Philomena

Die Fesseln der Vollkommenheit: Stephen Frears will nichts falsch machen.

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Da ist diese naiv-entzückte Begeisterung in ihrer Stimme, die uns einfach nicht kalt lassen will. Philomena Lee (Judi Dench) hat eine einschneidende Reise vor sich, doch immer wieder findet sie die Zeit, ihr sonniges Gemüt hervorscheinen zu lassen und ihren recht abgebrühten Gefährten Martin (Steve Coogan) in ihren simplen Bann zu ziehen. Am Flughafen sind es Schundromane, von denen Philomena schwärmerisch erzählt, wirre, unglaubwürdige Liebesabenteuer, wie sie hanebüchener nicht sein könnten. Ihr Begleiter begegnet ihr mit Sarkasmus, Amüsement, aber auch mit ehrlicher Sympathie. Ein perfektes Gespann. Es sind Szenen wie diese, in denen wir ganz genau erkennen können, dass sich Genre-Allrounder Stephen Frears für seine Tragikomödie Philomena einen Plan zurechtgelegt hat.

In seiner unheilvollen Exposition beschwört Frears zunächst das Mythische der Vergangenheit herauf. Der Jahrmarkt, auf dem Philomena der sexuellen Versuchung erlag, schillert im Lichtermeer, ein kalter fahler Schleier liegt über den Bildern des Klosters, das ihr Kind raubte. Seit fünfzig Jahren vermisst sie ihren unehelichen Sohn, der ihr in der Jugend von den Schwestern eines Konvents weggenommen wurde. Als ihre Tochter an den Ex-BBC-Journalisten Martin Sixsmith herantritt, eröffnet sich ihr die einmalige Gelegenheit, den verblichenen Spuren früherer Tage zu folgen. Anfangs wenig interessiert an der „Human Interest“-Story, kann sich dieser dem spröden Charme der alten Dame alsbald nicht mehr erwehren.

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Ganz den Regeln eben jenes medialen Human Interest folgend – welch Ironie – operiert auch Frears. Sein Film ist an die Entstehungsgeschichte des Buches The Lost Child of Philomena Lee angelehnt, die er in eine filmische Form zu biegen versucht. Und die soll allgemein verständlich sein. Dass Dench und Coogan dabei zum absoluten Epizentrum des Films auserkoren werden, ist gewissermaßen selbstverständlich, im Hinblick auf Frears’ frühere Filme wie Die Queen (2006) nicht ungewöhnlich und zudem völlig legitim. Großartig spielen sich die beiden Darsteller durch die Erzählung und verstehen es, sowohl in der Privatheit schwach beleuchteter Hotelzimmer als auch in der nicht enden wollenden Weite irischer Fluren das kippelige Gleichgewicht von Dramatik und Komik auszutarieren.

Auffällig ist dabei, wie wertungsfrei der Film mit allem und jedem umgeht, es aber dennoch schafft, seine Geschichte präzise in gängige Erzählschablonen zu pressen. Kritische Ansätze, wie etwa zu religiösen Anschauungen, blitzen auf, werden durch die gegensätzlichen Standpunkte von Philomena und Martin jedoch stets abgewiegelt und neutralisiert. In der letzten Konfrontation mit dem Klosterorden tut Philomena ungeachtet der schrecklichen Tat der Schwestern das, was ihr Glaube lehrt: Sie vergibt. Und auch ansonsten weiß sie Martin immer wieder erfolgreich mit Weisheiten ihrer starren christlichen Doktrin zu beschwichtigen.

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Starr ist auch das Skript von Coogan und Pope, das immerzu klare Ausformulierungen findet und den Darstellern ganz offenkundig im Nacken sitzt. Wenn Philomena, die ihre Mitmenschen des Öfteren wegen ihrer Wortwahl zurechtweist, plötzlich von ihrer Klitoris spricht, dann folgt dies nicht einer differenzierten Figurenzeichnung, sondern ist der Hegemonie des Drehbuchs geschuldet, das stets prägnanten Phrasen und stimmigen Pointen hinterherjagt. Personen wie Philomenas Tochter, die rasch gänzlich verschwinden, dienen nur als Katalysatoren der Narration, sind aber als Charaktere nicht von Belang. Sie alle werden eingepfercht in die Enge des dramaturgisch akkurat ausgearbeiteten Skripts und die konsequente Strenge der standardisierten Bildsprache, bewegen sich unbeirrbar auf den nächsten Plot Point zu. Die rührende Geschichte entpuppt sich als einfacher gestrickt, als sie zu sein vorgibt, und ist so penibel angeordnet und durchgetimt, dass man bei derartigem Drang zum allerklassischsten Erzähl-Perfektionismus ab und an einen faden Beigeschmack empfindet.

Gelegentlich bricht Frears aus diesem Schematismus aus und verlässt sich so stark auf seine Figuren, dass alles andere aus dem Bildfeld verschwindet und schier bedeutungslos erscheint. Gerührt sieht Philomena Aufnahmen ihres Sohnes auf Video, wird überwältigt, so wie auch wir überwältigt werden. Die Erhabenheit der Großaufnahme legt sich wie ein mächtiger Zauber über die Leinwand, scheint uns zu sich zu ziehen und völlig einzunehmen. Frears weiß sie ökonomisch für sich zu nutzen, streut sie wenige Male dazwischen, sodass sie nichts von ihrer Durchschlagskraft verliert und wir ihrer nicht überdrüssig werden. Er hat an alles gedacht.

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Philomena blendet uns mit seiner ausbalancierten Tragikomik, seiner einfachen Bildsprache und der bescheidenen Anmut seiner liebenswerten Heldin. Der enormen Anziehungskraft der Hauptfiguren gewahr führt uns der Film sanft über die gleichmäßig geebneten Wege seiner vollkommenen Geradlinigkeit. Emotionen können hier niemals fehlgeleitet oder missverstanden werden. Doch mag uns Frears auch mit noch so viel Souveränität und Wärme umgarnen, manches Mal entlarven wir ihn und sein mal mehr, mal weniger aufdringliches Kalkül. Wie schön sind doch die Tränen in ihren Augen. Human Interest.

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