen in der großen Stadt wandelt er sich langsam zu einem handfesten Verschwörungsthriller, der bis in die Chefetagen von Wirtschaft und Politik reicht und in einem absurden Funny-Games-Szenario gipfelt. Der Wagemut zahlt sich aus. Gerade nach Grafs letzten beiden, etwas schwächeren Fernseharbeiten – der Tatort-Folge Aus der Tiefe der Zeit (2013) und Die reichen Leichen. Ein Starnbergkrimi (2014) – zeigt er sich nun wieder in Höchstform.

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Smoke on the Water ist auch deshalb sehr schön geworden, weil er dem Publikum immer wieder die Sicherheit nimmt. Nicht nur, weil er seiner Geschichte (Drehbuch: Günter Schütter) jeglichen Optimismus austreibt – die Hoffnung, in so einer verderbten Welt, in der sogar die Polizei durch und durch korrupt ist, noch etwas ändern zu können –, sondern auch, weil er mehr in seine mitreißenden 90 Minuten packt, als man als Zuschauer aufnehmen kann. Überall wuchern sie, diese kleinen, seltsamen Momente, die ein bisschen albern wirken, nichts wirklich Notwendiges über die Handlung sagen, den Film aber doch mit Leben füllen, etwa wenn von Meuffels dem schleimigen Nachwuchs-CSUler von Cadenbach (Ken Duken) auf dem Rücken rumtrampelt oder ein Groupie des Politikers im Wirtshaus zu masturbieren beginnt. Gerade die Überforderung und der Überschuss zeichnen Smoke on the Water aus: der Ton, der nicht die Stimmen der Hauptdarsteller privilegiert, sondern ein reiches, nicht ganz greifbares Panorama an Klängen ausbreitet, oder eben die narrativen Schlenker, die mehr Geister loslassen, als letztlich gebändigt werden können. Auf einen Monolog des Ermittlers, der alle offenen Fragen beantwortet, wartet man vergebens. Wer zum Beispiel die Polizisten mit den weißen Gesichtsmasken sind und was sie genau wollen, das bleibt auch nach dem Film ein Geheimnis.

Zeige deine Wunde!

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Der Mangel an Perfektion schadet Smoke on the Water nicht. Er lebt vielmehr von seiner Schmutzigkeit. Nicht in sexueller Hinsicht, sondern als Haltung zum Kino. Es ist schon ein Statement ausgerechnet fürs Fernsehen, das mit seinen gestochen scharfen HD-Bildern teilweise wie sterilisiert wirkt, auf grobkörnigem 16mm-Material zu drehen. Aber auch die Figuren wirken alles andere als sauber. Sie sind überhöht, mit Klischees angereichert, aber auch dadurch sehr plastisch. Was sie vereint, ist das Brüchige und Abgründige. Da ist Marek Harloff, der oft – nicht nur bei Graf – die „komischen“ Rollen spielen muss, kein Exot. Da hat jeder seine Dämonen, mit denen er ringen muss, seine Enttäuschungen, die er zu verarbeiten hat. In einer sehr charakteristischen Szene vergleicht der Kommissar mit der Freundin der Ermordeten Narben, um zu sehen, wer in seinem Leben mehr mitgemacht hat. Ein kleiner Wettbewerb, wie unter Kindern, der auch an Joseph Beuys erinnert. Doch wenn die Sonne am Ende des Polizeirufs über München aufgeht, sind – anders als bei Beuys – auch diejenigen nicht geheilt, die ihre Wunde gezeigt haben. Die Narben auf den Körpern sind sogar noch mehr geworden.

Trailer zu „Polizeiruf 110: Smoke on the Water“


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