Pink
Eine Punk-Dichterin hat genug von der unmoralischen Viererbeziehung und sucht ihr Glück in der Ehe. Mit dem ersten Ehemann wird sie nicht glücklich, der zweite ist auch nicht viel besser.
Am Anfang ist Hannah Herzsprungs Fuß. Dann ihr Kopf, schräg von hinten gefilmt, dann ihre Hand. Fuß, Kopf, Hand: ein harmonischer Dreiklang zu Beginn, dem später im Film andere Dreiklänge antworten werden, manche ebenfalls harmonisch, andere weniger. Schließlich noch ein nachgereichter Establishing Shot: Hannah Herzsprung verkörpert auf bezaubernde Art und Weise Pink. (Ja, genau das ist Hannah Herzsprung in diesem Film: „bezaubernd“, ganz verzichten kann man kaum auf Klischees, wenn man Pink beschreiben will, einem Werk, das Klischees zwar benutzt, aber weder zu bestätigen noch zu kritisieren sucht.) Pink ist eine, das wird man einige Minuten später erfahren, „Punk-Dichterin“, die hier, zu Beginn, noch im Bett liegt und schläft.
Nach Pinks erstem Auftritt als Dichterin tauchen drei Männer auf: Carlo (Guntram Brattia), Georg (Florian Panzner) und Balthazar (Cornelius Schwalm), jeweils mit einem Blumenstrauß in der Hand. Sie alle lieben Pink und scheinen bis dato recht glücklich polyamor mit ihr verbandelt gewesen zu sein. Pink liebt zwar ebenfalls alle drei, aber sie war früher Klosterschülerin und jetzt erzählt sie von einer Offenbarung: Sie könne, habe sie erkannt, ihr bisheriges, unmoralisches Leben nicht fortsetzen und müsse sich für einen der drei entscheiden. Genau das macht Pink denn auch, mithilfe einer Liste, die den einzelnen Bewerbern Punktwerte zuschreibt, denn: „Liebe = Das Produkt planmäßigen Vorgehens + eiserner Verstand“. Anschließend greift sie zu einer Pistole (die mehrmals zum Einsatz kommt) und schießt ein nicht näher definiertes Bild von ihrer Zimmerwand herunter. Einfach so, mit derselben Nonchalance, mit der sowohl sie als auch der Film immer wieder ganz sonderbare Dinge anstellen.
Carlo, ein erfolgreicher Geschäftsmann, landet zunächst auf Platz eins und wird flugs geheiratet. Pink hat bald keine Lust mehr, allein zu sein und schreibt genau das in pinker Farbe an den Badezimmerspiegel. Die Ehe endet denkbar unglücklich, nämlich mit einer Beerdigung. Nach den Punktwerten und also auch im Film ist als nächstes der Verleger Georg an der Reihe. Mit dem fährt sie zunächst, in der vielleicht allerschönsten Szene des Films, in den Süden für einen gemeinsamen Urlaub. Eine kleine, zurückgenommene Florida-Miniatur: Cabriofahrten, die Palme vor dem Fenster, Frühstück auf der Veranda, mit dem Laptop am Strand. In einer Totalen sieht man Pink ins Meer hinaus schwimmen. Im Bildhintergrund scheint ein Fisch übers Wasser zu springen. Zurück in Deutschland schreibt Pink ihrem Mann eine SMS – überhaupt werden viele SMS geschrieben in diesem Film, es wird auch viel Zug gefahren und manchmal Auto. Auto fährt vor allem Balthazar, der dritte Mann in der Vierergleichung und er singt währenddessen ganz sonderbar vor sich hin. Aber noch ist Pink bei Mann Nummer 2. Ein harter Schnitt in ein amerikanisches Hotelzimmer: Georg vergnügt sich mit vier Prostituierten. Auch im zweiten Versuch findet Pink das Eheglück nicht.
Rudolf Thome dreht solche Filme seit gut vier Jahrzehnten: Kleine Fabulierstücke voller erzählerischer Leichtigkeit und freischwebender, in nichts weiter als der menschlichen Natur geerdeter Fantasie, echtes Kino in Äquidistanz zu prätentiösem Kunstwillen und den Mechanismen des kommerziellen Filmschaffens. Oft kreisen die Filme um Männer, die mehrere Frauen, oder, wie hier, um Frauen, die mehrere Männer lieben, aber zu einer Autorenhandschrift im klassischen Sinne fügt sich in Thomes Werk wenig, vielleicht, weil aus dem, was er zeigt, nie unmittelbar etwas (anderes) folgt.
Pink und Pink, Film wie Figur, enden im Paradies, beziehungsweise auf einem idyllischen Bauernhof. Dieser Bauernhof ist derselbe, in dem der Regisseur selbst seit einigen Jahren lebt und arbeitet. Hier schreibt er sein Internettagebuch und seine Drehbücher, die ebenfalls rechtzeitig vor Drehbeginn komplett ins Netz gestellt werden. Nachdem Thome in den letzten Jahren fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit drehte, scheint sein aktueller Film, vielleicht auch aufgrund einiger jüngst erschienener DVD-Editionen älterer Werke, wieder mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Pink hat diese und noch viel mehr Aufmerksamkeit von der ersten bis zur letzten Minute verdient.
Filmkritik von Lukas Foerster
Veröffentlicht am 17.08.2009
Kommentare zu Pink
Solino 04.09.2009 00:34
Gebt euer Geld lieber für wichtige Dinge aus wie Zuckerwatte oder 1 Stunde Sonnenbank. Ach nee, geht Eis essen und lasst diese konstruierte Nichtinszenierung im Filmkeller eures Off-Kinos.
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Blog: Berlinale im Dialog

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Film-Angaben
Titel: Pink
Deutschland 2009
Laufzeit: 82 Minuten
Regie: Rudolf Thome
Drehbuch: Rudolf Thome
Produktion: Rudolf Thome
Bildgestaltung: Ute Freund
Montage: Dörte Völz Mammarella
Musik: Katia Tchemberdji
Darsteller: Hannah Herzsprung, Guntram Brattia, Florian Panzner, Cornelius Schwalm, Rahde Schiff, Anna Kubin, Christina Hecke, Rosa Enkat, Anja Karminski
Kinostart: 20.08.2009
DVD-Angaben
Titel: Pink
Vertrieb: EuroVideo
Bild: 1,78:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 2.0/Stereo)
Untertitel: keine
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 79 Minuten
Extras: Kein Bonusmaterial
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 13.11.2009
Copyright Pink
Fotos: © Prometheus Film
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