Piazza Vittorio – Kritik

Viennale 2017: „I’m not a fucking journalist! I’m a filmmaker!“ Krawallschachtel Abel Ferrara hat mit Piazza Vittorio einen wildwüchsigen Dokumentarfilm über den größten, aber sicher nicht den schönsten Platz Roms gedreht.

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Was die Gegend um die römische Piazza Vittorio ausmacht, zeigt uns Abel Ferrara bereits in der ersten Szene seines gleichnamigen Dokumentarfilms. Eine ältere Frau mit Gehwagen kriegt darin einen ziemlich üblen Wutanfall, beschimpft die verdutzt neben ihr stehenden Migranten als Abschaum und prophezeit den baldigen Untergang Italiens. Das Einzige, worauf sich alle Beteiligten in Piazza Vittorio einigen können, ist die Tatsache, dass rund um den größten, aber sicher nicht den schönsten aller Plätze der italienischen Hauptstadt Gegensätze aufeinanderprallen. Ob die heterogene Mischung aus Einwanderern, heruntergekommenen Existenzen und alteingesessenen Mietern jedoch für das Scheitern von Multikulti steht oder vielleicht doch für die gelebte Utopie eines mehr oder weniger friedlichen Nebeneinanders, hängt davon ab, wen man fragt. Und Ferrara spricht mit jedem; mit Flüchtlingen, Obdachlosen, Café-Besitzern, Seniorinnen, Rechten, Linken – und auch mit Buddy Willem Dafoe, der, ganz dem spontanen Geist des Films entsprechend, gerade zufällig in der Gegend ist, weil seine Freundin hier lebt.

Ein Park, der mehr benutzt als bewundert wird

Piazza Vittorio 2

Während die meisten Innenstadtviertel von Metropolen zunehmend gentrifiziert werden, scheint sich der demografische Wandel um die Piazza Vittorio genau umgekehrt zu vollziehen – oder wie eine ältere Dame einmal meint: Schlimm sei es hier schon immer gewesen, aber jetzt ist es noch schlimmer. Tatsächlich sieht in Archivaufnahmen alles noch deutlich hübscher aus; mit einem großen Freiluftmarkt und noch vergleichsweise dezenter Wildpinkelei. Der Film sucht jedoch auch in der Gegenwart noch die raue Schönheit dieses parkähnlichen Platzes, der von seinen Besuchern und Bewohnern eben weniger bewundert als benutzt wird.

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Piazza Vittorio prescht auf mitreißende Weise nach vorn. Ferrara fackelt nicht lange und fasst auch niemanden mit Samthandschuhen an. Wenn er etwa mit Flüchtlingen über ihre oft nicht sonderlich guten Erfahrungen in Italien redet, zieht er sich nicht in die Rolle des betroffenen Zuhörers zurück, sondern führt – so dreist das manchmal wirkt – ein Gespräch auf Augenhöhe. Jammern ihm die jungen Männer zu viel oder halten ihn gar für einen Reporter, stutzt er sie schon mal ordentlich zurecht: „I’m not a fucking journalist! I’m a filmmaker!“ Ferrara findet einen ebenso eigenwilligen wie interessanten Zugang zu seinen Darstellern. Statt sich mit falschem Mitleid aufzuhalten, sucht er nach Gemeinsamkeiten. Italiener ist er wegen seiner Wurzeln ja auch irgendwie, ein Nachkomme von Migranten sowieso und als unabhängiger Regisseur auch das harte Arbeitsleben gewohnt. Und trotz konfrontativer Art und Hang zur Selbstinszenierung weiß er, dass er dabei nicht immer das letzte Wort haben muss. Als ihn ein junger Mann übers Ohr haut, wird auch sichtbar, dass das Machtverhältnis zwischen Regisseur und Interviewtem, zwischen Amerikaner und Afrikaner nicht so einseitig ist, wie man sich das vielleicht vorstellt. Nachdem Ferrara ihm 15 Dollar für ein fünfminütiges Gespräch gibt, fertigt sein Gegenüber ihn schnell mit ein paar Floskeln ab und lässt ihn ungläubig stehen.

Die Piazza Vittorio in dir

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Bereits zum dritten Mal zieht es Ferrara nach Napoli, Napoli, Napoli (2008) und Pasolini (2014) nach Italien – und diesmal scheint die Perspektive des Außenstehenden besser denn je zu passen. Wenn ein Italoamerikaner nach Rom fährt, um einen Film über ein Einwandererviertel zu drehen, wirkt das zum einen wie eine Rückkehr in die alte Heimat und zum anderen wie eine historische Erinnerungsstütze an ein Italien, das sich am liebsten von der Außenwelt abschirmen möchte. Dass auf der Tonspur immer wieder Woody Guthries Migranten-Song „Do Re Mi“ ertönt, in dem es etwa heißt :„California is a garden of Eden, a paradise to live in or see“, will nur im ersten Augenblick nicht zu den Bildern aus Rom passen. Auch hier interessiert sich Ferrara wieder stärker für das Universelle – was jedoch nicht heißt, dass er den Wildwuchs, den er bei seinen Streifzügen einfängt, irgendwie zu bändigen versucht. Statt an klaren Positionen, die einander gegenübergestellt werden, ist er an starken Charakteren interessiert – und die offenbaren ein ums andere Mal eine Widersprüchlichkeit, die den Film so kostbar macht. Piazza Vittorio präsentiert uns ältere Damen, die ein Liedchen trällern, nachdem sie über Ausländer hergezogen haben, Aktivisten, die wie harmlose Punks aussehen, aber seltsame identitäre Positionen vertreten, oder die Besitzerin eines chinesischen Restaurants, die wir dank ihrer Entertainer-Qualitäten schon ins Herz geschlossen haben, bevor sie von ihrer fragwürdigen Begeisterung für Diktator Mao erzählt. Dass die Piazza Vittorio ein Spannungsfeld ist, bedeutet nicht nur, dass hier unterschiedliche Ethnien und Weltanschauungen aufeinandertreffen, sondern auch, dass schon der Einzelne diese Gegensätze in sich vereint.

Trailer zu „Piazza Vittorio“


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