Per sempre

Gottlob hatte niemand das Geld oder die Hausfrauenqualitäten, das Filmset zu reinigen. In Per sempre eröffnet uns Lamberto Bava eine matte, dunstige, in sich verstrickte Welt von Uferschlamm und Alltagsstaub, „trashiger“ Poesie und schmutzigem Schönheitssinn.


 

Es wirft uns gleich in die Keimzelle des Unheils, in den Lieferwagen eines panischen Pärchens in der finstersten Nacht seines Lebens. Blau strömender, ultranasser Regen. Ein winziger Seitenblick des grimmigen Carlo (David Brandon) auf die Hand der schönen Linda (Gioia Scola), die sie schützend auf ihren Bauch gelegt hat. Sie müssen die Leiche ihres Mannes Luca verstecken; alles ist hier eng und dicht, wie in eine Büchse gequetscht.

Das ist einer der Filme, bei denen jeder Moment mir etwas sagt und mich als Autorin überfordert. Wie die vertrauensseligen Kinder vom schmuddeligen Rand einer Siedlung legt er seine klebrige Hand in meine. Er führt uns in seine matte, dunstige, in sich verstrickte Welt von Uferschlamm und Alltagsstaub, „trashiger“ Poesie und schmutzigem Schönheitssinn. Er will uns etwas zeigen. Alles, was er hat. Sein ganzes trübes, glamouröses Arsenal.

Dazu gehören auch die pappig-pulpigen Eighties-Musiksounds (Simon Boswell) mit ihrem üppig kühlen Hall. In der Version, die ich gesehen habe, sitzt den Bildern faszinierend schief und lose eine deutsche Synchro auf; sie klingt gekünstelt, fabriziert, nicht wie aus dem Herzen des Films; Lindas Stimme perlt und gluckert zu alert, um glaubwürdig zu sein… es passt zu dem Leben der Leute in dem Film.

 

Acht Jahre danach. Alex, der kleine Junge aus Lindas filmanfänglichem Bauch, fragt den angespannten Stiefpapa symptomatisch, ob er ihm die Batterien für sein Spielzeugauto mitgebracht hat. Natürlich nicht; Stiefvater Carlo wehrt ihn ab, chronisch gereizt, er hat Wichtigeres zu tun. Fässer schleppen, das fatale Lieferauto weiterfahren. „Linda & Carlo: Persico Reale“ (Flussbarsch) steht mit schon wieder überholter Anfangshoffnung drauf. Sie haben von Lindas Mann eine kleine Klitsche geerbt, bei einem weiten See in flachem Land, ein einfaches Fischrestaurant, so trist und ominös wie die alte Tankstelle/Autowerkstatt in meinem Dorf (ich wollte immer wissen, was für Geschichten in ihr spielen). Winterlich kahle Uferbäume. Nackter, festgetretener, quasi haarloser Lehmboden. Linda ist wieder schlank und kellnert, wie als ihr erster Mann noch lebte. Löst aufreizend beiläufig die Schürzenschleife hinter ihrem Rücken, während sie dem Polizeikommissar Ricardo Pasta serviert. Schäkert mit den Gästen, in der italienischen Filmtradition aufregend nachlässiger, nicht auf den Mund gefallener Unterschichtsfrauen. Die Männer straffen sich und kriegen Stielaugen. Und sie kann kochen! Sexy dekolletiert, mit ihrer 80er-Jahre-Löwenmähne, steht sie am Küchenherd, nascht an den Nudeln und dem, was sie da sonst noch dünstet. Carlo will sie am liebsten dauernd dabei von hinten schmusen. Endlich ist ER ihr Mann. Den alten haben sie damals mit vergiftetem Kaffee umgebracht. Aber es hat sie nicht glücklich gemacht. Das ist die große Scheiße. Ein böser Schatten liegt seitdem auf ihrem Leben. Der Fluch der bösen Tat. Paranoides Misstrauen gegenüber harmlosen Anderen (Polizist Ricardo). Angst, dass alles rauskommt. Schlecht verdrängte Schuldgefühle.

Ihre hinreißend dürftige Bude. Ein Omaschlafzimmer mit Fernseher. Sie, mäkelig auf dem Bett. Er macht Muskelübungen vor dem Schrankspiegel. Beengte finanzielle Verhältnisse. Müde, kleine Freuden. Ihre genervte und leidenschaftliche Pärchenintimität. Er ist ihr lästig mittlerweile. Sie will für sich und Alex Ruhe haben vor Marcos „Komm schon“s und „Lass mich doch“s. Die beiden gehen – wenn man es positiv formulieren will – offen damit um und werfen sich an den Kopf, wie wenig sie den anderen noch begehren und ertragen. Ihre Streits machen sie allerdings an, und dann hängen ihre Körper doch wieder aufeinander.

 

Schöner, fremder Mann, nachts im Regen an der Tür. Hat sich „verirrt“ und will herein zu Linda und Carlo. Man kann ihn nicht da draußen stehen lassen, sagt sie. Wieder schwimmt das geheimnisvolle, tiefe Blau um die Personen, diese Lieblingsfarbe der dunklen 1980er Jahre, aus der manchmal ein glühendes Rot herausschreit. Marco heißt der Mann (gespielt von Urbano Barberini). Ist er real? Ein schönerer, jüngerer Wiedergänger ihres toten Mannes? Will er sich rächen und sein Kind holen? Das wird Linda immer stärker fürchten: dass ihr zur Strafe das Liebste („Das einzig Saubere in meinem Leben“) genommen wird.

