Play - Nur ein Spiel

Mit strengem Formalismus widmet sich Ruben Östlund einem psychologisch komplexem Rollenspiel unter Jugendlichen. 

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Die erste Einstellung ist eine Totale auf das Innere eines Kaufhauses. Man hört die Unterhaltung zweier Jungen über ihre Einkäufe und kann die Figuren nach einer Weile auch in der Menschenmenge ausmachen. Ein langsamer Zoom weist sie als typische Mittelschichtskinder aus. Dann schwenkt die Kamera nach links, auf eine Gruppe schwarzer Jugendlicher, die in den Jungen ihre Opfer gefunden haben, sich ihnen nähern und sie beschuldigen, ein Handy gestohlen zu haben.

Play etabliert in seiner Eröffnungsszene auf beeindruckende Weise den dramatischen Hauptkonflikt, auch wenn es sich später, im eigentlichen Erzählstrang, um andere Söhne wohlhabender Eltern handeln wird. Regisseur Ruben Östlund hat sich in seinem Film von einer wahren Begebenheit inspirieren lassen. In Schweden trieb sich eine Gruppe Minderjähriger herum, die sich nicht damit zufrieden gab, ihren Opfern die Wertsachen abzunehmen, sondern sie in psychologische Rollenspiele verwickelte, in denen es mehr um die Erzeugung von Angst als den Einsatz tatsächlicher Gewalt ging.

Östlund widmet sich diesem Ereignis mit einer stark formalistischen Herangehensweise. Die ausgesprochen langen, meist statischen Einstellungen imitieren entweder, wie in der Eröffnungsszene, Überwachungskameras oder einen teilnahmslosen Beobachter, der das Geschehen zwar genau mitbekommt, aber nicht eingreift. Meist legt eine Einstellung eine szenische Einheit fest, in deren Ablauf die souveränen Laiendarsteller wie auf einer Bühne auf- und abtreten. Die enorm tiefenscharfen, sich teilweise über mehrere Ebenen erstreckenden Aufnahmen wurden von Marius Dybwad Brandrud mit einer RED-4k-Kamera gedreht ), deren hochauflösende Bilder es sogar erlauben, den Bildausschnitt erst in der Postproduktion festzulegen. So ist es möglich, das ungezügelte Spiel der Darsteller in strengen Kompositionen einzufangen.

Es ist beachtlich, wie viel Spannung Play trotz seiner äußerst distanzierten Perspektive entwickelt. Die Gesichter der Jugendlichen sind die meiste Zeit nicht einmal richtig zu erkennen und ermöglichen dem Zuschauer kaum einen emotionalen Zugang. In seinem geradezu penetranten Formalismus, so ästhetisch beeindruckend die sorgfältig komponierten Bilder auch anzuschauen sind, besteht jedoch auch ein wenig die Schwäche des Films. Er drängt sich zu sehr in den Vordergrund und verstellt die Sicht auf ausgesprochen differenzierte Beobachtungen.

Play 02

Etwa auf die Dynamik innerhalb der Gruppe. Es handelt sich um eine ständige Gratwanderung zwischen infantilem Spiel und psychischer Folter. Die Opfer werden ihrer Freiheit beraubt und erniedrigt, auch wenn sich der äußere Schaden letztlich auf ein paar geklaute Wertgegenstände beschränkt. Täter- und Opferrollen verschieben sich an einigen Stellen – etwa wenn die schwarzen Jugendlichen von einem älteren Schlägertrupp überwältigt werden –, geraten aber stets wieder in ihre ursprüngliche Form. Das titelgebende Spiel ist schließlich auch ein Spiel mit rassistischen Klischees. Mehrmals zeigt Play, wie diese von beiden Seiten immer wieder aufs Neue bestätigt werden. Einmal sieht man eine Gruppe Indianer, die sich mit Federn schmückt und in einer tristen Fußgängerzone damit Geld verdient, sich so darzustellen, wie man sich Indianer in Europa eben vorstellt.

Das Machtverhältnis zwischen den Jugendlichen funktioniert auf ähnliche Weise. Die bürgerlichen Jungen trauen sich erst gar nicht, die Flucht zu ergreifen, weil sie das Bild eines kriminellen und gewaltbereiten Schwarzen im Kopf haben. Und die schwarzen Jugendlichen missbrauchen dieses Klischee gezielt als Druckmittel und bestätigen es damit nur ein weiteres Mal. In einer anderen Szene watscht Östlund den positiven Rassismus einer politisch korrekten Mittelschicht ab, die jede kriminelle Tat eines Schwarzen mit seiner sozial stigmatisierten Rolle rechtfertigt. Am Schluss von Play treffen die Väter der ausgeraubten Jungen auf einen der Täter, wollen ihm ein geklautes Handy abnehmen und werden gleich darauf von zivilcouragierten Passantinnen zur Rede gestellt, die einen rassistischen Übergriff vermuten.

Play ist ein sehr vielschichtiger Film und eine äußerst pessimistische Bestandsaufnahme über das Zusammenleben verschiedener Kulturen. Seine sperrige visuelle Gestaltung schadet dem Film dagegen ebenso wie seine ausufernde, zerstreute Erzählweise. Ein Nebenerzählstrang über ein herrenloses Kinderbett in einem Zug verleiht dem Film zwar eine humoristische Note, wirkt alles in allem aber überflüssig. Doch auch wenn Östlund seinen Film pointierter hätte gestalten können, ein sehr eigenes Kinoerlebnis bietet Play auf jeden Fall. 

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