Poliezei
Einem Schreibfehler ihres Sohnes hat der Film seinen Titel zu verdanken. Poliezei ist der naive Versuch einer Heroisierung der französischen Jugendschutzeinheit.
Maïwenn ist die Schwester von Isild Le Besco und macht ebenfalls als Schauspielerin und Regisseurin in Frankreich auf sich aufmerksam. Isilds letzter Film heißt Bas-Fonds (dt. Niederungen) und auch Maïwenn macht sich in ihrem dritten Spielfilm Poliezei in die Niederungen der französischen Hauptstadt auf, um dort von der Arbeit der Jugendschutzpolizei zu erzählen.
Maïwenn löst die klassische Dramaturgie eines Polizeifilms auf und rekonstruiert das, was wohl tatsächlich eher dem Alltag eines Alltagspolizisten entspricht: Sie erzählt vom Jonglieren mit einer Vielzahl von Dossiers, von punktuellen Einsätzen und Täterkontakten ohne umfassenden Überblick über den Verlauf einzelner Fälle. Prinzipiell ist diese Entscheidung legitim und interessant; Maïwenn zeigt den Arbeitsalltag einer ganzen Abteilung in (manchmal nur oberflächlichem) Kontakt zu Opfern und Tätern sowie die großen und kleinen Probleme ihres Privatlebens: Nadine (Karin Viard) fällt es schwer, sich an das Leben nach ihrer Scheidung zu gewöhnen, Iris (Marina Foïs) ist magersüchtig und des Lebens müde, Fred (Joeystarr) unglücklich verheiratet, Crys (Karole Rocher) vielleicht in einen anderen als ihren Ehemann verliebt. Auch wenn einzelne Handlungsstränge im Verlauf des Films privilegiert werden, entwirft die Regisseurin so das demokratische Nebeneinander mehrerer Lebensgeschichten und lässt jedem Polizeibeamten eine – manchmal auch nur implizit angedeutete und nicht abgeschlossene – Entwicklung zukommen. Auf dieser Ebene des Films funktioniert Maïwenns offene Erzählstruktur recht gut.
Aber ebendiese wird zu einer großen dramaturgischen Schwäche auf der Ebene der behandelten Fälle. Weil die Fall-Geschichten nur in kurzen Momentaufnahmen erzählt werden, ist der Spannungsbogen schlicht nicht nachvollziehbar. Ständig reagieren die Polizeibeamten mit einer Emotionalität an der Grenze zur Hysterie auf die sich ihnen darbietenden menschlichen Dramen. Ist es professionell, wenn die junge Kollegin Nora (Naidra Ayadi) einem muslimischen Vater, der seine Tochter zwangsverheiraten will, den Koran kreischend um die Ohren haut? Wenn Fred in Tränen zusammenbricht, weil ein Kind von seiner obdachlosen Mutter getrennt werden muss? Wenn die ganze Abteilung in Freudentaumel ausbricht, weil ein schwer verletztes Baby, das gefühlte zwei Sekunden im Film auftaucht, außer Lebensgefahr ist? Die Empathie der Polizeibeamten für die Opfer kann der Zuschauer so im seltensten Fall nachvollziehen.
Man könnte nun mit dem Argument dagegenhalten, diese willkürliche Aneinanderreihung von Dramen sei nun einmal das tägliche Brot der Jugendschutzeinheit und daher ein Ausweis für dessen besonders realistische Darstellung im Film. Einer völlig kontingenten Struktur will Maïwenn aber auch nicht vertrauen und baut mit disparaten Einsätzen den „großen“ Spannungsbogen des klassischen Polizeifilms nach, mit einem Showdown in der Shoppingmall, der bar jeglichen narrativen Kontextes ist. Schließlich wirken die einzelnen Fall-Episoden wie nebensächliche Anekdoten, die für den Fortgang der privaten Handlungsstränge instrumentalisiert werden. Im schlimmsten Fall werden die Opfergeschichten zur Produktion symbolischer Bedeutung für die Situation eines Polizeibeamten missbraucht – das Schicksal des Opfers interessiert den Film nicht weiter.
Hier stößt man aber auch auf ein anderes massives Problem von Poliezei. Denn Maïwenn erzählt eben nicht nur das, was ein Polizist von einem Fall „mitbekommt“, sondern geht an den Ort der Verbrechen selbst. Man sieht die Seelenqualen einer gutbürgerlichen Mutter (Sandrine Kiberlain), die ihren Mann des Inzests mit der gemeinsamen Tochter verdächtigt. Die Kamera blickt mit einem Jungen über die Toilettentür, hinter der der Sportlehrer vor einem Klassenkameraden die Hosen heruntergelassen hat. Sie nimmt den Zuschauer in den Kreißsaal mit, wo ein minderjähriges Vergewaltigungsopfer sein im Mutterleib getötetes Kind zur Welt bringt, während die Polizeibeamtinnen vor der Tür auf das „Beweisstück“ warten. An dieser Stelle wird der Film voyeuristisch.
Mit geradezu naiver Intuition spiegelt Maïwenn diesen filmischen Voyeurismus und seine arglose Betroffenheit in der von ihr selbst gespielten Figur der Fotografin Melissa, die die Jugendschutzabteilung für eine Reportage begleitet und ständig das Objektiv auf weinende Kinder hält. Alles ganz schön schlimm, oder? Diese unbeholfene Bürgerliche darf irgendwann auch mal Polizei spielen, eine Waffe halten und Blaulicht fahren. Ihre allgegenwärtige Zuschauerperspektive, aus der eine geradezu kindliche Heroisierung der Polizeibeamten erfolgt, macht die eigentliche Natur der Figuren und Situationen deutlich: eine Aneinanderreihung von Klischees oder, um im Bild zu bleiben: eine Vergewaltigung des Themas Jugendschutz durch Drehbuch und Inszenierung.
Filmkritik von Almut Steinlein
Veröffentlicht am 19.10.2011
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Film-Angaben
Titel: Poliezei
Originaltitel: Polisse
Frankreich 2011
Laufzeit: 127 Minuten
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Regie: Maïwenn Le Besco
Drehbuch: Maïwenn Le Besco
Produktion: Alain Attal
Montage: Laure Gardette
Musik: Stephen Warbeck
Darsteller: Karin Viard, Joey Starr, Marina Foïs, Nicolas Duvauchelle, Maïwenn Le Besco, Karole Rocher, Emmanuelle Bercot, Frédéric Pierrot, Arnaud Henriet, Naidra Ayadi, Jérémie Elkaïm, Riccardo Scamarcio, Sandrine Kiberlain, Wladimir Yordanoff, Laurent Bateau
Kinostart: 27.10.2011
Copyright Poliezei
Fotos & Trailer: © Chaocorp
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