Please Give

Once upon a time is now. Der neue Film von Nicole Holofcener erinnert an ein modernes Märchen aus New York.

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Es ist eine kleine Familiengeschichte aus der oberen Mittelschicht New Yorks, genauer gesagt aus dem Village, einem Künstler- und Szeneviertel der Stadt, die Nicole Holofcener in ihrem neuesten Film Please Give (2010) erzählt. Dort haben sich Kate (Catherine Keener) und Alex (Oliver Platt) mit ihrer pubertierenden Tochter Abby (Sarah Steele) eingerichtet. Ihren gehobenen Lebensstandard verdienen sich die beiden mit dem An- und Verkauf gebrauchter Designer-Möbel, die sie günstig aus den verwaisten Wohnungen Verstorbener erwerben. In einem Märchen wäre Kate die entschiedene Regentin mit dem Drang zur guten Fee, ihr Mann der gefällige Familienvater aus einer Erzählung der Brüder Grimm und Abby das hässliche Entlein mit dem Wunsch nach Markenkleidung.

Man sitzt also gut in ihrem Apartment, auch wenn es noch etwas größer sein könnte. Deshalb hat man sich die Wohnung der Nachbarin Andra (Ann Morgan Guilbert) gesichert, die allerdings nicht daran denkt, endlich das Zeitliche zu segnen. Nach der alten Dame schauen ihre Enkelinnen Rebecca (Rebecca Hall) und Mary (Amanda Peet), wobei von liebevollem Kümmern eigentlich nur bei der jüngeren Schwester die Rede sein kann. Die ältere hingegen macht sich lieber Gedanken über ihre Arbeit in einem reinlich weiß abgestuften Schönheitssalon.

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Please Give ist ein Film, der vorwiegend in den Häusern des Villages spielt: in den Wohnungen, Geschäftsräumen und Boutiquen des Viertels. In den Innenräumen fällt zunächst die Einrichtung auf – sei es nun das absichtlich etwas unordentliche Apartment der Familie, das gelblich schimmernde Domizil der Nachbarin oder die unterschiedlichen und zum Teil wild zusammengewürfelten Gegenstände der Wohnungen, die Kate auf ihren Streifzügen zu Gesicht und in die Hände bekommt. Die Möbel verraten viel über ihre ehemaligen, aktuellen oder künftigen Besitzer. Holofcener inszeniert diese erzählenden Innenräume ganz beiläufig, sie fügen sich eher den Personen, die sich in ihnen bewegen. Sie ordnen sich unter. Damit geht die Regisseurin einen deutlich anderen Weg als unlängst Tom Ford in seinem Bild für Bild durchkomponierten und das Design feiernden Hochglanzfilm A Single Man (2009). Es ist von daher nicht überraschend, wenn statt der arrangierten Innenräume eine ganz natürliche Lebenswelt als einzig wirklich einprägsames visuelles Element die Protagonisten für einen Moment zu Statisten degradiert: der herbstlich rot glühende Wald in Woodstock, den Rebecca auf einer Art Kennenlern-Ausflug mit ihrem Freund in spe bewundert.

Dieses bildgewaltige Panorama, das den anwesenden Figuren die Sprache verschlägt, ist die Ausnahme in einem Film, der ansonsten von seinen Dialogen lebt: Da wären mehr oder minder zynische Gespräche über die Probleme der oberen Mittelschicht, pointierte Spitzen zwischen Ehepartnern, der Austausch von verbalen Nettigkeiten unter Geschwistern und natürlich die bitterbösen Anmerkungen Andras. Gewissermaßen als Village-Älteste gesteht ihr Holofcener vollkommene Redefreiheit zu – ein wunderbar zugespitztes Korrektiv zu ihren um politische Korrektheit bemühten Nachbarn.

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Sind die Dialoge und die Konzentration auf die Figuren für das Œuvre Holofceners (u.a. Freunde mit Geld, Friends with Money, 2006; Lovely & Amazing, 2001) kennzeichnend, legen sie in Please Give zugleich die Schwächen des Films offen. Die Geschichte(n) der Protagonisten bleiben vage, zu wenig erfährt man über die Gründe ihres Handelns. Dass die Geschwister Mary und Rebecca grundverschieden sind, lässt sich auf den ersten Blick erkennen. Warum das so ist, hingegen nicht. Die Hintergründe bleiben im Dunkeln.

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Ein wenig ausführlicher ist die Sache bei Kate geraten. Keeners Figur – es ist ihr vierter Auftritt im vierten Film der Regisseurin – ist die mit Abstand vollständigste unter den unvollendeten. Wie der Titel des Films bereits suggeriert, steht sie unter dem zwanghaften Bedürfnis, ihren weniger glücklichen Mitmenschen Gutes zu tun. Welche Fragen Holofceners Protagonistin dabei umtreiben und ihren Drang zur guten Fee motivieren, wird leider nicht weiter verfolgt. Please Give bleibt auch hier im schemenhaft Ungefähren.

Zurück zum Märchen. Das klassische „Es war einmal“ hat Holofcener in Please Give durch das New York von heute ersetzt. Statt mittelalterlicher Könige und Schneiderlein machen sich hier gut situierte Village-People auf die Wanderschaft, um ihre drängenden, aber im Grunde geringfügigen Aufgaben des täglichen Lebens zu lösen. Und auch auf eine Moral der Geschichte verzichtet die Regisseurin nicht – zum Schluss hin scheint das Glück in der Besinnung auf die eigene Familie zu liegen. Alex findet sich in seiner Rolle als Ehemann und Vater wieder, und Kate debütiert als gute Fee für ihre Tochter Abby. Das Entlein wird damit zwar nicht gleich zum Schwan, doch eine Verwandlung deutet sich an. Wäre Please Give ein Märchen, so stünde dort zu lesen: And all was well.

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