Policeman

Ein System und zwei Möglichkeiten, sich dazu zu positionieren. 

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Ein guter Einstieg ist vielleicht nicht alles, aber auf jeden Fall nicht zu unterschätzen. Auch wenn sich das sicherlich nicht pauschalisieren lässt – oft offenbart sich die Qualität eines Films schon in den ersten Minuten. Wie der Zuschauer zum ersten Mal mit Handlung und Figuren vertraut gemacht wird, sagt schon viel über die erzählerischen Fähigkeiten eines Regisseurs aus. Im Fall des israelischen Films Policeman (Ha-shoter) ist es eine kurze, pointierte Einführung der Titelfigur, mit der die Erwartungen hochgeschraubt werden. Regisseur Nadav Lapid braucht dazu nur zwei nicht allzu lange Einstellungen. Zunächst sehen wir eine Gruppe relativ junger, durchtrainierter Männer, die auf Rennrädern einen Berg hochstrampeln. Angekommen an ihrem Ziel, blicken sie über die trockene Berglandschaft, bemerken, dass sie in dem schönsten Land der Welt leben, und rufen ihre Namen in die endlose Weite hinaus. Hier sind sie also, die Alphamännchen Israels, und markieren ihr Revier.

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Körperkult und Nationalismus, mit diesen Überbegriffen stellt Lapid seinen Protagonisten und dessen Lebenswelt vor. Der Mann, um den es hier geht, heißt Yaron, ist Mitglied einer Anti-Terroreinheit und erinnert mit seinem narzisstischen Männerbund ein wenig an die prolligen Machos aus der amerikanischen Polizeiserie The Shield (2002-08). Wie sie feiern sich Yaron und seine Kollegen gerne mit archaischen Männlichkeitsritualen. Wenn sie sich mit kräftigem Schulterklopfen begrüßen, werden die klatschenden Geräusche auf der Tonspur martialisch hervorgehoben. Die Polizisten halten sich für die Krone der Schöpfung und nehmen es im Beruf mit Vorschriften nicht so genau. Nachdem sie bei einem Einsatz etwa mehrere unschuldige Mitglieder einer arabischen Familie getötet haben, drücken sie sich mit unlauteren Methoden vor einer Anklage.

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Nun könnte es Policeman dabei belassen, israelischen Chauvinismus zu porträtieren, und das würde wahrscheinlich sogar über die Länge eines Spielfilms funktionieren. Doch etwa nach der Hälfte der Laufzeit wendet sich Lapid plötzlich von seinem Protagonisten ab, um sich einer anderen Figur zu widmen: der linken Terroristin Shira, die mit ihrer Gruppierung auf der anderen Seite des Gesetzes gegen soziale Ungerechtigkeit kämpft. Bemerkenswert bei dieser Gegenüberstellung ist, dass es sich eben nicht ein weiteres Mal um das gespannte Verhältnis zu den Palästinensern handelt. Der Konflikt bleibt im Land, und der Krieg findet unter Landsmännern statt. Zwei Individuen und damit auch zwei extreme Haltungen zur Situation im Israel der Gegenwart prallen aufeinander. Auf der einen Seite der konservative Nationalist, auf der anderen die bürgerliche Tochter, die sich in politischen Fanatismus flüchtet.

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Zugegeben, wirklich liebenswert sind beide Figuren nicht. Zu selbstgerecht und ideologisch vernarrt wirken sie bei ihren Kämpfen für ein besseres Israel. Aber Lapid, der auch für das Drehbuch verantwortlich ist, trifft bei der Darstellung seiner gegensätzlichen Protagonisten immer den richtigen Ton. Sie bleiben menschlich, ohne dass es unangenehm menschelt. Nie werden sie dem Zuschauer als Sympathieträger aufgezwängt, aber eben auch nicht zu bloßen Karikaturen stilisiert. Mit einem entschiedenen, aber immer funktional bleibenden Formalismus beobachtet der Film nüchtern die Ambivalenz seiner Protagonisten. Hinter jeder Ideologie, jeder rassistischen Bemerkung oder gefühlskalten Zurückweisung lauert auch ein emotionales Dilemma, das die Figuren etwas unbeholfen zu meistern versuchen.

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Der Eifer innerhalb der Terror-Gruppe schöpft sich offenbar ganz aus einer unerfüllten Liebe zum charismatischen Anführer, während der makellose Körper des Polizeiapparats Narben bekommt, als ein Truppenmitglied an Krebs erkrankt und die Kollegen an die eigene Versehrtheit erinnert werden. Aber gerade dann, wenn Momente der Rührung überhand nehmen könnten, dringen wieder unschöne Eigenschaften an die Oberfläche. Einmal soll der werdende Vater Yaron etwa kurz auf das Kind einer Freundin aufpassen, und gerade als das Bild des schönen Mannes mit Baby im Arm seine Wirkung entfalten könnte, posiert Yaron heimlich vor dem Spiegel.

Lapid zeigt sein Talent zweifellos in vielen solcher klug verdichteten Momente, beispielsweise auch, wenn Shiras Auto von einer Gruppe Punks und damit jenen Unterprivilegierten der Gesellschaft, für die sie eigentlich kämpft, demoliert wird. Es ist aber auch die Art, wie die beiden Geschichten miteinander kombiniert werden, die den Film auszeichnet. So kreuzen sich die Wege der zwei Protagonisten nur während eines verstörenden letzten Blickkontakts, ansonsten bleiben die Handlungsstränge autonom. Um diese Entscheidung schätzen zu wissen, muss man sich nur einmal die Filme des Mexikaners Alejandro González Iñárritu (Babel, 2006) ansehen. Da werden Zusammenhänge und Konfrontationen zwischen unterschiedlichen Figuren mit der Macht des Schicksals gerechtfertigt und resultieren in tränenseliger Katharsis. Policeman beschränkt sich dagegen inhaltlich wie dramaturgisch auf zwei unvereinbare Positionen. Und dazwischen tut sich die ganze Komplexität des sozialen Schlachtfelds Israel auf. 


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