Planetarium

Woche der Kritik 2017: Zwei Schwestern beschwören die Toten. Einem Filmproduzenten gefällt das. In Planetarium geistert Rebecca Zlotowski wie in Trance durch das Paris der 1930er Jahre.

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„You never know that you are living before a war“, heißt es aus dem Off in der Anfangssequenz von Rebecca Zlotowskis Planetarium. Diese Anfangssequenz aber stellt sicher, dass wir das wissen werden, denn sie spricht aus der Zukunft ins Paris der 1930er Jahre hinein. Erinnert sich an die Barlow-Schwestern, die aus Amerika kamen und die mit den Toten sprechen konnten. Das Kino spricht auch mit den Toten, wenn es uns nun in diese 1930er Jahre versetzt, wenn wir diese Barlow-Schwestern nun kennenlernen, die mit den Toten sprechen. Nicht nur diejenigen, die durch die Schwestern mit ihren Verschiedenen kommunizieren, auch der Film nimmt ihnen den Zauber ab. In einem doppelten Sinne: Er glaubt ihn, und er eignet ihn sich an.

Planetarium 2

Zunächst hat das Kino auch auf Plot-Ebene einen Vertreter: Produzent Korben (Emmanuel Salinger), der dringend einen Erfolg braucht. Die Magie des Kinos reicht nach Ende des Stummfilms nicht mehr aus, es muss ein Kino der Magie her. Nachdem er sich persönlich von den Kräften der Schwestern überzeugt hat, ist er besessen von der Idee, diese Kräfte und die Toten, die von ihnen angezogen werden, auf Film zu bannen. Als das später in Planetarium tatsächlich zu gelingen scheint, ist der Geldgeber beim Screening allerdings ernüchtert: So ein paar Lichtreflexe im Hintergrund, da kann man mit jedem Spezialeffekt Spektakuläreres erreichen. Die technischen Innovationen sind schon da, wo die spirituellen hinwollen. Wie kann es auch reale Magie geben? Paranormalen Realismus?

Film in Trance

Planetarium 3

Aber sich diesem Film derart über seine Ideen zu nähern würde ihm kaum gerecht. Ein Text über Planetarium ließe sich auf tausend Arten beginnen, weil sich Zlotowski so unvoreingenommen in ihr Material wirft, dass dieses Material vom Film Besitz zu ergreifen scheint anstatt andersherum. Planetarium gelangt niemals einfach von Punkt A zu Punkt B, eher von Hölzchen auf Stöckchen. Der Film geistert umher, könnte man sagen, creepy, ohne zum Horror zu werden, in Trance, so instabil, wie nur eine Zwischenwelt es ist, oder wie eine Vorkriegszeit vielleicht. You never know that you’re living before a war.

Planetarium 4

Da gibt es dann ganz konkrete historisch-narrative Dramen – dass Korben Jude ist, wird eine immer größere Rolle spielen, seine Figur basiert auf dem einstigen Pathé-Leiter Bernard Natan, der nach Auschwitz deportiert wurde –, und da gibt es ästhetische Dramen: Leben und Tod, Set und Kino verschmelzen in jenem Filmstudio, in dem die ältere Schwester Laura schließlich die Protagonistin einer Liebesgeschichte spielen soll, um der erhofften Geistererscheinung einen Rahmen zu spenden (ihr Partner ist ein Schauspieler, der von Louis Garrel gespielt wird, noch so ein Geist, der wie selbstverständlich im Film auftaucht). Zu einem waschechten Filmstar wird diese Laura, nicht im Plot, aber im Bild, und es ist ein feiner Clou, diese Figur mit Natalie Portman zu besetzen.

Spiritualismus und Sexualität

Planetarium 6

Auch ein Clou, die jüngere Schwester Kate mit Lily-Rose Depp zu besetzen, der noch minderjährigen Tochter von Johnny Depp und Vanessa Paradis. Kate erscheint in jeder Szene jünger und geistert durch ganz andere Räume, scheint heimliche Séancen mit Korben zu machen, die von draußen vor der Tür, wo Laura sie hört, nach Sex klingen. „La pute du juif“, sagt irgendwann jemand. Außerdem: Während Laura ihre Gabe dem Kino schenken soll, hat die Wissenschaft sich Kate für ein paar Experimente gekrallt: Ein Parapsychologe will ihre Gehirnströme während einer Sitzung untersuchen. Sexéance, Sciencéance, Cinéance.

Planetarium 7

Der Film also ein Medium, im unheimlichsten Sinne des Wortes. Planetarium beschwört nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Zukunft. Zlotowskis Kameramann Georges Lechaptois hat zu großen Teilen mit der neuen Arri-65-Kamera gedreht, für deren 6K-Bilder Kinos noch gar nicht gerüstet sind. „We are all the ghosts of the future“, heißt es im Film. Was diese Kamera aufgenommen hat, ist nicht nur längst gewesen, es wird auch erst noch sein. Korbens Versuch, Geister auf Film zu bannen, ist nur deshalb so absurd, weil das Kino es ja ohnehin schon tut.

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