Polizeiruf 110: Kreise

Nach Dominik Graf, Leander Haußmann und Jan Bonny verschlägt es nun Christian Petzold an Matthias Brandts Münchener Polizeiruf-Revier, das damit erfreulicherweise eine Experimentierwerkstatt im Sonntagskrimi-Einerlei bleibt.

Modelliertes Leben

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Der Möbeldesigner Peter Breuer (Justus von Dohnányi), schnell der Hauptverdächtige in Christians Petzolds erster Polizeiruf-Folge, modelliert seine Lebensräume als Miniaturlandschaften nach. Nicht nur auf seiner Modelleisenbahnanlage, sondern auch an vielen zentralen Schauplätzen des Films – im Büro der ermordeten Exfrau, im Apartment der jungen Geliebten, schließlich als hinterlassenes Souvenir in seiner Verhörzelle – stößt das Ermittlerduo auf Breuers akribische Nachbauten, erstarrte Stationen seiner Biografie mit winzigen Menschenfiguren, das erste selbstdesignte Weinlokal etwa oder die erste Begegnung mit seiner Frau (die sich lässig am Türrahmen räkelnde Figur sieht man nur von hinten; selten hielt ein Krimi das Opfer derart auf visuelle Distanz): „Ich muss es bauen, um es zu verstehen“, sagt er, damit auch den Gestus des Filmemachers verdoppelnd, der private und ökonomische Verflechtungen in präzisen Anordnungen von Menschen an Orten zur Anschauung bringt.

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Auch in früheren Filmen Christian Petzolds führten solche Verflechtungen Menschen in Verbrechen, und so kann sein Sonntagabendkrimi-Debüt Kreise, wie üblich gemeinsam mit Cutterin Bettina Böhler und Bildgestalter Hans Fromm in Form gebracht, stilistische und inhaltliche Linien seines Werks ohne größere Konzessionen in einen Krimiplot übertragen. Nach einer durchaus generischen Anfangssequenz, in der ein Stricher jenseits der tschechischen Grenze einer unerkannt bleibenden Kundin das Auto stiehlt – eine Klammer, die erst spät im Film geschlossen wird –, begibt sich schon die Folgesequenz buchstäblich auf Umwege, wenn sich Meuffels (Matthias Brandt) und Herrmann (Barbara Auer) auf dem Waldweg zum Tatort verfahren – und sich die neue Kollegin nicht zum letzten Mal in Beobachtungs- und Kombinationsgabe als überlegen erweist.

Nicht-Orte ohne Lokalkolorit

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Die Leichenfundstelle – eine Lichtung, eingefangen zwischen Shots auf ein Windrad und ein Regionalexpressgleis – ist so ein bundesrepublikanischer Nicht-Ort, unheimlich, schon bevor man ihn in der Modelleisenbahnlandschaft nachgebildet findet. „Lokalkolorit“, das berühmt-berüchtigte Sonntagskrimi-Markenzeichen, gibt es in Kreise fast gar nicht – München und Umgebung sind höchstens an Nummernschildern erkennbar; die Petzold-typischen endlosen Autofahrten führen die Ermittler durch Vorstadtlandschaften und andere Orte deutscher Tristesse, den heruntergerockten Mittelstandsbetrieb, den Tabledanceschuppen in der Plattenbausiedlung, das in 80er-Provinzopulenz verharrende griechische Lokal mit Meuffels als einsamem Gast. Prägender als regionale Eigenheiten sind für diese Landschaften, und für die Verständigung ihrer Bewohner, populärkulturelle Codes, die Namen von Modelleisenbahnen oder Frauenzeitschriften, Songs wie Lale Andersons „Ein Schiff wird kommen“ oder 10ccs leitmotivisches „I’m not in Love“ als Melancholiechiffren.

