Police, Adjective

Von ungerechtem Recht und unerreichter Gerechtigkeit. Und von negativen pronominalen Adjektiven ...

Police  adjective 1

Das Wort „Gerechtigkeit“ leitet sich direkt von „Recht“ ab – und doch geraten diese zwei Begriffe mitunter in Widerspruch zueinander. Der Sinn für Gerechtigkeit ist relativ stabil und dauerhaft, vor allem aber eine individuelle Angelegenheit. Das Recht hingegen ist objektiv, (idealerweise) für alle gleich, kann sich aber je nach gesellschaftlicher Lage relativ schnell ändern. Für den Polizisten Cristi (Dragos Bucur) hat sich jegliche Überschneidung zwischen beiden Termini aufgelöst: Er soll einen Schüler des Haschisch-Konsums überführen und entsprechend der rumänischen Rechtslage für drei bis sieben Jahre ins Gefängnis bringen oder, wie Cristi es ausdrückt, „sein Leben wegen nichts zerstören“. Ein solches Recht hält er für ungerecht, sein Gewissen, sein Gerechtigkeitsempfinden sträubt sich gegen die Anweisungen des Vorgesetzten, der Zweifel am Sinn des eigenen Berufes bemächtigt sich seiner. „Das Gesetz wird sich ändern“, erklärt er zwanzig Jahre, nachdem in Rumänien nicht nur das Recht, sondern die gesamte Gesellschaftsform abrupt ausgewechselt wurde. Und doch ist Corneliu Porumboius Drama Police, adjective (Politist, adjective, 2009) – anders als 12:08 East of Bucharest (A fost sau n-a fost?, 2006), das sich mit der rumänischen Revolution von 1989 befassende Kinodebüt des Regisseurs – mitnichten ein spezifisch rumänischer, sondern ein universeller Film über Idealismus und Desillusionierung.

Porumboiu etabliert die Hauptfigur mit einer Eingangssequenz, in der Cristi den verdächtigen Jungen Victor (Radu Costin) observiert. Hier legt der Film sehr subtil die Grundlage für Cristis Empathie, denn wenn man genau hinschaut, fallen zwischen dem Subjekt und dem Objekt der polizeilichen Beobachtung einige Parallelen auf. Beide sind jung, von ähnlicher Physiognomie, beide begegnen an einer Kreuzung einem silbernen Wagen – vor allem aber müssen beide, buchstäblich und metaphorisch, denselben Weg gehen. Die Bilder verdoppeln sich, Einstellungen ähneln einander, derselbe Hintergrund ist zweimal zu sehen. Den Jungen verliert Police, adjective bald aus den Augen, der Fokus liegt ganz auf Cristi, der rauchend und frierend, brütend und schlurfend mit eingezogenem Kopf, fast geduckt durch die rumänische Kleinstadt läuft und bei der Observierung häufiger auf Langeweile als auf Victor trifft. Dass er ständig warten muss, wird zu einem zentralen Motiv des Films. Den daraus resultierenden emotionalen Zustand des Protagonisten spiegeln die vielen Grau- und Blau-Töne wider, von denen die heruntergekommene, winterliche Stadt geprägt ist. Das andauernde Warten Cristis wird konsequent durch geduldige Einstellungen und ein sehr langsames Erzähltempo in die Form des Films übernommen, lässt Police, adjective aber mitunter auch recht zäh wirken.

Police  adjective 2

Kameramann Marius Panduru arbeitet nur gelegentlich mit Point-of-View-Einstellungen – dennoch übernimmt der Zuschauer die Perspektive der Hauptfigur. Die Kamera bietet eine unprivilegierte Sicht auf das Geschehen, wir sehen nur, was Cristi sieht. Der Bildkader verschiebt sich beständig so wie der Blick eines stillen Beobachters, der nicht im Voraus weiß, was der Verdächtige machen wird und daher seine Perspektive auf das Geschehen immer wieder anpassen oder sich auch einmal hinter Zäunen verstecken muss.

Ungewöhnlich ist das geduldige Gleiten der Kamera über Schriftstücke – statt die Polizeiberichte aus dem Off einsprechen zu lassen, zeigt der Film die Dokumente, fährt minutenlang über das Papier und lässt uns die Handschrift entziffern.

Police  adjective 3

Ohnehin kennzeichnet Police, adjective ein verspielter, höchst eigenwilliger Umgang mit Sprache. Während eines gemeinsamen Abendessens mit seiner Freundin wird Cristi in einer wunderbar absurden Unterhaltung von dieser korrigiert und auf die Folgen einer rumänischen Rechtschreibreform hingewiesen. Wichtiger noch: Das Publikum wird endlich einmal auf die Existenz „negativ pronominaler Adjektive“ aufmerksam gemacht – ausgerechnet diesen Worttypus hatte die Filmgeschichte bisher sträflich vernachlässigt.

Nach einer weiteren, zunächst einsamen Abendessens-Szene findet der Film zu seinem komödiantischen Höhepunkt, wenn Cristi vor dem TV-Gerät sitzt, seine Freundin am PC und die beiden die Leere zwischen ihnen füllen, indem sie über den (Un-)Sinn eines Schlagers streiten.

Police  adjective 4

Ihre Fortsetzung findet diese höchst amüsante Beschäftigung mit der rumänischen Linguistik in einer etwas langatmig geratenen Szene, in welcher der lokale Polizeichef nicht etwa die Einzelheiten des geplanten Einsatzes mit Cristi bespricht, sondern ihn Begriffe definieren lässt, um ihn dann semantisch zu belehren. In einem zu Rate gezogenen Wörterbuch stößt Cristi auf eine adjektivische Form des Begriffs „Politist“ – diese bezeichnet ein Literatur- und Film-Genre, das man am ehesten mit „Krimi“ oder dem französischen „Policier“ übersetzen könnte. Doch während die Definition von „Politist“ erklärt, dass in diesem Genre Kriminalfälle durch die Genialität des Ermittlers gelöst werden, verweigern sich Film und Protagonist dieser heroischen Wende.

Stattdessen beschließt eine ganz nüchterne, umso realistischere Szene das Dilemma Cristis. Das eigene Gerechtigkeitsempfinden kann er nur befriedigen, indem er seine Pflichten als Polizist verletzt und damit seine Entlassung riskiert. Der einzige weitere Ausweg aus seiner moralischen Sackgasse führt über die Missachtung der eigenen ethischen Standards und bedeutet somit eine Kapitulation vor den systemischen Sachzwängen, einen irreversiblen Verlust von Unschuld und Idealismus. Manchmal verbergen sich die ganz großen Themen – der Kampf des Individuums gegen die einengende Macht gesellschaftlicher Erwartungen – in ganz kleinen Geschichten. Darin besteht die Universalität und auch die Stärke von Police, adjective.

Trailer zu „Police, Adjective“


Trailer ansehen (2)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.