Performance

Du bist, was du spielst: In den Gemächern des Rockstars Turner lernt der Gangster Chas, dass Identität und Geschlecht nur Images sind, die man an- und ausziehen kann wie eine Perücke.

Performance

Bei seinem ersten Mord ist sich Chas (James Fox) seiner selbst noch ganz sicher. „I am the bullet!“ lauten die letzten Worte an sein Opfer. „Ich weiß, wer ich bin!“ sagte er kurz zuvor, in einer Mischung aus Trotz und Drohgebärde, zu seinem Boss: ein knallharter Gangster, ein Schläger und Erpresser, dem seine Arbeit Spaß macht, ein Ausbund an Männlichkeit, aggressiv heterosexuell und hemmungslos narzisstisch. Mit seinem zweiten Mord besiegelt Chas, nunmehr geschminkt und mit Langhaarperücke, eine gute Filmstunde später die Auflösung dieser Identität. Zuvor hat er halluzinogene Pilze gegessen und war im Bett mit Mick Jagger.

Bei seiner Wiederaufführung 1977 wurde Performance als ein Film beworben, der seiner Zeit um zehn Jahre voraus war. Nach seiner Fertigstellung landete er zunächst im Giftschrank: Die Warner-Verantwortlichen, die eine Art Stones-Gegenstück zu Richard Lesters’ A Hard Days Night (1964) erwartet hatten, packte bei der ersten Testvorführung das schiere Entsetzen. Als er zwei Jahre später doch in die Kinos kam, nannte ihn Richard Schickel – repräsentativ für die damalige Kritik – den wertlosesten Film, den er je gesehen habe. Mit den Jahren etablierte sich Performance als typischer Midnight Movie, heute gilt er als verkannter Klassiker des britischen Kinos, zu seiner Zeit ebenso unverstanden wie zehn Jahre zuvor Peeping Tom.

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Den Film bestimmt schon auf Produktionsseite ein duales Prinzip: Gemeinhin bruchlos in das Werk Nicolas Roegs eingeordnet – was stilistisch und motivisch auch hinkommt, nicht nur wegen der Vorliebe für die Farbe Rot –, wurde er gemeinsam mit Donald Cammell inszeniert, nach Aussage beider Regisseure mit gleichwertigem kreativem Anteil. In jedem Fall besteht er aus zwei inhaltlich und formal disparaten Hälften. Die erste zeigt Chas bei seiner täglichen Arbeit als Schuldeneintreiber für seinen Chef Harry Flowers. Die an sich konventionelle Gangstergeschichte präsentiert der Film, erkennbar von der Nouvelle Vague beeinflusst, in hart geschnittenen Parallelmontagen, jump cuts und Zeitsprüngen – Stilmittel, die die Virilität und Härte der Hauptfigur noch unterstreichen und die Konsistenz ihres Ichs zugleich schon ständig attackieren. Die psychedelischen Soundeinsprengsel sind Vorboten der anderen Welt, die in der zweiten Hälfte über Chas und den Film herrscht.

Als Chas nach dem Mord an seinen früheren Freund Joey bei seiner Bande in Ungnade fällt, muss er fliehen und findet Unterschlupf bei dem in Notting Hill residierenden Rockstar im Ruhestand Turner (Mick Jagger). Der Film wechselt in ein lineareres und gemächlicheres Erzählen, während nun die Handlung selbst ins Bizarre kippt: Form und Inhalt tauschen gegenüber der ersten Hälfte die Rollen. In Turners Villa sind alle Gesetze aus Chas’ bisherigem Leben außer Kraft gesetzt. Der Musiker, der von sich behauptet, „viel zu arbeiten“, scheint nichts zu machen als in seinen mit Hippie-Kitsch und Pop-Requisiten vollgestopften Gemächern herumzuhängen, reichlich Drogen zu konsumieren und sich mit seinen beiden Gespielinnen, seiner „Sekretärin“ Pherber (Anita Pallenberg) und deren Freundin Lucy (Michèle Breton) in Bett und Badewanne zu vergnügen.

