Politics, Instruction Manual

Lehrjahre einer Partei: Der Dokumentarfilm über Podemos stürzt sich in den Widerspruch, der das Wesen jeder politischen Organisation ausmacht, und ist dann doch nur gelangweilt von der kleinteiligen Mechanik des Machterwerbs.

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Eine politische Partei ist im Gefüge der Gesellschaft eine eigentümliche Zwischenstruktur, da sie immer in zwei Richtungen zugleich agiert: nach unten, in der Art und Weise, wie sie die Meinungen und Ambitionen der in ihr versammelten Menschen austariert, und nach oben, in der Auseinandersetzung mit anderen Parteien und Machtblöcken. Diese Doppelnatur macht eine Partei zu einem höchst unbeständigen Gebilde: Ist sie im Kern eine Gemeinschaft auf der Basis geteilter moralischer Prinzipien, und soll sie also bereits im Kleinen eine andere, eine neue Gesellschaft inmitten der alten sein? Oder ist sie in erster Linie ein Werkzeug, das gesellschaftliche Energie bündeln und auf ein klar umrissenes Ziel ausrichten soll – auf den Machterwerb und die damit verbundene Möglichkeit, reale Veränderungen herbeizuführen? Man kann sich zwar einreden, dass diese zwei Visionen einer Partei miteinander vereinbar seien, aber dann muss man auch bereit sein, sich ständig Opportunismus mit Erfolg und mangelnde Wirksamkeit mit Standfestigkeit schönzureden.

Politics, Instructions Manual (Política, manual de instrucciones) nimmt nun seinen Ausgang eben von einer Weigerung, sich dieser Selbsttäuschung hinzugeben. Beim Gründungskonvent der spanischen Partei Podemos bietet Pablo Iglesias den Delegierten einen klaren Handel an: Stimmt für eine klassisch-hierarchische Parteistruktur – eine Struktur, die eher den Bedingungen jener Welt entspricht, die man eigentlich grundlegend verändern will – und bekommt dafür etwas, das anderen, ähnlichen Protestbewegungen stets verwehrt blieb: tatsächliche Macht und die Gelegenheit zu dauerhafter Veränderung. Die Delegierten steigen auf den Pakt ein, und von da an wird der Film, der Podemos’ Vorbereitungen auf die Parlamentswahl im Dezember 2015 schildert, unterfüttert von dem steten Bewusstsein einer Schuld, die es noch zu begleichen gilt.

Die Ödnis der Ebene und der Hunger nach einer großen Erzählung

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Aber so prägnant dieses Dilemma am Anfang des Films aufgeworfen wird, so schnell wird es wieder außer Acht gelassen, und Politics, Instructions Manual verliert sich immer mehr in einem bloßen Nacheinander von Medienauftritten, Strategiebesprechungen, Regionalwahlen und Reisen ins südamerikanische Ausland. Das Problem ist dabei nicht die zusammenhanglose Abfolge an sich, sondern die Tatsache, dass der Film der Zusammenhanglosigkeit keinerlei übergeordnetes Interesse abzugewinnen vermag: Die dargestellten Ereignisse erscheinen keineswegs einfach als bedeutungslos für das angestrebte politische Projekt, doch wird ihrer Bedeutung nie im Einzelnen nachgegangen. Der Vorwurf unsauberer Parteifinanzierung, die erfolgreiche Wahl einer Podemos-Bürgermeisterin, das Aufkommen einer rivalisierenden, bürgerlichen Protestpartei – nichts davon wird wirklich in einen größeren Zusammenhang eingeordnet, nichts davon wird für unwichtig erklärt, es wird alles lediglich protokolliert, bis einen irgendwann nur mehr das permanente Schlagzeug-Geklöppel im Hintergrund daran erinnert, dass das alles ja eigentlich hochdynamische Vorgänge sein sollen.

Nur eine Frage schleicht sich immer wieder heran und taucht stets in neuen Formen auf: Was ist das eigentlich, die „Linke“? Man hat den Eindruck, als wäre für die Funktionäre von Podemos die eigene politische Betätigung immer auch ein Mittel zur Erkundung ebendieser Frage, als lernten sie erst im Zuge dieser Betätigung etwas kennen, wovon sie zuvor nur gehört hatten. Wenn der Generalsekretär auf einer Reise nach Südamerika scherzhaft bemerkt, er fühle sich wie ein Guerillero, dann ist er sich zwar der Absurdität dieses Vergleichs offenkundig bewusst – aber dennoch scheint er auch sachte die Vorstellung zurückweisen zu wollen, die eine Erfahrung hätte mit der anderen rein gar nichts zu tun. Es ist der spürbare Versuch, sich in ein Projekt einzureihen, das Jahrzehnte und Kontinente, das die ganze Menschheit umfasst, in der Hoffnung, allein durch diese Einreihung die Ziele des Projekts schon ein wenig verwirklicht zu haben. So mag man zwar in Strategiesitzungen bekräftigen, dass Podemos als moderne Partei die klassische Gegenüberstellung von links und rechts hinter sich lassen wolle, aber man kann und will sich trotzdem nicht von der großen Erzählung loslösen, in der man sein Zuhause gefunden hat. Man muss immer noch, vielleicht fern aller Fernsehkameras, vielleicht nur in kleinem Kreis und vielleicht nicht ganz so laut wie in früheren Jahren, das Lied vom „Comandante Che Guevara“ singen.

Wenn die Belagerung zum Sieg erklärt wird

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Aber Che Guevara hat immerhin Santa Clara eingenommen und einen Diktator aus dem Land gejagt. Zumindest rhetorisch beschwört auch Iglesias einen vergleichsweise durchschlagenden Wandel: Man will den Himmel im Sturm erobern, man will die Konservativen als stärkste Kraft ablösen, man will zumindest vor den Sozialisten landen, um so die Führerschaft im linken Lager beanspruchen zu können. Umso erstaunlicher, dass Politics, Instructions Manual in seiner Darstellung der Wahlnacht den Blick völlig von der Tatsache abwendet, dass keines dieser selbstgesteckten Ziele erreicht wurde. Alle lächeln, alle freuen sich, alles ist Erfolg – und der Film liefert keinerlei Kontrapunkt zu dieser Euphorie, sondern schließt sich ihr vielmehr lückenlos an. Der Amtseid der neuen Abgeordneten im Parlament wird wie der Vollzug eines grundlegenden gesellschaftlichen Wandels inszeniert, obwohl der Konservative Rajoy eben nicht abgelöst wurde und auch heute noch Regierungschef ist. Auf diese Art und Weise lässt der Film seine eingangs gestellte Frage nach den moralischen Risiken eines umfassenden Pragmatismus nicht etwa auf produktive Weise offen, sondern er scheint zu verdrängen, dass er sie überhaupt je gestellt hat.

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