Nachts steht Marco in der Tür des Kinderzimmers und betrachtet unbemerkt sein (?) schlafendes Kind. Etwas, das ich in diesem Jahr schon mal gesehen habe, auch in einem italienischen Film, Ringo kehrt zurück,(Il ritorno di Ringo, 1965) beim Nürnberger Terza Visione Festival. Ich kenne das sonst nur von Mutter und Kind – aus Grimms „Brüderchen und Schwesterchen“ oder alten, deutschen Filmen, wenn eine verstoßene oder reuig von einer Auslandskarriere zurückgekehrte Mutter unerkannt ihr Kind umschleicht.

Alex steht bei seiner Schaukel. Starr wie Kinder (auch in Horrorfilmen) das oft tun, wenn sie etwas konzentriert beobachten und sich für unsichtbar halten. Oben auf der Traverse hockt Marco und repariert ihm die Schaukel. Wenn Alex zu ihm hoch blickt, sieht der neue Mann, im Gegenlicht vor den Baumkronen, wie der buchstäbliche „Vater im Himmel“ aus.

 

Einen Schuss Ingwer wird er in die Fleischsauce tun, wenn sie ihn als Koch anstellen, kündigt Marco an am Küchentisch, um den sich die unfreiwillig durch ihn erweiterte kleine Familie versammelt hat. Ein Schuss Ingwer in der Fleischsauce! Linda ist begeistert. So macht sie die Sauce auch immer, woher weiß er das! „Ich hab’s gestern aus deiner Sauce herausgeschmeckt“, verblüfft Marco sie lachend (der Film ist voller dialogischer und optischer Zweideutigkeiten). Und Carlo dampft. Es brodelt in ihm so sehr gegenüber Marco, dass man meinen möchte (und ein bisschen wünscht), es sei aus Begehren. Es ist hilflose Wut. Er sieht dieselbe Geschichte mit wechselnder Besetzung ablaufen, und diesmal hat er die Arschkarte und wird ausgemustert.

Wir schauen ihnen mit der Kamera wie von oben von einem Schrank herunter zu. Es ist staubig hier, weil gottlob niemand das Geld oder die Hausfrauenqualitäten hatte, das Filmset zu reinigen. Der ganze Tanz, das Drama unter uns, die wechselnden Konstellationen von engem, rotem Kleid und spitzem Busen, schwül-mokantem, schiefem Lächeln, Männern, Nudeln, Kind und Küche, Schaukel, Tristhaus, Mord und dunklem Wuschelhaar… der Film klebt versessen dran und umschmiert das alles schamlos, die Hauptdarstellerin, die Gefühle und auch die oft reizvoll halbnackten Männer.

Während Marco später im Lokal verdorbenes Fleisch wegräumt (die Kühlung ist, nicht unsymbolisch, ausgefallen), denkt er an Linda. Seine Hände in dem blutigen, madigen Fleisch, und sie dagegen, traumverloren, nachdenklich am glitzernden See: In diesen Gegenschnitten ist Humor versteckt, obwohl der Film an sich ein Wühler ist, der eng bei seiner Geschichte bleibt und sich tief in sie hineinkniet.

Lindas Konflikt zwischen ihrer Rolle als Mutter und Geliebte, ihr panisches Außersichsein, als ihr die Folgen ihres Tuns über den Kopf wachsen, sich die Männer an sie klammern und sie unter Druck setzen: Solche Momente sind fast wie eine Low-fi oder„Billig“-Version von Zulawskis Possession. Aber „billig“ meine ich nicht negativ. Es ist sehr schön, dass es auch etliche Nummern kleiner geht und nicht minder fließt und mitreißt und zahllose assoziative Geisterchen mit sich führt. Ich mag das mindestens genauso gern.

 

Es kommt wieder. Alles kommt raus. In  Alex’  Alpträumen kommt ein Mann durch die Wand und aus der Erde: „Er will, dass ich mit ihm weggehe. Dorthin, wo es schön ist.“ Halluzinationen ihrer untoten Männer verzerren auch Lindas Wahrnehmungen, sie wollen „Kaffee“, Gift, sie kann das alles nicht mehr auseinander halten. „Ist Carlo weg?“, fragt Alex sie nach einer weiteren Zuspitzung, „per sempre? Da bin ich aber froh. Du doch auch, Mama!“ Ja und nein müsste man auf jede dieser Fragen antworten. „Per sempre“ ist auch in Lindas Ehering graviert, als Versprechen und als Fluch, und sie kann der Bindung nicht entrinnen, auch nicht durch das sinnlos mörderische Auswechseln der Männer; Opfer, Täter, alle in dem Film sind beides. Nur die Liebe zwischen Mutter und Kleinkind ist unschuldig. Der Film ist weichherzig genug, um das in sich zu retten.

„Ci devono essere fantasmi in tutto il mondo, devono essere innumerevoli come granelli di sabbia”, steht über dem Schlussbild, ein Zitat aus Ibsens Drama Gepenster: „Ich glaube fast, wir sind allesamt Gespenster, Pastor Manders. Es ist ja nicht nur, was wir von Vater und Mutter geerbt haben, das in uns herumgeistert; auch alte, abgestorbene Meinungen aller Art, alte, abgestorbene Überzeugungen und Ähnliches. Sie sind nicht lebendig in uns; aber sie sitzen doch in uns fest, und wir können sie nicht loswerden. Wenn ich nur eine Zeitung zur Hand nehme und darin lese, sehe ich solche Gespenster zwischen den Zeilen herumschleichen. Die scheinen im ganzen Land zu leben. Sie scheinen so zahllos zu sein wie Sandkörner.“

Trailer zu „Per sempre“


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