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Mick Jagger gibt Turner als ein surreal gesteigertes Abbild seiner eigenen Star-Persona. Die schläfrigen Augen, die laszive Blasiertheit, die uneindeutige Sexualität, das sanft provozierende Cockney-Genuschel: Noch heute ist zu erahnen, welche Bedrohung das bürgerliche England in dieser Gestalt gesehen haben muss. Dessen Stellvertreter Chas gibt sich angewidert, ist dem seltsamen Zauber dieser Welt aber schnell hilflos erlegen. Der ehemalige Mobster gibt sich als „Jongleur“ aus, eine Mimikry, die einer lachhaften Selbstdemütigung gleichkommt. Den Bewohnern der Villa wird er nun selbst zum Spielball, sie umkreisen ihn mit Misstrauen, Spott und Neugierde; vor allem Pherber wird zur treibenden Kraft bei den Verkleidungs- und Drogenspielchen, die sie mit ihm treiben, bis er in einer langen psychedelischen Sequenz jeden Bezug zur Realität und zu seinem alten Ich verliert.

Dass die Rolle der „Spielleiterin“ mit Anita Pallenberg besetzt wurde, jener geheimnisvollen und betörenden Ikone, die in den 60ern wie keine zweite Frau dem inneren Machtzirkel der Stones angehörte, macht den Film noch vieldeutiger und gab der Legendenbildung reichlich Stoff: vor allem wegen der angeblichen Affäre zwischen Jagger und Pallenberg, die vormals mit Brian Jones und zur Drehzeit mit Keith Richards liiert war. Stones-Biograf Philip Norman sieht in Jaggers Figur denn auch eine bewusste Mischung von Attitüden seiner beiden Band-Kollegen.

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Das Warner-Studio begründete seine Ablehnung des Films lapidar mit „zu viel Gewalt“. Doch trotz zweier drastischer Folterszenen in der ersten Hälfte dürften andere Aspekte von Performance weit mehr provoziert haben. Wo in der Realität die Gegenkultur vom Establishment als mehr oder weniger kriminell empfunden wurde – und Jagger und Richards 1967 auch tatsächlich kurzfristig hinter Gittern landeten –, da setzt der Film Bürgertum und Kriminalität in eins. Eine der ersten Aktionen Chas’ wird stakkatoartig mit einer Gerichtsverhandlung gegengeschnitten, nicht als Gegensatz, sondern als Teil des gleichen Systems. Chas und seine Leute sind weniger Outlaws als auf Anstand und Ordnung bedachte Kleinbürger, voller Abscheu gegen Ausländer und arbeitsscheues Gesindel, und besorgt um die Zukunft ihrer Kinder. Doch während ihre eigene Welt im Film als gleichermaßen marode und korrupt erscheint, treibt sich ausgerechnet in Turners Höhle der Dekadenz ein Kind herum und fühlt sich dort offensichtlich pudelwohl.

Auch wenn der Film keine explizite Sexszene zwischen Chas und Turner zeigt, ist offenkundig, dass die androgyne Lucy vor allem als Platzhalter für Chas’ eigentliches Objekt der Begierde fungiert. Der vormals so männliche Gangster wird in ein groteskes Abbild des femininen Rockstars verwandelt, bevor er und Turner in Überblendungen verschmelzen. Und schließlich sehen wir Jagger, bei der Darbietung seines Songs Memo from Turner, im Anzug und zurückgekämmtem Haar als Eindringling in Chas’ Business-Welt. Der inszenatorische Höhepunkt, in dem beide Welten verschmelzen und kollabieren. Bei alledem geht es weniger um Identitätswechsel und Rollentausch als um die Entlarvung jeder Identität als Rolle. Turner liefert hierfür die Stichworte: „Nothing is true, everything is permitted“ – er und Chas sind gleichermaßen „Performer“, denen ihr Ich rein äußerlich ist.

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Fraglos ist Perfomance heillos symbolüberfrachtet, durchzogen von einer recht aufdringlichen Spiegel-Metaphorik, auch auf die Borges-Inspiration wird mit Textrezitationen und einer Porträteinblendung nicht gerade zurückhaltend hingewiesen. Positiv gewendet, ist der Film ein Dorado für Zeichenleser und Spurensucher. Faszinierend ist aus heutiger Sicht, dass Mick Jagger bereits im Jahr 1968, fünf Jahre nach seinem Karrierebeginn, die Rolle eines abgehalfterten Rockstars auf den Leib geschrieben wurde – ein Hinweis auf die Dichte und Schnelligkeit jener mit Umbrüchen gefüllten Zeit. Während die Welt 2008 „gefühlt“ kaum anders ist als 2003, spielten Anfang und Ende der 60er Jahre im Vergleich dazu auf zwei verschiedenen Planeten. Auf eine Gegenkultur, die sich das alte England fünf Jahre zuvor in seinen schlimmsten Albträumen nicht vorstellen konnte, schaut der Film schon fast mit dem Gestus des Rückblicks.

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