Pola X

Rezeptionskrämpfe und die vielen Schattierungen des Hasses.

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Pola X zu schauen gleicht einem Duell oder einem sadomasochistischen Tanz. Unablässig findet man sich in Opposition zu dem, was da geschieht, man distanziert sich, und dann rückt einem der Film doch wieder auf die Pelle, man entzieht sich, wechselt die Standpunkte und steht doch allem feindlich gegenüber. Es scheint, als wolle Leos Carax’ großer Misserfolg verachtet werden. Doch damit setzt er meist ungenutzte Potenziale der abschätzigen Rezeption frei. Kurz gesagt: Man hat am meisten von diesem Film, wenn man ihn hasst.

Die große Aufgabe, die Carax seinen Zuschauern stellt, ist ihre Ablehnung produktiv zu begreifen. Denn allzu leicht verkennt man die Erkenntnisse, die in den negativen Reaktionen schlummern, man versteift sich auf ein globales „Ist das alles scheiße“ und bekommt gar nicht mit, dass sich die Art der Ablehnung hier ohne Unterlass wandelt.

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Pola X ist ein Film der Entzauberung. Sehnsüchte nach richtigen, nach wahren Bildern werden geweckt, um anschließend konsequent als Begierde nach Illusion entblößt zu werden. Jedes aktuelle Bild auf der Leinwand führt in der Zuschauerwahrnehmung ein virtuelles Bild mit sich, ein Gegenbild. Wenn ich hasse, was ich gerade erlebe, dann sehne ich mich meist nach etwas anderem, das die Schieflage korrigieren kann. Doch Carax entlässt sein Publikum nie aus dem Spiegelkabinett des irregeleiteten Verlangens nach dem guten, dem anderen Bild. Wenn er es liefert, dann ist es schon wieder schal geworden, ist klar gekennzeichnet als billige Inszenierung und Taschenspielertrick.

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Es gibt so viele Beispiele, an denen sich diskutieren ließe, wie Carax erst ein widerliches, ablehnungswürdiges Bild inszeniert, um einige Zeit später dann die Sehnsucht nach dem „wahren“, virtuellen Gegenbild aufs Glatteis der verleugnenden Begierden zu locken. Die lichtdurchfluteten Landadel-Welten des Anfangs zum Beispiel, mit ihren Märchenschlösschen, dem englischen Rasen und den lachsfarbenen Poloshirts, den sinnlosen Kamerafahrten und billigen Dialogen: Wer würde sich nicht unmittelbar nach ein wenig Schmutz, nach etwas mehr „Wirklichkeit“ sehnen, um diesen öffentlich-rechtlich schmeckenden Kitsch zu erden? Nur Geduld, Carax gibt uns solche Bilder, er lässt den superreichen Schriftstellerschönling (in Deutschland hätte man wohl gesagt: den Popliteraten; Guillaume Depardieu) in die Armut taumeln, auf der Suche nach ungehemmter Leidenschaft und Inspiration für den totalen, alle Lebensbereiche umfassenden Roman. Aber diese Welt der verlotterten Hotels und schmutzigen Gesichter, des innerstädtischen Ghettos ist genauso billig inszeniert, genauso fern der Wirklichkeit wie die Lacoste-Träumereien zuvor. Die schwarzhaarige Zigeunerdame (man darf hier ungehemmt diese ungebührliche Bezeichnung verwenden, denn Carax zeigt Yekaterina Golubeva ganz klar als menschgewordenes Vorurteil) ist nicht weniger Fake als das platinblonde Model (Delphine Chuillot) zuvor.

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Mit solch groben Symbolen arbeitet Carax ganz bewusst: schwarz und weiß, Armut und Reichtum, große Kunst und brutaler Alltag. Alles längst abgewetzte Waffen, stumpf geworden im immer komplizierteren Ringen der Kunst mit dem sich entziehenden Leben. Doch Carax führt auch seine aufmüpfigen Zeitgenossen vor, jene Schockgeneration der New French Extremity, zu der Pola X gezählt wird. Nichts könnte falscher sein: Pola X trägt die Ideale dieser Bewegung, wenn sie denn welche hatte, zu Grabe. Wenn Carax im selben Jahr wie Breillat (Romance, Romance X) und Dumont (L’Humanité) nicht-inszenierten Geschlechtsverkehr zeigt, dann unter gänzlich anderen Vorzeichen. Hier erwacht keine lange verdrängte Begierde, hier verankert kein hässlicher Körper die Realität im Film, sondern es gibt nur ein neuerlich vorgeführtes Sehnsuchtsbild, zwei Fake-Körper, die richtigen Sex haben. Carax zeigt, wie solche transgressiven Bilder wohlwissend gewählt werden, wie sie, wie alle anderen Bilder, nur Funktionen erfüllen.

Nun ist die Frage nicht abschließend zu klären, ob hier ein ausgefuchster Regisseur in Kenntnis aller möglichen Reaktionstrigger und inszenatorischen Codes wirklich diese komplizierte, ausschließlich über die Bande des „So nicht“ funktionierende Rezeptionshaltung angedacht hat oder vielleicht doch mit himmelhohen Ambitionen gehörig auf die Fresse geflogen ist. Wahrscheinlich ist diese letztendliche Unsicherheit konstitutiv dafür, dass sich solcherart verquere Interpretationsansätze überhaupt vorschlagen lassen. Einen offensichtlich auf Kritik an der zeitgenössischen Kinolandschaft gebürsteten Film zu drehen ist ja keine große Errungenschaft (siehe Gaspar Noé), und die Genugtuung, einen talentierten Regisseur mal so richtig gegen die Konkurrenz und das sogenannte Establishment stänkern zu sehen, wäre leicht herzustellen, aber ebenso billig und oberflächlich.

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So leicht macht es sich Carax eben nicht. Und letztlich ging es ihm wohl immer mehr oder weniger darum, mit den Trugbildern und dem Schein des Irrealen Frieden zu schließen, und damit mit einer fundamentalen Limitierung des Filmemachens: Alle Bilder im Kino sind Fake. Mal schafft er es, wenn auch nur zeitweilig, indem er das Theatralische feiert (Die Liebenden von Pont-Neuf, Les Amants du Pont-Neuf, 1991) oder die wahren Emotionen auskostet, die sich aus dem Spiel des Falschen entwickeln (Holy Motors, 2012). In Pola X jedoch hat er den Glauben verloren, und geblieben ist die ätzende Geste der Entblößung. Und doch sollte man dem Film, auch im Lichte des versöhnlichen Holy Motors (2012), eine Chance geben. Um dann vielleicht, aber auch nur vielleicht, sagen zu können: „Was für ein Scheiß. Aber was für ein wunderbarer, cleverer Scheiß.“

Trailer zu „Pola X“


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