Phantomschmerz

Manchmal müssen wir ein Bein verlieren, um wieder zu uns selbst zu finden. Leicht erzählt ist das nicht.

Phantomschmerz

„Bist du eigentlich in einer Krise?“, fragt Alexander (Stipe Erceg) seinen Freund Marc (Til Schweiger). „Ich krieg ’ne Krise, wenn ich das höre“, antwortet der, „ich bin in keiner Krise“. Dieser Dialog findet kurz nach Marcs Beinamputation statt, würde aber dessen Befinden in jeder Szene treffend kommentieren. Das ist das Problem in Phantomschmerz – einem Film, der das Kunststück vollbringt, von einem dramatischen Wendepunkt zu erzählen, ohne einen zu enthalten.

Die Geschichte beruht laut Vorspann auf einer wahren Begebenheit. Dieser Hinweis hat bei tragischen Stoffen immer etwas leicht Erpresserisches: Nimm mich ernst – ich bin wirklich passiert. Im Abspann sind wie zur nachträglichen Überzeugungsarbeit zahlreiche Fotos des 2004 auf einer Vespa verunglückten Stephen Sumner zu sehen, dessen Schicksal Regisseur Matthias Emcke zu dem Stoff inspirierte. Da ist aber alles längst zu spät, denn zu diesem Zeitpunkt hat man, was gegenüber Sumner vielleicht ungerecht ist, schon fast jedes Interesse an der Geschichte verloren.

Phantomschmerz

Das liegt weder am Look des Films noch an seinem Hauptdarsteller. Til Schweiger spielt die Figur größtenteils überzeugend, gerade bei ihren wenigen Verzweiflungsausbrüchen, Szenen, in denen er seinen Rollentypus kurzzeitig gänzlich verlässt, ist er überraschend gut. Und Phantomschmerz ist auch schön gefilmt; er zeigt Berlin in gedeckten Farben und meist abseits der üblichen Schauplätze als eine stille, manchmal fast menschenleere Stadt, was die Befindlichkeit der stets etwas (nur etwas!) verloren wirkenden Hauptfigur gut spiegelt.

Die Konzeption der Figur selbst ist es, die den Film scheitern lässt. Zum einen wirkt sie – ob nach realem Vorbild gestaltet oder nicht – in jedem Moment ausgedacht. Playboy, Rennradfahrer, Vater und Ex-Ehemann, und zu allem Überfluss auch noch Schriftsteller: Das ist etwas viel auf einmal – und zugleich zu wenig, denn in jeder ihrer Eigenschaften ist die Figur nachgerade einschläfernd ausgewogen. Der Playboy ist kein fieser Chauvi, sondern einer zum Knuddeln (und Haarewuscheln). Der Rennradfahrer ist ehrgeizig und in seinen Sport vernarrt, aber keineswegs manisch verbissen. Der Vater und Ex-Ehemann schludert manchmal mit dem Unterhalt, liebt seine kleine Tochter (Luna Schweiger) aber abgöttisch. Dem Schriftsteller fehlt es an Selbstbewusstsein, aber sein Talent ist unverkennbar – jeder Zuhörer ist von seinen Geschichten begeistert.

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Und das alles ist vor und nach dem Unfall so. Eine Beinamputation ist eigentlich ein sehr drastischer Einschnitt, nach dem nichts so ist wie zuvor. Klassischerweise wäre so ein Stoff die Geschichte einer Läuterung – Marc indes bedarf keiner solchen. Auch vor dem Unfall hatte er Freunde und war zu echter Liebe fähig. Auch nach dem Unfall steigt er mit Frauen ins Bett und, einer Prothese sei dank, bald auch wieder aufs Rennrad. So kommt es, dass die Unfallszene, die der Schlüsselmoment des Films sein müsste, einfach eine Szene unter vielen ist. Auch ästhetisch und formal tut sie sich, wie die meisten Szenen von Martin Todsharows einlullend melancholischem Score untermalt, nicht besonders hervor.

Immerhin, Phantomschmerz versucht nicht, uns Marcs alten Lebenswandel als unmoralisch vorzuführen – der Unfall fungiert nicht als Strafe, und die Wandlung zum Musterbürger bleibt glücklicherweise aus. Die einzige Wandlung, die sich zum Ende des Films denn doch vollzieht, ist Marcs Befreiung von seiner Schreibblockade. Doch erstens zweifelt man nicht daran, dass er das dank der liebenden Unterstützung von Nika (Jana Pallaske) – die er auch schon vor dem Unfall kennenlernt – auch auf zwei Beinen hinbekommen hätte. Und zweitens weiß man es ohnehin von Anfang an, weil Marcs schriftstellerischer Neuanfang die Klammer des Films bildet. Aus dem Off liest er häppchenweise die Geschichte seines Vaters vor, der ein ähnlicher Typ war wie er.

Phantomschmerz

Eine von Marcs hübschen Tierfabeln, die er im Film zum Besten gibt, endet mit dem Fazit: „Alles gleicht sich im Leben aus.“ Das ist jene Art von Kalenderblattspruch, die erstens leider unwahr ist und aus der sich zweitens keine interessante Geschichte machen lässt. Und auch wenn die Figur des einsamen Jägers und Radlers nicht frei ist von abgehangenen Männlichkeits-Klischees: Marc ist alles in allem ein netter Kerl, dem etwas sehr Schlimmes passiert und der danach ein netter Kerl bleibt. Das ist versöhnlich und optimistisch, aber eben leider keine Geschichte. Nur eine Phantomerzählung.

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Kommentare


Franzi

Was für ein richtig, richtig, richtig schöner Film das ist ^^... habe ihn mir auf die Empfehlung von einem Freund angeguckt und bin total verzaubert davon, wie Til Schweiger in dem Streifen spielt - kein Vergleich zu anderen Darstellungen von Figuren, hier ist er ein richtiger Charakter und keineswegs in irgendeiner Form stereotyp...






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