Personal Shopper

Mit A-Schauspiel und B-Plot zu C-Buhrufen. Ein Plädoyer für Assayas und einen herrlichen Film über die Zerstreuung.

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Mehrmals ertappe ich mich dabei, wie ich von der Leinwand aufschauen will, so als hätte ich gerade heimlich auf mein Smartphone geschielt und eine Nachricht erhascht. Dem unwiderstehlichen Vibrieren nachgegeben, der Angst vor der unerwünschten, der Sehnsucht nach der verheißungsvollen Nachricht. In Personal Shopper gibt es eine Reise-und-Shopping-Sequenz, die ist so gegenwärtig, so sehr der Interaktion mit unseren Alltags-Begleitern nachempfunden, dass sie gespenstische Züge annimmt. War Maureen (Kristen Stewart) nicht gerade noch am Bahnhof, im Zug, im Taxi? Die SMS kommen Schlag auf Schlag, von einer zur anderen wechselt sie ihre Haltung: Ignorieren, Provozieren, Mitspielen. Wenn Olivier Assayas will, dann ist der Fortlauf spannend und geschmeidig, die Zeit rast vorbei.

Ein angreifbarer Film

Assayas will aber nicht nur geschmeidig sein. Der große Liebhaber von B-Filmen mit günstig hergestellten Effekten und unrealistischen Wendungen zeigt sich zum ersten Mal seit zehn Jahren und dem Neo-Noir-Thriller Boarding Gate (2007) wieder offen für das, was nicht hineinpasst ins klassische Autorenkino oder was man so nennt. Verwundbar und angreifbar macht sich der Regisseur, indem er die verschiedenen Register ineinanderfließen lässt, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres: Auf die Geisterstunde folgt die Milieustudie, Trauerarbeit und Horrorfilm werden eins. Die Klammer bildet Kristen Stewart, die unter der Regie von Assayas nach Die Wolken von Sils Maria (Clouds of Sils Maria, 2014) erneut eine ganz eigenartige Präsenz entwickelt. Nachdem sie im Zweiergespann mit Juliette Binoche eine Öffnung auf die Welt ermöglichte, ist ihre traurige Lebendigkeit hier ganz nach innen gekehrt. Das einzige Außen, das sie interessiert, das ist die Präsenz der Geister.

Personal Shopper 03

Stewarts Maureen ist Mittlerin in diesem Film, und das nicht nur, weil sie ein Medium ist, das zu verstorbenen Seelen eine Verbindung spüren kann. Assayas kreist unablässig um sie, die Kamera von Yorick Le Saux lässt ihr die Freiheit zum eigenen Rhythmus, legt sich auf die Lauer, um ihren Bewegungen zu folgen, als kenne sie das Geheimnis zur Durchdringung und Erkundung dieser Welt. Maureen ist dabei aber nur die Eintrittskarte, die Verbindungsfrau in ein Werk, das das Zentrum verloren hat, das die Zerstreuung vereinnahmt und zum filmischen Prinzip macht. Maureen ist tough und beschäftigt, völlig verloren und orientierungslos. Seit dem Tod ihres Zwillingsbruders Lewis wartet sie auf ein Zeichen aus dem Jenseits, an das sie sich noch nicht einmal entscheiden kann zu glauben.

Fliehende Momente

Der Konsum, der Maureens Tage füllt, ist nicht ihr eigener, sie ist der titelgebende Personal Shopper für einen Star. Die schönen, teuren, mal eleganten, mal extravaganten Kleider, Schuhe, Taschen und Accessoires, für die sie mit dem Moped durch Paris und auch einmal kurz nach London fährt, sie kauft sich damit nicht in die Bewusstlosigkeit. Die Geschwindigkeit, mit der sie von einem privaten Laden zum nächsten Couturier saust, vor allem wie schnell sie sich entscheidet, immer mit versicherter Rückgabe-Option, das hat dennoch etwas von Kaufsucht. Dazu passt auch Maureens Geschäftigkeit und bemühte Freudlosigkeit – wie wenig sie sich anmerken lässt, dass sie an diesen Einkäufen auch einen eigenen Gefallen findet, der gelernte Selbstschutz. Stewarts gespieltes Desinteresse, ihr abwesender und doch zielgerichteter Blick, ihre angezogenen Schultern, die ihre Schönheit nicht verbergen, der ständige Widerstreit zwischen ihrer frei schwirrenden Energie und ihrer massiven Bodenhaftung: Assayas kann all das auf die Leinwand transportieren und damit den Fluchtpunkt markieren, einen der Selbsterkenntnis.

Personal Shopper 01

Wo ist Maureen, wo ist der Film? Im Augenblick selbst ist Personal Shopper fast nie: Immer auf dem Weg, in Gedanken verloren, in der Angst und im Verlangen. Assayas baut auf Suspense und findet nur im Schauspiel Momente der Erleichterung. Etwa wenn der Sänger Benjamin Biolay einen Kurzauftritt als Geister rufender Victor Hugo in einem Film der 1960er Jahre hat. Oder wenn endlich das Geheimnis gelüftet wird, wer diese Kyra ist, für die Maureen ständig shoppt: da reckt und streckt sich Nora von Waldstätten auf ihrem Bett, eine Telefonkonferenz ist gerade im Gang, das iPhone auf laut gestellt, der Anwalt sitzt tief und ungemütlich, sie dehnt sich in einer ultimativen Performance der Selbstbeherrschung und Überlegenheit. Auch das ist ein fliehender Moment, die Situation wird nur erhascht, nicht gelebt. Tatsächlich sind die einzigen Momente, in denen so etwas wie eine Gegenwärtigkeit stark wird, ausgerechnet die Geisterstunden.

Obsession gegen Zerstreuung

Personal Shopper ist gleichzeitig durchdacht und völlig unreif, weil sich die verschiedenen Ebenen der Erfahrung zum Teil im Weg stehen. Weil das Netz, das Assayas spannt, lose ist, Erklärungen sich nicht mühelos fügen, sondern wie bestellt erscheinen. Die Verweise auf das selbstreferenzielle Horrorkino à la Scream (1996) legen falsche Fährten, weil es hier viel stärker um die Reduktion als um das Genrespiel geht. Als kleine Produktion eingeschoben, weil ein anderes Projekt sich zerschlug, hat der Film gerade im Vergleich zu Die Wolken von Sils Maria, Die wilde Zeit (2012) oder Carlos (2010) einen anarchischen Touch. Das erklärt, gerade im Wettbewerb von Cannes, eine gewisse Ratlosigkeit, vielleicht auch die Wut und manches Gelächter. Das Festival kultiviert in den Hauptreihen immerhin nur selten die Öffnung für narrative Inkohärenz und nur so weit, wie stilistische Kohärenz sie ersetzt. Personal Shopper aber wirkt wie ein Versprechen. Zerstreuung kann eingefangen werden, mit etwas Obsession und ohne Rücksicht auf Verluste. Und wenn die Gegenwart erst provoziert werden muss, dann können Geister dabei helfen. Vielleicht müssen wir dafür noch nicht einmal an sie glauben.

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