Play

In ihrem Regiedebüt treibt die Regisseurin mit dem Zuschauer ein ästhetisches und narratives Spiel um die locker verknüpften Figurenschicksale in der chilenischen Hauptstadt Santiago.

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In moderner Literatur und Film dient die Großstadt immer schon als Ort der unwahrscheinlichsten und schicksalhaften Zufallsbegegnungen – in der Aschenbrödel-Variante Pretty Woman (1990) wird aus der Begegnung zwischen einer offenherzigen Prostituierten und einem Schnösel aus der Oberschicht die Liebe fürs Leben. Ein paar Tausend Kilometer südlich von Los Angeles kreuzen sich in Play die Wege des Mädchens aus der Unterschicht und des Jungen aus der Oberschicht in der chilenischen Hauptstadt Santiago. Cristina (Viviana Herrera), eine junge Frau indianischer Abstammung, pflegt einen alten Mann in dessen Wohnung. In ihrer Freizeit streift sie ziellos durch die Stadt und vergnügt sich bei Videogames in einer Spielhölle. Eines Tages entdeckt sie in einer Mülltonne eine Aktentasche und taucht unwillkürlich in das Leben ihres Besitzers ein: Tristán (Andres Ulloa), einem jungen Architekten aus der Oberschicht, der eine Lebenskrise durchmacht, weil er von seiner Freundin Irene (Aline Küppenheim) verlassen wurde und seinen Job verloren hat. Wie ein Schatten heftet sich Cristina an Tristáns Fersen und wird zum stummen Zeugen seiner Liebes- und Lebensnöte, bis sie plötzlich Gelegenheit bekommt, seinen Schutzengel zu spielen.

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Play ist der erste Langspielfilm der Experimentalfilmerin Alicia Scherson. Ganz im Sinne seines Titels charakterisiert sich der digital gedrehte Film durch die Verspieltheit seiner Form. In der Bildgestaltung wird mehrmals die Ästhetik des Computerspiels, Cristinas Lieblingsbeschäftigung, zitiert. Auf auditiver Ebene lässt der Film den Zuschauer in die verschiedenen Wahrnehmungswelten seiner Figuren eintauchen, die sich über Kopfhörer mit Musik beschallen lassen und beim Anblick einer tätowierten Möwe ein imaginäres Vogelkreischen vernehmen. Auf der Handlungsebene interessiert sich die Autorin weniger für einen runden Spannungsbogen als für das Spiel mit narrativen Möglichkeiten. Der Film wirft Fäden aus, die dann nicht weitergeknüpft werden. Die elliptische Erzählweise gibt der ziellos wirkenden Handlung einen episodischen Charakter und mischt ihr absurde Elemente – wie das mehrmalige unmotivierte Auftauchen eines Mädchens mit aufgeschlagenem Knie – sowie poetische Details unter. Einmal lässt Tristán beispielsweise eine lebende Motte aus seinem Mund fliegen.

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Für das Herumstreunen ihrer Figuren entwirft Scherson als Kulisse einen städtischen Raum, der sich mit dem französischen Ethnologen Marc Augé als „non-lieu“, als Nicht-Ort bezeichnen lässt. Unter diesem Begriff fasst Augé alle jene abstrakten Zonen zusammen, welche die gegenwärtige Welt in wachsendem Maße prägen: Verkehrswege wie Autobahnen und Schnellbahnnetze, Wartebereiche wie Raststationen und Haltepunkte, Konsumzonen wie Einkaufszentren und Freizeitparks. Im Gegensatz zu den austauschbaren Nicht-Orten repräsentieren sogenannte anthropologische Orte, etwa Hauptstädte mit ihrem hochsymbolischen Kern, stabile Identitäten und Erfahrungen: Paris hat seinen Eiffelturm, London hat seinen Big Ben. Santiago hingegen wird in Play als eine Stadt ohne markante kulturelle Identität charakterisiert. Die Figuren streifen durch Stadtparks und Einkaufspassagen, über Autobrücken und Baustellen. Die Totale auf die abendliche Großstadtsilhouette am Ende des Films zeigt eine anonyme Ansammlung von Hochhäusern. Wie der austauschbare urbane Hintergrund in Cristinas Computerspiel „Street Fighter“ wirkt die Hauptstadtkulisse Santiagos, in der sich die Filmfiguren bewegen.

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Genauso identitätslos wie der städtische Raum wirkt Schersons Protagonistin Cristina. Weit weg von ihrer Familie und ihren kulturellen Wurzeln im Süden des Landes spielt sie im selbstgewählten Hauptstadtexil mit den Posen der anderen: mit dem lasziven Rauchen einer Filmdiva, den Fighter-Bewegungen einer Lara Croft, schließlich mit dem Kleidungs- und Haarstil von Tristáns Exfreundin Irene. Eine eigene Identität, wie sie ihr der hübsche Gärtner Manuel (Juan Pablo Quezada) in einem traditionellen Familienleben auf dem Land anbietet, lehnt Cristina ab. Sie taucht lieber in das Leben der anderen ein. Der Preis für dieses Spiel ist es, unsichtbar zu bleiben.

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