Point Blank

Fred Cavayé arrangiert seinen Beitrag zum französischen Polizei- und Gangsterfilm als rasante Hetzjagd durch Paris.

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Der Policier ist in Deutschland ein kaum wahrgenommenes Subgenre, dessen Vertreter ihren Weg meist direkt in die Videotheken finden. Lediglich beim Fantasy Filmfest, bei dem diese Filme seit Jahren fester Programmbestandteil sind (z.B. Gangsters, 2002, Crossfire (Les Insoumis, 2008) oder Off Limits – Wir sind das Gesetz (Sphinx, 2010)), bekommen sie regelmäßig einen Platz auf der Kinoleinwand zugesprochen. Dieses Jahr gab es im selben Rahmen Point Blank (À Bout Portant) zu sehen. Mit John Boormans Klassiker gleichen Titels gibt es keine Gemeinsamkeiten, allenfalls im etwas überflüssigen Epilog ließe sich ein vager Zusammenhang erkennen.

Inhaltlich nimmt sich auch Regisseur Fred Cavayé dem zentralen Motiv der neueren Policiers, dem schmalen und gerne überschrittenen Grat zwischen Polizisten und Kriminellen, an. Bei der Inszenierung erscheint sein Werk jedoch etwas publikumsorientierter. In seinem Erzählton ist es nicht ganz so rau, in seinen Bildern nicht ganz so düster (bei Off Limits – Wir sind das Gesetz fällt es in manchen der vielen dunklen Interieurs schwer, überhaupt etwas zu erkennen). Der wesentlichste Unterschied zu den bisherigen Gangster- und Polizeifilmen liegt sicherlich im Tempo, das Point Blank vorlegt, sowohl, was den Handlungsverlauf angeht, als auch bezüglich der erzählten Zeit. Während sich etwa Olivier Marchal in 36 – Tödliche Rivalen (36 Quai des Orfèvres, 2004), einer der hierzulande bekannteren Produktionen, die Zeit nimmt, seine Geschichte über mehrere Jahre hinweg auszudehnen, unterwirft Cavayé seinen Plot dem Countdownprinzip.

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Der Krankenpflegergehilfe Samuel (Gilles Lellouche) führt ein unspektakuläres Leben in Paris. Dieses erfährt eine jähe Zäsur, als eines Abends der gesuchte Verbrecher Hugo Sartet (Roschdy Zem) ins Hospital eingeliefert wird, der zuvor von einem Motorrad überfahren wurde. Ein Unbekannter überfällt Samuel am nächsten Morgen, entführt seine schwangere Frau und instruiert ihn anschließend per Telefon, den bewusstlosen Sartet innerhalb von drei Stunden aus dem Krankenhaus zu schleusen. Zwar erledigt Samuel die gestellte Aufgabe noch vor Ablauf dieses Ultimatums, doch auch danach bleibt die Befreiung seiner Frau ein Wettlauf gegen die Zeit. Nicht nur in dieser Ausgangssituation zeigt sich eine leichte Anlehnung an die amerikanische Erfolgsserie 24, schließlich gerät darin Jack Bauer an manchen Tagen mehr als nur einmal in eine ähnliche Situation. Zudem verfügen sowohl Samuel wie Sartet über ein vergleichbar übermenschliches Durchhaltevermögen wie der CTU-Agent.

Im Laufe des Films wandelt sich das ursprüngliche Antagonistenverhältnis. Sartet wird zunehmend zum Sympathieträger und Samuel zu seinem Zwangsverbündeten. Hierin läge sicherlich die nötige Chemie, um das Beziehungsgeflecht eines Buddyfilms aufzugreifen, doch für so etwas lässt die Erzähldichte keinen Raum. „Bouge Pas!“ – diesen Satz (auf Deutsch etwa „Beweg dich nicht!“) haben Fred Cavayé und sein Co-Autor Guillaume Lemans mindestens ein Dutzend Mal in ihr Drehbuch eingebaut, das Geschehen jedoch diametral dazu inszeniert. Bewegung ist der Motor des Films und rasante Verfolgungsjagden sind sein immer wiederkehrendes Herzstück. Von der ersten Sekunde an schicken sie den Zuschauer mit Sartet auf die Flucht, die mit besagtem Unfall endet. In weiteren ausgedehnten Sequenzen werden die beiden Protagonisten teils über die Straßen von Paris, vor allem aber über die Treppen verschiedenster, meist menschenüberfüllter Innenräume auf und ab gehetzt.

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Leider bleibt trotz aller Rasanz die Spannung ein wenig auf der Strecke. Bereits nach der ersten Hälfte hat Point Blank mit einer Szene, wie sie sich andere Filme als erklärendes Moment für den Schluss aufheben, seine Karten komplett auf den Tisch gelegt. Nachdem damit die Fronten eindeutig geklärt sind, rast die restliche Handlung ohne weitere überraschende Wendungen auf ein äußerst dynamisches Finale in einem Polizeirevier zu. Zwar findet die Hatz inmitten einer effektvollen Inszenierung von Tumult und Hektik einen würdigen Abschluss, verläuft aber insgesamt etwas zu reibungslos. Kurzweilige Unterhaltung verspricht Cavayés Point Blank allemal, hinterlässt jedoch den Eindruck, sein Potenzial nicht vollends ausgeschöpft zu haben. Für den mit der Titelwahl beschworenen Klassikerstatus dürfte es wohl nicht reichen. 

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