Pieta

Genialer Film-Philosoph oder Arthouse-Scharlatan? Auch der neueste Film Kim Ki-duks lässt keine endgültige Antwort zu.

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„Der 18. Film von Kim Ki-duk“ mit dieser Schrift wird Pieta eröffnet, und diese Info an den Anfang des Films zu stellen ist konsequent, ob sie nun als Warnung oder als Versprechen gelesen wird. Der koreanische Regisseur wird von Cineasten schließlich gleichermaßen geliebt wie gehasst, als Prophet des Arthouse-Kinos verehrt oder als Aufschneider abgetan, der die Zuschauer wahlweise mit Pseudo-Tiefsinn zu betören oder mit nihilistischen Gewaltorgien zu schocken versucht. Für seine Kritiker ist Kims Rückgriff auf drastische Gewaltdarstellung platte Effekthascherei, für seine Befürworter Ausdruck seines Menschenbilds oder Mittel einer schonungslosen Gesellschaftsanalyse. Für die einen ist seine Obsession für vergewaltigte oder sich prostituierende Frauen Beweis einer misogynen Grundhaltung, für die anderen gar versteckte Patriarchatskritik.

Dass sich an ihm die Geister scheiden, daran ist nicht zuletzt Kim selbst schuld, stilisiert er sich doch seit jeher zum großen Außenseiter, der sich auf keine Kompromisse einlässt und gern über das menschliche Dasein philosophiert. Höhepunkt dieser Selbstinszenierung war die Dokumentation Arirang (2011), in der man Kim 100 Minuten lang beim Verarbeiten einer Schaffenskrise begleiten konnte.

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Mit dem in Venedig ausgezeichneten Pieta scheint der Koreaner nun endgültig von dieser Krise geheilt. Dass er seinen narrativen wie ästhetischen Ansatz während seiner Blockade nicht groß verändert hat, lässt sich schnell erkennen – gleich die erste Einstellung ist die Nahaufnahme eines Fleischerhakens. Auch Protagonist Kang-do (Lee Jeong-jin), ein eiskalter Geldverleiher, der seine Schuldner mit bloßen Fäusten zu Krüppeln schlägt und sogar noch an der Versicherungssumme mitkassiert, erinnert an frühere Kim-Helden. Schließlich hängt in Kang-dos Wohnung das abstrakte Gemälde eines nackten Frauenkörpers, das er Morgen für Morgen mit einem Messer malträtiert, und während der ersten Schuldeneintreibung bietet sich eine Frau zur Prostitution an, um ihren Mann vor der Bestrafung zu schützen.

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So weit, so Kim Ki-duk. Doch dann betritt Mi-sun (Cho Min-soo) das Setting des abgewrackten Viertels Cheonggyecheon in Seoul und bringt die eigentliche Handlung ins Rollen: Sie behauptet, Kang-dos Mutter zu sein, steht dem Schläger von nun an zur Seite und lässt sich selbst von Gewaltandrohungen nicht davon abbringen, die lebenslange Vernachlässigung ihres Sohnes endlich wiedergutzumachen. Doch damit Kang-do ihr Glauben schenkt, braucht es noch eine Quasi-Vergewaltigung. Dabei hat man als Zuschauer schon vor den inzestuösen Dialogen dieser Szene („Da bin ich rausgekommen? Kann ich da auch wieder rein?“) begriffen, dass Kang-dos Grausamkeit auch mit einem gestörten Verhältnis zu Sexualität und Weiblichkeit zu tun hat. Die ungewohnte Präsenz der Mutter scheint nun aber tatsächlich eine positive Wirkung zu erzielen. Die nackten Brüste des Gemäldes werden bald durch ein Porträtfoto Mi-suns ersetzt, und Kang-do wirkt bei seinen Schlägerausflügen zunehmend nachdenklicher.

Der ungewöhnliche Mutter-Plot funktioniert, weil er das Klima radikaler Unvorhersehbarkeit aus Kims besseren Filmen hervorruft. Wenn auch manchmal zu viel auf Effekt inszeniert, entfaltet Pieta mit seinen kalten Farben und seiner teilweise etwas beliebigen, aber doch rhythmischen Montage streckenweise eine gewaltige Wucht. Doch diese teils beeindruckende unmittelbar filmische Ebene bearbeitet Kim wie so häufig mit einem überdeutlichen Symbolismus. Den Filmtitel im Hinterkopf, die christliche Ikonografie vor Augen, fragen wir uns ständig, wer hier wem vergibt und warum. Jeder zweite Dialog scheint ein versteckter Hinweis auf eine die Handlung transzendierende Ebene, deren Primat sich Kim seit seinen ersten Filmen unterworfen hat. Und wie in vielen dieser Filme lässt sich hinter dem häufig bemühten „Ausloten menschlicher Extreme“ eine recht banale Sicht auf die Diktatur des Geldes und das Fehlen von Gnade und Liebe erkennen. Wirkliches Interesse weckt Kims Blick auf die Gesellschaft schon länger nicht mehr.

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Und trotzdem: Wenn man die Mitteilungswut des Regisseurs und die zu simple Kapitalismuskritik ignorieren kann, dann macht Pieta vor allem im letzten Drittel durchaus Spaß. Der hier nur angerissene Plot hat noch deutlich mehr zu bieten und versetzt gegen Ende noch den ein oder anderen inszenatorischen Schlag in die Magengrube. Warum das alles für den Hauptpreis auf einem A-Festival gereicht hat, das bleibt aber doch fraglich und mag mehr einer Ausbalancierung des Preisregens für The Master oder dem eigenwilligen Geschmack von Jury-Präsident Michael Mann geschuldet sein als der Qualität des Films. Pieta bietet jede Menge Kim Ki-duk, darüber hinaus aber nicht viel Neues. Dessen Fans werden froh sein, dass Kim sich durchaus „in Form“ zeigt, alle anderen verpassen nichts, was sie nicht ohnehin erwartet hätten.

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