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Dass die ermordete Möbelfabrik-Chefin den Betrieb nach sich und ihrem Schoßhund benannt hat und das gute Tier folgerichtig mit ihr umgebracht wird, ist bezeichnend für den gelegentlichen hintergründig-dunklen Humor des Films. Ansonsten ein ganz klassisches Krimi-Sujet: die bei der Belegschaft verhasste Firmenerbin, der von ihr gedemütigte Ex-Mann und seine jüngere Geliebte aus dem „Milieu“, die er zum besseren Abbild seiner Frau machen will (dieser Vertigo-Spleen, von fern an Petzolds letzten Film Phoenix erinnernd, bleibt hier freilich reine Figurenerzählung – schon weil das Mordopfer quasi gesichtslos bleibt, nur über die wenig schmeichelhaften Geschichten und, so viel darf man spoilern, Nachinszenierungen anderer sichtbar wird). Doch wird dieser Plot in Kreise weniger ausinszeniert als ermittelt – auch in der „kriminalistischen“ Arbeit zeigt sich Christian Petzold als ein angenehm zurückhaltender Regisseur, der, statt zu viel selbst zu erzählen, lieber seine Figuren beim Erzählen beobachtet, sie beim Darstellen ihrer Geschichte, beim Vorstellen ihres Selbstbilds zeigt. Ein Großteil des Films spielt dementsprechend im dunklen Verhörzimmer, mit Meuffels als Befrager und Herrmann als deutender Beobachterin draußen, vorm grobkörnigen Überwachungsbild.

Mäandernde Fragetechnik

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Meuffels’ „mäandernde Fragetechnik“ führt die Verhöre angenehm weit an den üblichen Pfaden vorbei: Da gibt der Hauptverdächtige auf die Bitte um seine Sicht der Dinge schon mal die Nacherzählung eines frühen Gerard-Dépardieu-Films zum Besten. Und bei Petzolds sprachlich äußerst nuanciertem Drehbuch lohnt es sich, stets genau hinzuhören, wie die Figuren übereinander reden, wie sie dabei, im Guten und im Schlechten, immer ebenso viel über sich verraten wie über den jeweils anderen. Dass die Ermittler dabei stets den gleichen Spürsinn für Zwischentöne aufweisen wie der Autor selbst und daher manches eigentlich schon ausreichend sprechende Detail noch einmal wiederholen, ist als Zugeständnis an ihr detektivisches Talent schon deshalb gut auszuhalten, weil man diesen beiden mit feinen Antennen ausgestatteten Figuren eben auch bei ihren subtilen eigenen Schlagabtauschen gerne zuhört.

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Als Kollegin ist Constanze Herrmann für Hans von Meuffels eine ebenso wertvolle Ergänzung wie Barbara Auer als Darstellerin für Matthias Brandt. Wenn das durchaus großzügige Ausloten des Ermittlerprivatlebens, das in deutschen Krimis so oft nervt, sich hier nahtlos in den Film einfügt (nicht in den Plot, aber in die Betrachtung der Selbstverortung der Figuren, und allein hierin liegt die von Sonntagabendkrimifans so notorisch eingeforderte „Spannung“ des Films), dann weil auch hier der Fokus darauf liegt, wie Constanze sich selbst darstellt und den Blick auf sich reflektiert – etwa wenn sie mit einem Becher Kaffee eine Thekenpose einnimmt und dann ihrem Kollegen unterstellt, dass er sie bei dem Anblick doch sicher sofort als Ex-Alkoholikerin entlarvt habe. Brandt und Auer bauen zwischen ihren beiden einsamen Figuren eine ganz leise Spannung auf, bei der schon ein lakonischer Kommentar, ein halb unterdrücktes Auflachen, eine abgewiesene Zigarette, ein Kuss auf die Wange kleine Eruptionen sind. Auch wenn Constanzes Besuch zunächst nur Episode bleibt, ist der nächste Petzold-Polizeiruf mit diesem Team bereits in Planung. Nichts erfreulicher als das.

Trailer zu „Polizeiruf 110: Kreise“


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